Mia tobt. Die Zweijährige wirft sich auf den Boden, schreit und trommelt mit den Fäusten auf die Fliesen. Gerade hat ihr die Mutter eine Süßigkeit verweigert. Nun ist sie nicht mehr zu bändigen …

Wenn aus süßen Engeln plötzlich wilde Teufel werden, sind Kinder in der Trotzphase. Etwa ab dem Alter von eineinhalb Jahren können die Kleinen blitzschnell aus der Haut fahren und lassen sich anschließend nur schwer beruhigen. Viele Eltern irritieren die wütenden Aussetzer ihres Kindes zunächst. Doch Psychologen beschwichtigen: Das Trotzverhalten ist nicht nur normal, sondern sogar ein Zeichen für eine positive Entwicklung.

Schließlich liegt der Grund für die Wutanfälle in der Entwicklung begründet: Das Selbstkonzept des Kindes entsteht. Es kann nun immer mehr allein und möchte sich von den Eltern abgrenzen. "Mit eineinhalb Jahren haben Kinder schon deutlich ihren eigenen Kopf", bestätigt Ulrike Petermann, Professorin für Klinische Kinderpsychologie an der Universität Bremen. Hindert man den Nachwuchs in diesem Alter daran, seinen Willen durchzusetzen, reagiert er verärgert. "Und da Kinder sich oft sprachlich noch nicht ausreichend ausdrücken können, äußert sich ihr Ärger körperlich", erklärt Petermann. Wie intensiv und lange die Trotzphase ausfällt, hängt vor allem vom Temperament ab: Ein lebhaftes Kind tobt eher als ein stilles. "Entscheidend ist aber auch, wie Eltern in der Trotzphase mit ihrem Kind umgehen", hebt die Kinderpsychologin hervor. Die Erziehung sollte liebevoll sein und dem Kind dennoch Grenzen setzen (weitere Tipps: siehe Kasten unter dem Text).

Das bestätigt auch eine ältere Studie der Psychologinnen Susan Crockenberg und Cindy Litman aus dem Jahr 1990. Sie beobachteten fast 100 Mütter und ihre zweijährigen Kinder beim Abendbrot zu Hause sowie im psychologischen Labor, wo die Mütter ihre Kinder dazu bringen sollten, Spielzeug aufzuräumen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass der Kommunikationsstil mit darüber bestimmt, wie häufig sich ein Kind trotzig verhält: Erklärten die Mütter dem Nachwuchs ihre Wünsche nachvollziehbar und bestimmt, folgte dieser wahrscheinlicher den elterlichen Regeln (etwa: "Du hast die Unordnung gemacht, nun musst du auch wieder aufräumen"). Versuchten die Mütter dagegen, ihre Forderungen in einem verärgerten Tonfall, mit Druck und Drohungen durchzusetzen, wurden die Kinder öfter wütend.

Trotzig den eigenen Willen durchsetzen

Das kindliche Trotzverhalten nehmen wir oft als sehr aggressiv wahr. Schließlich brüllen und weinen die Jungen und Mädchen nicht nur, sondern wehren sich oft auch körperlich gegen die Beruhigungsversuche ihrer Eltern, schlagen um sich oder schubsen. "Doch was Erwachsene als aggressiv empfinden, kann vom Kind gar nicht so gemeint sein", sagt Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin. Denn aggressive Verhaltensweisen sind per Definition darauf ausgerichtet, anderen Personen Schaden zuzufügen. "Wenn sich ein Kind trotzig verhält, möchte es dagegen vor allem seinen Willen durchsetzen", so Herbert Scheithauer. "Es macht sich beim Hauen und Schlagen nicht klar, dass es jemand anderen schädigen könnte."

