Muttermilch gilt als Superfood für Neugeborene. So empfiehlt die Nationale Stillkommission frischgebackenen Eltern, mindestens vier Monate lang nach der Geburt ausschließlich zu stillen. In zahlreichen Flyern von Kinderärzten, Hebammen und Stillberaterinnen werden die Vorteile gepriesen, Ratgeber und Internetforen informieren, warum "breast best" ist. Muttermilch schütze vor Infektionskrankheiten, Allergien, Übergewicht, Diabetes, Herzkrankheiten, verbessere die Intelligenz und sei unabdingbar für eine gute Mutter-Kind-Bindung.

Tatsächlich konnten viele Studien nachweisen, dass gestillte Kinder in der kognitiven Entwicklung besser abschneiden als so genannte Flaschenkinder – etwa im Hinblick auf IQ oder Schulleistungen. Zudem werden sie seltener verhaltensauffällig, als Erwachsene haben sie bessere Aufstiegschancen und verdienen mehr. Beispielsweise hat eine brasilianische Langzeitstudie unter Leitung des Epidemiologen Cesar Victoria mit knapp 3500 Teilnehmern 2015 gezeigt, dass Menschen, die als Baby zwölf Monate gestillt wurden, einen um vier Punkte höheren Intelligenzquotienten hatten, ein Jahr länger die Schule besuchten und als 30-Jährige monatlich im Schnitt 87 Euro mehr Gehalt einstrichen als solche, die nach ihrer Geburt weniger als einen Monat oder gar nicht gestillt wurden.

Stillende Mütter haben meist eine bessere Bildung genossen, verfügen über einen höheren IQ, ein höheres Familieneinkommen und ein besseres soziales Netzwerk

Für diesen auch in anderen Studien gefundenen mentalen Vorsprung werden langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren (long-chain polyunsaturated fatty acids, LCPUFA) verantwortlich gemacht, die in Muttermilch reichlich vorkommen, in Kuhmilch dagegen kaum. Tütenmilch für Babys werden die Fettsäuren zugesetzt. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der kindlichen Hirnentwicklung, da sie als Bausteine für Zellmembranen fungieren. Erst kürzlich haben Forscher der Washington University mittels Hirnscan belegt, dass gestillte Kinder ein größeres Hirnvolumen im Bereich des Kortex haben.

Die Liste der Störfaktoren ist lang

Doch über den tatsächlichen Einfluss der Muttermilch auf das kindliche Gehirn wird heftig debattiert. Kritiker wie Asnat Walfisch, Frauenärztin am israelischen Soroka University Medical Center, bezweifeln, dass es die Ingredienzien der Muttermilch sind, die schlau machen. Sie hat im Jahr 2013 eine Übersichtsstudie zu diesem Thema verfasst und macht andere Faktoren aus der Lebenswelt von gestillten Kindern für das "Hirndoping" verantwortlich. Der Entschluss zu stillen und auch die Stilldauer ist in Industrieländern nämlich stark mit dem sozioökonomischen Status der Eltern verwoben, vor allem dem der Mutter: Stillende Frauen haben meist eine bessere Bildung genossen, sie haben einen höheren IQ und dadurch viele Vorteile wie ein höheres Familieneinkommen und ein besseres soziales Netzwerk. Sie rauchen seltener, sind in der Regel schlanker, selten allein erziehend und kehren nach der Geburt nicht so schnell in ihren Job zurück. Stillende Mütter lassen ihren Nachwuchs auch häufiger im elterlichen Bett schlafen und tragen ihn im Tragetuch am Körper. All dies aus den Untersuchungen zur Muttermilch herauszurechnen, ist praktisch nicht möglich. "Zudem kann man ja nur Störfaktoren berücksichtigen, die man als solche erkannt hat und auch messen kann", meint Fabian Kosse, Verhaltensökonom an der Universität Bonn.

