Die größte humanitäre Krise seit 1945 bahne sich an, vermeldete Stephen O'Brien, oberster Hilfskoordinator der UN, angesichts des Nahrungsmangels am Horn von Afrika. In Nigeria, dem Jemen und Südsudan sind Krieg und Vertreibung wichtigste Ursache der drohenden Hungersnot, dagegen ringen Äthiopien, Kenia und Somalia mit einer schweren und lang andauernden Dürre.

In Somalia zum Beispiel sind nach Berichten der UN durch zwei Jahre Trockenheit drei Viertel der Ernte verloren gegangen – auch für Herden gibt es wegen der verdorrten Vegetation kaum noch Futter. Die Grundnahrungsmittel Mais und Sorghum sind von Uganda bis Äthiopien inzwischen bis zu viermal so teuer wie noch vor einem Jahr. Allein in Äthiopien benötigen nach Angaben der Regierung über fünf Millionen Menschen Hilfe. Doch die humanitäre Krise ist keine Klimakatastrophe: Die Hungersnot, so Fachleute, sei menschengemacht.

Dürre mit Ansage

Die Dürre jedenfalls kommt keineswegs unerwartet. Das Horn von Afrika erlebt regelmäßig sehr trockene Episoden – zuletzt in den Jahren 2010 und 2011. Seit Jahrzehnten versuchen Organisationen und Regierungen zu verhindern, dass diese regelmäßigen Trockenphasen zu Hungersnöten werden. Bisher ohne Erfolg.

Dabei war bereits 2015 absehbar, dass die Ernten am Horn von Afrika 2016 und 2017 schlechter ausfallen würden. Die regelmäßigen Dürren sind ein Merkmal des Klimas am Horn von Afrika. Wie reichhaltig die lebenswichtigen "long rains" von März bis Mai und die "short rains" in Oktober und November sind, hängt vor allem von den schwankenden Meerestemperaturen im Indischen Ozean ab.

Schematische Zeichnung des Warmwasser-Dipols im Indischen Ozean
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDer Warmwasser-Dipol im Indischen Ozean
Dipol im positiven Zustand: Das Wasser vor Afrika ist wärmer als vor Indonesien, die vorherrschenden Winde (Pfeil) wehen Richtung Westen, und in Ostafrika regnet es ergiebig (links).
Dipol im negativen Zustand: Die Passatwinde sind schwächer und kehren sich sogar um, warmes Wasser sammelt sich vor Indonesien, Ostafrika bleibt trocken (rechts).

Das Meer vor Ostafrika pendelt zwischen zwei Zuständen, die sich im Rhythmus von wenigen Jahren abwechseln, ähnlich wie El Niño und La Niña im Pazifik. Die Meerestemperaturen vor Indonesien und jene vor Ostafrika bilden ein gekoppeltes System – eine Klimaschaukel aus einer kalten und einer warmen Seite. Während der positiven Phase dieses so genannten Indian Ocean Dipole (IOD) ist das Wasser vor Afrika mehr als 0,4 Grad Celsius wärmer als auf der anderen Seite des Ozeans. Das warme Wasser verdunstet nicht nur leichter, sondern verstärkt auch den Nordostpassat, der den Regen aufs Land treibt, und Niederschlag fällt reichlich.

Im Jahr 2016 war das Klimapendel in einem stark negativen Zustand. Das Meer im östlichen Indischen Ozean war fast ein Grad wärmer als 1000 Kilometer weiter westlich. Gleichzeitig sind die Passatwinde schwächer als normal oder kehren sich gar um. Die Luft über dem Meer ist wegen der geringeren Verdunstung nicht nur trockener; weil der Wind vom Land aufs Meer weht, gelangt die Feuchtigkeit zusätzlich gar nicht erst ins Landesinnere. Damit sind die saisonalen Regenfälle nahe der Küste schwächer oder fallen ganz aus.

Welcher Klimatrend entscheidet?