Oft steckt sogar gar kein nachvollziehbarer Grund hinter den vermeintlichen Aggressionen. Zu diesem Ergebnis kam der Psychologe Audun Dahl von der University of California 2015. Er besuchte für seine Studie 22 Familien mit kleinen Kindern zu Hause, als der Nachwuchs 14, 19 und 26 Monate alt war. Bei allen Kindern beobachtete er dabei mindestens einmal, wie sie eine Form von Gewalt einsetzten. Meist schlugen, traten oder bissen sie Eltern oder Geschwister. In fast der Hälfte der Fälle wurde das Kind zuvor jedoch nicht provoziert, sondern wollte lediglich Aufmerksamkeit erregen oder konnte seine Kraft nicht ausreichend kontrollieren. Solche Situationen waren im Alter von 19 Monaten am häufigsten und wurden danach wieder seltener. Womöglich lernten die Kinder mit der Zeit anhand der negativen Rückmeldungen ihrer Umgebung, dass derartiges Verhalten andere stört, vermutet der Wissenschaftler.

Die Vorgänger von kindlichem Trotz und Aggressionen sind jedoch offenbar bereits im Alter von einem halben Jahr erkennbar. Darauf deutet eine Untersuchung der Entwicklungspsychologin Dale Hay von der britischen Cardiff University und ihrer Kollegen hin. Die Wissenschaftler fragten Eltern und weitere Bezugspersonen von fast 280 Kindern nach Anzeichen für Wut oder körperliche Gewalt wie Schlagen oder Beißen in verschiedenen Situationen, als der Nachwuchs sechs und zwölf Monate sowie drei Jahre alt war. Zusätzlich beobachteten sie die Kinder mehrmals in diesem Zeitraum. Diejenigen, die bereits als Säuglinge vermehrt verärgert oder vermeintlich aggressiv waren, zeigten ähnliche Reaktionen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch im Kleinkindalter.

Was Aggressionen auslösen kann

"Spätestens in der Vorschulzeit müsste ein Kind längst aus der Trotzphase raus sein", so Ulrike Petermann. Denn ab dem dritten Lebensjahr lernt es, seine Gefühle zu kontrollieren, Belohnungen aufzuschieben und sich sprachlich statt körperlich durchzusetzen. Auch in einer nationalen Längsschnittstudie aus Kanada mit etwa 10 000 Kindern nahmen körperliche Aggressionen typischerweise zwischen zwei und elf Jahren immer weiter ab. Nur ein Sechstel der Kinder zeigte dauerhaft ein erhöhtes Aggressionsniveau, vom Kleinkindalter bis in die Grundschulzeit hinein. Dies waren häufiger Jungen als Mädchen und vermehrt Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen und von Müttern mit geringer Bildung – typische Risikofaktoren für vermehrte Aggressivität. Außerdem können Rauchen während der Schwangerschaft oder eine depressive Erkrankung der Mutter mit der Entstehung kindlicher Gewalt zusammenhängen, wie weitere Studien ergaben.

Heulender Junge mit Papierkrone
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Das Trotzalter kann ganz schön anstrengend und verwirrend sein. Wenn Kinder ihren eigenen Willen entdecken, birgt das Konfliktpotential. Eltern sollten darauf verständnisvoll reagieren, aber gleichzeitig konsequent bleiben und zeigen, welche Verhaltensweisen nicht in Ordnung sind.

Eine wichtige Rolle scheinen ebenfalls die Erziehung und die Einstellung der Eltern zu spielen: In der kanadischen Studie etwa entwickelte ein Kind wahrscheinlicher Aggressionen, wenn die Mutter ihrem Nachwuchs ablehnend gegenüberstand. Aus den berühmten Untersuchungen des Psychologen Albert Bandura ist zudem bekannt, dass Kinder gewalttätiges Verhalten durch Beobachtung lernen können. "Ungünstige Vorbilder wie ein Vater, der oft ausrastet, oder eine Mutter, die schnell schreit, können auch beim Kind Aggressionen auslösen", erklärt Ulrike Petermann. Den Nachwuchs zu verwöhnen, sei jedoch ebenso falsch, meint die Psychologin: "Kinder brauchen Grenzen, damit sie lernen, mit Enttäuschung umzugehen und Belohnungen aufzuschieben. Das macht sie stark für spätere Krisen." Aggressives Verhalten kann darüber hinaus durch Überforderung ausgelöst werden, etwa bei tief greifenden Veränderungen wie der Trennung der Eltern, dem Schuleintritt oder einem Umzug.

