Trotz aller guten Vorsätze und Initiativen herrscht in der Wissenschaft noch immer ein gravierendes Geschlechterungleichgewicht. Obwohl Studentinnen und Absolventinnen in vielen Ländern in der Überzahl sind [1], werden Professuren überwiegend von Männern besetzt. Unterschiede bestehen darüber hinaus bei der Postenvergabe [2], dem Verdienst [3], den Fördergeldern [4], der allgemeinen Zufriedenheit [5] und der Zahl der Patentanmeldungen [6].

Frühere Studien haben sich dabei auf das "Produktivitätsrätsel" konzentriert. Im Schnitt produzieren Männer mehr Fachartikel als Frauen [7], wobei allerdings die Differenz von Fach zu Fach unterschiedlich hoch ausfällt. Besonders in Fächern mit kostspieliger Forschung, wie etwa in der Hochenergiephysik, ist der Anteil weiblicher Autoren gering [8] – der Grund dafür ist möglicherweise in der Vergabepraxis und der Sicherung von Fördergeldern zu suchen [4].

Frauen sind mit geringerer Wahrscheinlichkeit an Forschungsverbunden beteiligt, deren Arbeit in eine Veröffentlichung mündet, und mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit tauchen sie in einer Veröffentlichung als Erst- oder Letztautor auf [7]. Über die Gründe für dieses Missverhältnisses herrscht keine Einigkeit – es könnte an Vorurteilen liegen, an den Problemen, die durch Schwangerschaft und Kindererziehung entstehen [9], oder an ganz anderen Faktoren.

Oft hört man in diesem Zusammenhang, dass Forscherinnen zwar weniger publizierten, dafür aber im Gegenzug häufiger zitiert würden. Das gelte besonders für Fachgebiete mit hohem "Karriererisiko", in Fächern also, in denen zwischen Promotion und universitärer Festanstellung eine längere Frist vergeht, wie in der Ökologie. Doch auch hier bleibt es dabei: Es besteht kein Konsens darüber, wie die forschende Wirkung von Frauen verglichen mit Männern zu bewerten ist.

Leider basieren fast alle quantitativen Aussagen über das Geschlechterungleichgewicht, die derzeit kursieren, auf anekdotenhaften Berichten oder auf örtlich begrenzten, fachspezifischen und veralteten Studien, bei denen zudem häufig Veränderungen in der wissenschaftlichen Praxis außer Acht gelassen wurden – etwa die Zunahme gemeinschaftlich umgesetzter Forschungsvorhaben. Auf einer derart dünnen Datenbasis lassen sich keine effektiven Strategien entwickeln.

Wer wird wie oft zitiert?

Wir möchten daher an dieser Stelle eine bibliometrische Analyse vorstellen, die sowohl global als auch multidisziplinär angelegt ist und drei Schwerpunkte setzt: Wir betrachten erstens das Verhältnis von Geschlecht und Publikationsoutput (gemessen an der Zahl der Autorenschaften bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen); zweitens das Ausmaß an Zusammenarbeit (gemessen an der Häufigkeit, als Mitautor genannt zu werden); und drittens den wissenschaftlichen Einfluss aller Artikel aus den Jahren 2008 bis 2012, die in der Datenbank des Thomson Reuters Web of Science aufgeführt sind (hier betrachteten wir die Anzahl der Zitierungen). Wir werteten dazu 5 483 841 Fachartikel und Reviews mit 27 329 915 Autorennennungen aus. Die Geschlechtszugehörigkeit bestimmten wir mit Hilfe der US-Sozialversicherungsdatenbank und anderer Quellen (vergleiche dazu die Zusatzmaterialien unter go.nature.com/j3otjz).

Geschlecht und Publikationsoutput
© Larivière, V. et al.: Global gender disparities in science. In: Nature 504, S. 211-213, 2013; dt. Bearbeitung: spektrum.de
(Ausschnitt)
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In den meisten Ländern werden die Publikationslisten von Männern dominiert (blau). Eine Gleichverteilung (weiß) herrscht überwiegend in Staaten mit kommunistischer Vergangenheit. In der Mehrzahl sind Frauen überwiegend dort (orange), wo weniger publiziert wird.

