Kommentar | 15.05.2013 | Drucken | Teilen

Autosuggestion

Vorsicht vor der Warnung!

Lars Fischer
© Richard Zinken

Verborgene Gefahren lauern allerorten, und zu den wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft gehört es, sie ans Licht zu bringen und vor ihnen zu warnen. Doch dank immer eiligeren Veröffentlichungen und immer hektischerer Berichterstattung werden heute die Warnungen selbst zur Gefahr für die Gesundheit. Sie rufen die Symptome, vor denen sie warnen, hervor, ganz ohne jeglichen schädlichen Einfluss von außen. Ursache ist der Nocebo-Effekt, das böse Spiegelbild des weithin bekannten Placebo-Effekts.

Es stimmt schon, in der industrialisierten Welt sind viele Gefahren unsichtbar. In vielen Fällen gibt es Indizien, dass wir über Essen und Trinken, die Luft und allerlei uns umgebende Gebrauchsgegenstände diversen schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Richtig ist aber auch: Oftmals bestätigt sich so ein Verdacht nicht.

Dafür passiert, befördert durch die Berichte über so einen Anfangsverdacht, wohl etwas anderes: Forscher haben jetzt gezeigt, dass Medienberichte Menschen unter Umständen suggerieren können, dass sie unter dem beworbenen – so muss man das wohl sagen – Syndrom leiden. Nachdem Rubin und Witthöft den Versuchspersonen eine Reportage über die angeblichen Gefahren von WLAN-Netzwerken vorspielten, wurden viele von ihnen krank, selbst wenn sie nur glaubten, der Strahlung ausgesetzt zu sein.

Nun könnte man einwenden, das Ergebnis der Untersuchung beziehe sich nur auf drahtlose Netzwerke und sei damit eher eine medizinische Kuriosität. Die Bedeutung reicht jedoch viel weiter: Unverträglichkeiten wie die gegenüber Milchzucker, künstlichen Zusatzstoffe oder auch gegen die elektromagnetische Strahlung von kabellosen Netzwerken und Mobiltelefonen nehmen, wenn man entsprechenden Berichten glaubt, epidemische Ausmaße an. Man muss sich fragen: Welchen Anteil haben ebenjene Berichte an dem Phänomen?

Der Nocebo-Effekt ist bisher noch kaum erforscht, aber die Indizien häufen sich, dass er ein alltägliches Phänomen ist. Damit ist man nicht mehr auf der sicheren Seite, wenn man auf Verdacht warnt – denn die Warnung selbst erweist sich als potenziell gesundheitsschädlich. Für Wissenschaftsjournalisten bedeutet das, in Zukunft noch sorgfältiger darauf zu achten, wie gut solche Behauptungen belegt sind. Die Leser dagegen sind nach wie vor gut beraten, sich nicht von vagen Verdachtsmomenten verunsichern zu lassen. Von denen gibt es einfach zu viele.

© Spektrum.de
Lars Fischer
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