Menschen wie Schimpansen wissen, dass es sich lohnt, einen Artgenossen zu beobachten, denn oft lernt man dabei etwas Neues. In Gruppen kommt dabei ein weiterer Aspekt hinzu: Als soziales Wesen muss man nun entscheiden, ob man der Mehrheit etwas abschaut oder vielleicht einem womöglich begabten Außenseiter. Für den Schimpansen scheint das keine Frage. Die Mehrheit entscheidet. Nur was tun, wenn man sicher weiß, dass die Mehrheit falsch liegt? Dann, ahnten Verhaltensforschern des MPI in Leipzig, dürfte es gerade für kleine Menschen besonders kompliziert werden: Tue ich selbst und allein, was richtig ist? Oder versuche ich, mich in die Gruppe einzufügen, um dazuzugehören? Der zu Grunde liegende Wunsch nach Konformität ist bei Menschen – egal ob klein oder erwachsen – sehr ausgeprägt und zentral für verschiedene Aspekte des Sozialverhaltens. Nun testete das Leipziger Psychologenteam, ob er auch schon bei zweijährigen Kindern greift.

Mitspielen oder Aussenseiter sein?
© Ronny Barr, MPI für evolutionäre Anthropologie
(Ausschnitt)
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Dazu bauten sie ein Experiment auf, bei dem eine Belohnung wartete (Schokolade!), wenn man einen Ball in ein bestimmtes Unterabteil einer Kiste warf. Das lernten die kleinen Kandidaten sehr schnell – ebenso wie zum Vergleich getestete Schimpansen, die um eine Erdnuss spielten. Spannender der zweite, eigentliche Teil des Tests: Nun mussten Tier und Mensch zunächst gleichaltrigen Artgenossen zusehen, die offensichtlich keine Ahnung von den Regeln hatten und die Bälle ständig ins falsche Abteil warfen (und dabei leer ausgingen). Nun waren die Kandidaten wieder am Zug und hatten zwei Möglichkeiten: sich anzupassen (und wohl kein Leckerli zu bekommen) oder die anderen zu ignorieren (aber auch nicht dazuzugehören).

Hier unterscheiden sich Affe und Mensch eindeutig: Die Schimpansen scherten sich nicht um die anderen – die Kinder sehr wohl: Brav begannen sie häufiger als vorher, die Bälle ins falsche Kistenabteil zu werfen. Und das vor allem dann, wenn die anderen Kinder auch zuschauten. Blieb das Zweijährige allein und unbeachtet, so erinnerte es sich daran, wie Schokolade zu erspielen war. Schon Zweijährige streben demnach nach "normativer Konformität". Das hat die Forscher verblüfft: "Wir waren überrascht, dass schon zweijährige Kinder ihr Verhalten ändern, nur um den potenziellen Nachteil zu vermeiden, anders zu sein", erklärt der Psychologe Daniel Haun als Leiter der Studie.