Zwar hat Cesar Victoria einige Störvariablen wie Familieneinkommen oder das mütterliche Gewicht berücksichtigt. Dennoch: "Weil wir weder das heimische Umfeld noch die Mutter-Kind-Bindung gemessen haben, können wir letztlich nicht sagen, ob der gefundene Zusammenhang auf biologischen Komponenten beruht oder durch psychosoziale Faktoren wie die Bindung oder die intellektuelle Stimulation durch die Eltern entstanden ist", schreibt der Forscher der Katholischen Universität in Pelotas. Trotzdem wurde die Studie in vielen Medien als weiterer Beweis für die Vorzüge der Muttermilch gewertet.

Flasche mit Babymilch
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernBrust oder Fläschchen?
Mütter, die ihr Kind aus welchen Gründen auch immer mit der Flasche großziehen, werden oft kritisch beäugt. Dabei sind es meist eher soziale Gründe, die Frauen dazu bewegen, frühzeitig zum Fläschchen zu wechseln.

Fabian Kosse hat sich die Untersuchung darum einmal im Detail vorgenommen und kritisiert in einem aktuellen Artikel in "JAMA Pediatrics": "Hier wurden Kinder, die gar nicht gestillt wurden, mit Kindern, die weniger als einen Monat gestillt wurden, in einer Gruppe zusammengefasst." Vor allem sollten jedoch die Vorteile des Stillens in den Anfangswochen ins Gewicht fallen. Darum müssten auch kurzzeitig gestillte Kinder intelligenter als gar nicht gestillte Kinder sein. In Kosses Studie war aber das Gegenteil der Fall. Das weist darauf hin, dass die Inhaltsstoffe der Muttermilch keine große Rolle spielen, dafür aber bestimmte Verhaltensweisen der Mütter: "Mütter, die stillen wollen, aber nicht können, etwa wegen einer Gaumenspalte des Kindes oder wegen Brustentzündungen, fallen in die Gruppe der Nichtstillenden", so Kosse. Diese Frauen verhielten sich dann auf vielen anderen Ebenen allerdings genauso wie Stillende.

Gute Studien sind schwer zu finden

Mehr Klarheit würde in dieser Frage nur eine Untersuchung schaffen, die die Mütter zufällig in zwei Gruppen einteilt. Allerdings sind solche randomisiert-kontrollierten Studien nicht machbar: Es werden sich kaum Frauen finden, die sich diktieren lassen, wie sie ihr Kind direkt nach der Geburt zu ernähren haben. In den 1990er Jahren führte Michael Kramer, Kinderarzt an der University in Toronto, die PROBIT-Studie durch. Damals wurden Krankenhäuser in Weißrussland zu stillfreundlichen Häusern umgestaltet und mit normalen Kliniken verglichen. Diejenigen der knapp 14 000 Kinder, die in einer stillförderlichen Umgebung auf die Welt kamen, wurden häufiger gestillt und erreichten später in IQ-Tests auch sechs Punkte mehr. Allerdings gibt Walfisch zu bedenken, dass die statistische Signifikanz nicht in allen Teilbereichen der Intelligenzmessung gegeben war. Auch Kosse zweifelt an dem Ergebnis der Kramer-Studie. Schließlich könnten andere, unbekannte Faktoren in den ausgewählten Hospitälern ebenfalls für die Vorteile verantwortlich gewesen sein.

"Man sollte das Stillen nicht glorifizieren. Wenn man es kann, ist es gut; wenn nicht, gibt es viele andere Möglichkeiten, die Intelligenz der Kinder zu fördern" (Fabian Kosse)

"Die beste Möglichkeit, Biologie von Umwelt so gut es geht zu trennen, sind Studien mit Geschwistern", meint die Wissenschaftlerin Walfisch. Denn bei diesen Kindern unterscheidet sich das familiäre Umfeld nicht. Bereits 2014 wertete die US-Soziologin Cynthia Colen von der Ohio State University die Daten von knapp 1800 Geschwisterkindern aus. Ein Kind wurde nach der Geburt gestillt, das andere bekam Babyersatznahrung. Im Alter zwischen 4 und 14 Jahren unterschieden sich die Kinder jedoch weder im Bindungsstil noch im Sozialverhalten oder in ihren kognitiven Leistungen.

