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Paläopathologie

Skelettanalyse belegt Rachitis der Medicikinder

Schädel von Filippo de Medici

Die Medici – erste Familie im Florenz der Renaissance – und ihre Sprösslinge hatten mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Dies war womöglich sozialen Konventionen geschuldet, schließen Valentina Giuffra von der Universität Pisa und ihre Kollegen, nachdem sie neun Skelette aus der Grablege des Fürstenhauses untersucht haben. Dabei zeigte sich, dass sechs der im 16. Jahrhundert verstorbenen Kinder der Herrscherfamilie offenbar an Rachitis gelitten haben, einer durch Mangel an Vitamin D hervorgerufenen Erkrankung, die sich unter anderem durch verformte Extremitätenknochen und Schädeldeformationen verrät und durch fehlendes Sonnenlicht begünstigt wird.

Der Schädel des Filippo de Medici
Der Schädel des Filippo de Medici | Der Knochen von Filippo de Medici (hier eine Schädelaufnahme) und die einiger seiner Geschwister zeigen Spuren rachitischer Veränderungen – zurückzuführen auf einen Vitamin-D-Mangel. Der geschwollene Schädel von "Don Filippino" zeigt zudem Autopsiespuren auf der Stirn: Nachdem er knapp fünfjährig verstorben war, öffneten Renaissancemediziner seine Schädelkalotte.

Die Skelette der als Neugeborene oder höchstens fünfjährig verstorbenen Medicikinder waren schon 2004 in einer versteckten Krypta der San-Lorenzo-Basilika von Florenz entdeckt worden. "Eigentlich hatten wir erwartet, sie seien – als Angehörige einer hohen sozioökonomischen Schicht – wohlgenährt gewesen", erläutert Giuffra. Die durch Röntgenuntersuchungen abgesicherten rachitischen Symptome kamen daher überraschend, weil sie im Normalfall eher mit Armut und belastenden Umweltbedingungen einhergehen. Eines der untersuchten Kinder, Filippo von Medici (1577-1582), hatte einen rachitisbedingt leicht deformierten Schädel, der auf zeitgenössischen Porträts dargestellt ist.

Womöglich, so spekulieren die Forscher, war die von niedrigeren sozialen Schichten strikt isolierte Lebenssituation der Medici eine Ursache der Krankheit: Die Kinder blieben vielleicht häufig in den luxuriösen Gemächern und verbrachten wenig Zeit in der Sonne; dort zudem nach Mode der Zeit geschützt von mehreren Kleiderschichten. Die unbesonnte Haut konnte daher zu wenig Vitamin D produzieren. Stickstoffisotopenanalysen der Knochen ergaben zwar, dass die Kinder erst nach etwa zwei Jahren von der Brust entwöhnt wurden, ein üblicher Zeitrahmen für höher gestellte Renaissancesprösslinge. Eventuell waren Mutter, Amme oder Nährmutter aber ebenfalls rachitisch vitaminunterversorgt – oder schlicht körperlich ausgezehrt: Die Medicigemahlin Eleanor von Toledo, Großmutter von Don Filippino, brachte zum Beispiel in 14 Jahren elf Kinder zur Welt; Filippos Mutter Johanna von Österreich starb indes bei der Geburt ihres achten Kindes.

24. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24. KW 2013

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