"Kinder brauchen Grenzen, damit sie lernen, mit Enttäuschung umzugehen und Belohnungen aufzuschieben. Das macht sie stark für spätere Krisen"
(Ulrike Petermann)

Ein Grund zur Sorge besteht jedoch erst, wenn sich Kinder über das Vorschulalter hinaus länger als ein halbes Jahr wiederholt und übermäßig aggressiv, dissozial und aufsässig verhalten. Dann erfüllen sie die Kriterien für eine Störung des Sozialverhaltens. Die Betroffenen schreien zum Beispiel häufig vor Wut, streiten und lügen extrem viel, können nicht teilen oder nachgeben. Bei älteren Kindern äußert sich die psychische Erkrankung auch in Grausamkeit gegenüber Menschen oder Tieren, manche werden kriminell. "Eine Störung des Sozialverhaltens sollte unbedingt intensiv behandelt werden, denn Aggressionen gehören zu den stabilsten Verhaltensweisen überhaupt", sagt Ulrike Petermann.

Training gegen die kindliche Wut

Je früher eine Therapie beginnt, desto größer ist die Hoffnung auf Erfolg. Ulrike Petermann hat dazu gemeinsam mit ihrem Ehemann Franz Petermann, Professor für Klinische Psychologie und Diagnostik in Bremen, ein Therapieprogramm für aggressive Kinder und Jugendliche entwickelt, das auf der Verhaltenstherapie aufbaut ("Training mit aggressiven Kindern", Beltz, Weinheim 2012). Zunächst verbessern die Kinder dabei im Einzeltraining ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ein Beispiel: Wird ein aggressives Kind angerempelt, fühlt es sich leicht provoziert und beginnt, sich körperlich zu wehren. "Im Training lernen die Kinder, wie sie sich rückversichern können, ob etwas Absicht war oder nicht, wie sie sich in andere hineinversetzen und ihre Gefühle mit Selbstinstruktionstechniken regulieren", erklärt Ulrike Petermann. Die neuen sozialen Kompetenzen erproben und üben sie anschließend im Gruppentraining. Das Therapieprogramm des Ehepaars Petermann hat sich bewährt: "Wir sehen Fortschritte schon während des Trainings und direkt danach, aber auch noch mehrere Monate später", sagt die Psychologin, schmälert hingegen gleichzeitig allzu große Erwartungen: "Man kann Aggressionen nie mehr zu 100 Prozent aus dem Verhaltensrepertoire der Kinder herausbekommen."

Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer betont gleichfalls: "Verstetigen sich die Probleme mit sieben bis acht Jahren, werden die Kinder wahrscheinlich auch im Jugendalter aggressives Verhalten zeigen und häufiger Suchterkrankungen entwickeln." Damit es gar nicht erst so weit kommt, soll dem möglichst schon im Kindergartenalter vorgebeugt werden – zum Beispiel mit dem Präventionsprogramm Papilio, das Herbert Scheithauer wissenschaftlich betreut. Papilio will die sozial-emotionalen Kompetenzen von Kindergartenkindern fördern. Dafür bietet das Programm seit 2005 bundesweit Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten an. "Zunächst schärfen wir dabei ihren Blick für Aggressionen der Kinder im Gegensatz zu lebhaftem, temperamentvollem, impulsivem oder hyperaktivem Verhalten", erklärt Scheithauer. Anschließend schult Papilio die Erzieherinnen und Erzieher darin, Aggressionen abzubauen, zum Beispiel durch Spiele oder ihre eigenen Reaktionen. Auch die Eltern werden in das Programm mit einbezogen. Bisher konnten so bundesweit fast 6500 Erzieherinnen und Erzieher in mehr als 1200 Kindergärten fortgebildet werden. Evaluationsstudien haben bestätigt, dass Kinder ihr Sozialverhalten mit Papilio verbessern und in der 1. Klasse sogar leichter lernen als Gleichaltrige – vermutlich weil sie sich besser kontrollieren können. Ein Fortsetzungsprogramm für die Grundschule ist bereits geplant.

Literaturtipp: Herbert Scheithauer: Aggressives Verhalten von Jungen und Mädchen. Hogrefe, Göttingen 2003