Auch Studien, die die Lebenswelt der Kinder genauer unter die Lupe nehmen, sind aufschlussreich: Ben Gibbs, Soziologe an der Brigham University, hat in einer Erhebung mit 7500 Müttern und ihren Kindern die verschiedenen Ernährungsweisen und detaillierte Daten über den Umgang der Mutter mit dem Kind im ersten Lebensjahr gesammelt, teilweise mittels Videoaufzeichnungen, und sie mit der Hirnentwicklung nach vier Jahren verglichen. Dabei ergab sich zwar wiederum ein Vorsprung für gestillte Kinder, doch Gibbs konnte zeigen, dass diese auch einen wesentlich feinfühligeren Umgang genossen hatten. "Kinder, auf deren emotionale Bedürfnisse eingegangen wurde und die zudem ab dem neunten Monat täglich vorgelesen bekamen, hatten mit vier Jahren einen Vorteil von immerhin zwei bis drei Monaten gegenüber Altersgenossen", resümiert Gibbs. Schon frühere Studien hatten belegt, dass regelmäßige Lesestunden ab dem ersten Lebensjahr den IQ von Schulkindern um sechs Punkte erhöhen.

Mütter unter Druck

Das Problem bei diesem Thema: Mütter, die nicht stillen wollen oder können, werden mit Gesundheitsaussagen erheblich unter Druck gesetzt. "Nur wer stillt, kann eine gute Mutter sein", bestätigt Catherine Robinson, Soziologin an der University of Sydney. Wenn die Mutter ihrem Kind – aus welchen Gründen auch immer – das Superfood Muttermilch vorenthält und es mit "künstlicher" Milch aufzieht, muss sie sich nicht nur ständig rechtfertigen, sondern riskiert auch eine schmerzhafte Identitätskrise. "Scham, Versagensgefühle und Depressionen können die Folge sein", so Robinson. Im November 2015 erschien in den USA das Buch "Lactivism", über das derzeit heftig debattiert wird. Die Autorin Courtney Jung klagt darin an, dass die Vehemenz, mit der die Vorteile des Stillens propagiert werden, Müttern keine Wahl mehr lasse. Stillen sei zum moralischen Imperativ des 21. Jahrhunderts geworden.

Umgekehrt fürchten Stillbefürworter, dass Berichte, die den Gesundheitswert der Milch in Zweifel ziehen, Frauen vom Stillen abhalten. Tatsächlich sind die Stillraten in Industrienationen nicht besonders hoch: So wird nur ein Drittel der Kinder in Deutschland die empfohlenen vier Monate gestillt. Anfangs sind die Mütter jedoch sehr motiviert: Direkt nach der Geburt stillen 72 bis 97 Prozent. Die meisten Mütter wollen ihr Kind also mit Muttermilch versorgen. Dass das dann nicht klappt, hat oft mit Berufstätigkeit zu tun, mit Stillproblemen, mit Bedenken, das Kind in der Öffentlichkeit zu stillen, oder mit wohlmeinenden Verwandten, die für das Kleine so schnell wie möglich das Zufüttern fordern. Offenbar fehlt es an pragmatischer Unterstützung und nicht daran, dass Eltern den Wert des Stillens falsch einschätzen.

Natürlich raten alle Experten, auch die Skeptiker, zum Stillen. "Man sollte das Stillen nur nicht glorifizieren", so Kosse. "Wenn man es kann, ist es gut; wenn nicht, dann gibt es viele andere Möglichkeiten, die Intelligenz der Kinder zu fördern." Sogar Kramer meint, dass das Stillen für die Gesundheit der Kinder nicht so wichtig ist, wie einige leidenschaftliche Verfechter das darstellen. Er erforscht derweil, wie sich die sozialen Unterschiede im Stillverhalten verringern lassen. Denn Informationsbroschüren und Ratgeber lesen nur diejenigen Eltern, die in den Augen der Ärzte sowieso alles richtig machen.