Überlagert wird dieser jahrtausendealte Zyklus von zwei Klimatrends, durch den Katastrophen mit Millionen Opfern in Zukunft eher die Norm als die Ausnahme werden könnten – wenn die Politik nicht gegensteuert. In den letzten 50 Jahren sind solche Dürren auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur häufiger, sondern auch länger und trockener geworden. Insbesondere die "long rains" am Horn von Afrika lassen seit geraumer Zeit nach. Eine fatale Entwicklung: So sinken auch die Chancen betroffener Familien, sich in normalen Jahren von einer Dürre zu erholen und Ressourcen für ein weiteres mageres Jahr anzulegen.

Fachleute sehen hier den zentralen Grund, weshalb die Lage in Afrika dieses Jahr so katastrophal ist: Vergangene Dürren waren zwar stärker, doch in den letzten sechs Jahren haben die Staaten der Region versäumt, der vom letzten Mangel gebeutelten Bevölkerung auf die Beine zu helfen. Je unzuverlässiger der Regen auch zwischen den Dürrejahren wird, desto dramatischer wirkt sich dieses Versäumnis aus, wenn der Wind wieder zum Meer hin weht.

Vielleicht kehrt sich der Trend zur Trockenheit jedoch wieder um: Ob es sich um eine natürliche Schwankung oder um menschengemachten Klimawandel handelt, ist noch offen. Im ersten Fall könnte das Pendel wieder zurückschwingen. Möglich ist allerdings auch, dass das wärmere Klima die Temperaturdifferenzen des Dipols verstärkt und so trockene Jahre trockener macht – einige Analysen sprechen für diese Möglichkeit. Das würde bedeuten, dass der Klimawandel den Trockentrend in die Zukunft fortschreibt. Andererseits wird laut gängigen Klimamodellen das Horn von Afrika in einer wärmeren Welt feuchter.

Fernwirkung vom Pazifik

Neben dem Indischen Ozean gibt es jedoch einen weiteren wesentlichen Mitspieler bei Niederschlägen in Ostafrika: den westlichen Pazifik. Das extrem starke El-Niño-Ereignis von 2015, das die Wassertemperaturen im Pazifik beeinflusste, hatte auch auf die Niederschläge in Ostafrika erhebliche Auswirkungen. Normalerweise bringt Südamerikas Christkind Ostafrika mehr Niederschläge. Dieses Mal galt das nur zum Teil: Während Kenia und Somalia durch das Klimaphänomen überdurchschnittlich viel Regen abbekamen, herrschte in Äthiopien die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten.

In den Ebenen Somalias und Kenias brachte in der zweiten Hälfte 2016 der La-Niña-Zustand des Pazifiks erwartungsgemäß Trockenheit. Auch während der Dürre 2010/11 spielte diese Fernwirkung über tausende Kilometer nach Ansicht von Fachleuten eine wichtige Rolle: Statistische Analysen zeigen einen Zusammenhang zwischen höheren Meerestemperaturen im Westpazifik und Trockenheit in Ostafrika. Dieser Befund spricht ebenfalls gegen eine baldige Umkehr des Trockentrends.

Auch kurzfristig sind ergiebige Niederschläge erst einmal unwahrscheinlich. Die Daten deuten darauf hin, dass die Frühjahrsregen 2017 in der betroffenen Region ebenfalls geringer ausfallen werden. Selbst in stabilen und vergleichsweise wohlhabenden Ländern wie Kenia werden, so warnen Hilfsorganisationen, schon bald Menschen hungern – und das, obwohl die Gefahr lange bekannt war. Die Trockenheit mag mit dem Klima zusammenhängen, doch die sich anbahnende Katastrophe sei, da besteht Einigkeit unter den Fachleuten, reines Menschenwerk. "Die Dürre ist offensichtlich natürlich", schreibt der Ökologe Alex Awiti von der Aga Khan University in Nairobi, "aber es ist nichts Natürliches an der Hungersnot."