Wenn nordamerikanische Imker die Wabenrähmchen ihrer Bienenstöcke aus den Holzverankerungen ziehen, bietet sich ihnen immer öfter ein grauenvoller Anblick: Die wächsernen Waben sind braun und faulig, es riecht nach vergammelten Orangen und überall wimmelt es von weißen Larven. Die Bienenbrut ist angefressen, vereinzelt finden sich verkrüppelte Arbeiterinnen. Vom Rest des einstmals riesigen Bienenvolkes gibt es keine Spur. Der Bienenstock wurde Opfer des Kleinen Beutenkäfers.

Beutenkäferlarven in Honigwaben
© P. Neumann/ Landwirtschaftskammer NRW
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Seit der ursprünglich afrikanische Parasit 1996 in den USA erstmals nachgewiesen wurde, gilt er Imkern als Feindbild Nummer eins. Seine Attacken auf die Europäische Honigbiene sind häufig verheerend, die wirtschaftlichen Schäden für die Imker gehen in den USA in die Millionen, die fehlende Bestäubung in der Landwirtschaft sorgt für Verluste von 14 Milliarden Dollar jährlich. Und der florierende Handel mit Bienenköniginnen, die als so genannte Paket-Bienen per Flugzeug um die ganze Welt geflogen werden, trägt ein Übriges dazu bei, dass sich die Seuche auch in anderen Ländern ausbreitet. Im Jahr 2000 wurde der auch Bienenstockkäfer genannte Kleine Beutenkäfer in Ägypten entdeckt, 2002 auch in Australien. Im Oktober 2004 gelangte er erstmals auch nach Portugal.

Die Westliche Honigbiene ist machtlos

<i>Apis mellifera</i>
© F. Bock, beegroup, Universität Würzburg
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Warum der braune Parasit aus der Familie der Glanzkäfer bei der Europäischen Honigbiene so überaus erfolgreich ist, war den Forschern lange ein Rätsel. Denn in seiner Heimat im Osten Afrikas gelingt es Aethina tumida selten, sich derart rasant zu verbreiten. Die Ostafrikanische Hochlandbiene setzt die winzigen Eier und die Larven einfach vor die Tür, eingedrungene Käfer werden von den Wächterbienen schlichtweg eingesperrt, sodass sie keinen weiteren Schaden anrichten können. Vernichten können sie den Parasiten so jedoch nicht. Die Käfer imitieren einfach das Larvenverhalten ihres Wirtes und stimulieren die Arbeiterinnen so, sie zu füttern. Das Gegeneinander von Parasit und Wirt hat sich hier erfolgreich eingespielt. Die Westliche oder Europäische Honigbiene, eine gezüchtete Verwandte der afrikanischen Honigsammlerin, steht der Invasion jedoch völlig machtlos gegenüber.

Honigbiene füttert einen Bienenstockkäfer
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Peter Teal von der Universität von Florida hat zusammen mit Kollegen aus aller Welt nun eine erste Erklärung für die Käferplage. Denn die Kleinen Beutenkäfer haben einen extrem ausgeprägten Geruchssinn – der besonders empfindlich auf Pheromone des Bienenvolkes reagiert. Doch welche Botenstoffe genau finden die Krabbler so interessant?

Die Tests zeigten: Wehten den Käfern die Duftstoffe eines normalen, friedfertigen Bienenstockes um die Antennen, regten sie sich kaum. Bekamen sie jedoch Wind von aggressiven Bienen, welche die Forscher zuvor in einen Container gesperrt hatten, wurden sie magisch angezogen. Offenbar reagierten sie auf ganz bestimmte Duftstoffe, die die Honigsammler bei Attacken absondern, um ihre Volksgenossen zum Angriff zu motivieren und etwaige Feinde in die Flucht zu schlagen. Doch bei den Kleinen Beutenkäfern lösen die Alarm-Pheromone das genaue Gegenteil aus: Sie steuern geradewegs auf den Bienenstock zu.

Pheromone locken die Käfer auf die Fährte

Larve und erwachsenes Expemplar von <i>Aethina tumida</i>
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Dabei sind sie in der Lage, selbst geringste Spuren des Botenstoffes zu erkennen. Schon bei Mengen, welche die Europäischen Honigbienen selbst noch gar nicht wahrnehmen, können sie die Fährte aufnehmen. So gelingt es den Käfern, den Bienenstock zu entern, noch bevor die Bienen überhaupt etwas merken. Der Clou der Käfer-Piraterie: Selbst wenn die Wächter den Eindringling attackieren, ziehen sie mit ihrer Aggression gleich die Nachhut an.

Ist der erste Käfer erst einmal sicher gelandet, beginnt zudem eine fatale Kettenreaktion. So entdeckten die Forscher bei Tunnelexperimenten mit den Kleinen Beutenkäfern, dass die Insekten auch bienenfreie Bienenstöcke ansteuern – sofern sich darin bereits die eigene Sippe breit gemacht hat. Die Parasiten nämlich beherbergen selbst einen winzigen Gast, den Hefepilz Kodamaea ohmeri. Glanzkäfer sind als Träger dieses Pilzes bekannt, wächst er doch bevorzugt dort, wo sie selbst nach Nahrung suchen: auf dem Pollen blühender Pflanzen. Auch im Bienenstock fühlt sich der Hefepilz wohl – und produziert dort zum Erstaunen der Forscher fleißig eben jene Pheromone, mit der die angriffslustigen Arbeiterinnen ihre Kollegen zur Hilfe rufen.

Mitbringsel mit fatalen Folgen

Ist der Kleine Beutenkäfer mitsamt seiner Hefe im Bienenstock gelandet, verstärkt sein Reisepartner die Anziehungskraft derart, dass auch andere Käfer ihren Weg dorthin finden. Bald wimmelt es von Larven, der Stress der überforderten Bienen lockt weitere Plagegeister an. Die Bienen haben den Kampf verloren und ergreifen die Flucht.

Doch auch in Afrika ist die Gemeinschaft von Pilz und Käfer altbekannt – ohne dass die Parasiten dort ein solches Massensterben hervorrufen wie in den USA. Warum genau die afrikanische Biene hier die besseren Karten hat, können die Forscher um Peter Teal nur vermuten: Offensichtlich schaffen es die Westlichen Honigbienen anders als ihre afrikanischen Verwandten nicht, Eier und Larven des Schädlings zu bekämpfen.

Doch womöglich ist eine unsichtbare Schwäche der gezüchteten Bienenvölker viel ausschlaggebender: Die Afrikanische Hochlandbiene ist viel aggressiver. Schon bei geringsten Mengen des Alarm-Pheromons ist der gesamte Stock in Kampfbereitschaft. Ihre gezüchtete europäische Verwandte hingegen nimmt solche geringen Mengen an Botenstoffen noch gar nicht wahr. Mit seinen feinen Antennen nutzt der Kleine Beutenkäfer diese Schwäche aus. Bis Apis mellifera mellifera merkt, was gespielt wird, ist es längst zu spät.