Im Ergebnis zeigt sich: In den wissenschaftlich produktivsten Ländern werden diejenigen Artikel, die Frauen in den Hauptautorenpositionen aufführen, weniger zitiert als diejenigen mit Männern an der gleichen Stelle. Das Missverhältnis wird durch die Tatsache unterstrichen, dass Frauen mehr im Inland publizieren als Männer. Sie profitieren dadurch seltener von dem Zugewinn an Zitierungen, der sich für Mitglieder internationaler Forschungskooperationen ergibt. Bedenkt man nun, dass die Häufigkeit des Zitiertwerdens einen zentralen Bestandteil in der Bewertung eines Forschers ausmacht, kann dieser Umstand die Geschlechterdifferenzen nur weiter verschlimmern.

Unserer Meinung nach liefert unsere Untersuchung auf Grund ihres Umfangs den dringend benötigten, eindeutigen Beleg dafür, dass in der Wissenschaft nach wie vor eine gravierende Geschlechterungleichheit herrscht. Wir verstehen unsere Studie daher auch als Handlungsaufruf an die Hochschul- und Forschungspolitik, geeignete Maßnahmen dagegen einzuleiten.

Männer dominieren die Forschungsliteratur in nahezu allen Ländern, wobei das Ausmaß von Region zu Region schwankt. Konkret untersuchten wir den Anteil des jeweiligen Geschlechts am Gesamtoutput, indem wir Autorenschaften nach Geschlecht aufschlüsseln, sofern sich dieses ermitteln ließ. Beispielsweise würden wir in einem Artikel mit acht Verfassern, bei dem sich sechs einem Geschlecht zuweisen lassen, jedem von ihnen eine Sechstelautorenschaft zusprechen. Diese nach Geschlecht markierten Autorenanteile haben wir dann zu einer Gesamtzahl nach Ländern und Fächern summiert.

Dabei gilt es zu beachten, dass wir explizit Autorenschaften berücksichtigten und nicht nach Individuen suchten – das heißt, es war nicht nötig, mehrdeutige Verfassernamen auf ein und dieselbe Person zurückzuführen (mehr dazu in den Zusatzmaterialien).

Autorinnen werden seltener zitiert

Im internationalen Vergleich vereinigen Frauen weniger als 30 Prozent der Autorenanteile auf sich, während Männer etwas mehr als 70 Prozent ausmachen. Ähnlich unterrepräsentiert sind Frauen, wenn es um Erstautorenschaft geht: Für jeden Artikel mit einer Erstautorin gibt es etwa zwei (genauer gesagt: 1,93) Artikel, bei denen ein Mann diese Rolle einnimmt.

Einen annähernden Gleichstand fanden wir in südamerikanischen und osteuropäischen Ländern, was bei Letzteren daran liegen mag, dass in kommunistischen oder ehemals kommunistischen Ländern das Verhältnis zwischen den Geschlechtern insgesamt ausgewogener ist als in anderen Ländern. Nur in neun Ländern war die Verteilung der Autorenschaften weiblich dominiert, bei lediglich fünf davon (Mazedonien, Sri Lanka, Lettland, Ukraine und Bosnien-Herzegowina) standen uns mehr als 1000 Artikel für die Analyse zur Verfügung. Anders gesagt: Weibliche Vorherrschaft ist auf Länder mit geringeren Publikationszahlen beschränkt.

Zu den Ländern mit mehr als 1000 Veröffentlichungen und ausgeprägter männlicher Dominanz gehören – wenig überraschend – die folgenden (nach Publikationsoutput sortiert): Saudi-Arabien, Iran, Japan, Jordanien, Vereinigte Arabische Emirate, Kamerun, Katar und Usbekistan. Das Gleiche berechnet für US-Bundesstaaten ergab an vorderster Front: New Mexico, Mississippi und Wyoming. Zu den US-Bundesstaaten und kanadischen Provinzen, die am ehesten Geschlechterparität erreichten (und mehr als 1000 Artikel in den Datenbanken hatten) zählen Vermont, Rhode Island, Maine, Manitoba, Nova Scotia und Quebec. Wieder zeigt sich, dass einige dieser Staaten und Provinzen zu denjenigen mit dem geringsten Output gehörten.

Hauptautoren und Geschlecht
© Larivière, V. et al.: Global gender disparities in science. In: Nature 504, S. 211-213, 2013
(Ausschnitt)
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Artikel mit Frauen in den zentralen Autorenpositionen werden weniger zitiert als solche mit Männern, unabhängig davon, ob es sich um Veröffentlichungen von einzelnen Autoren oder von nationalen oder internationalen Kooperationen handelt.

Die Aufschlüsselung nach Fachbereichen bestätigt frühere Ergebnisse und Annahmen, denen zufolge sich eine weibliche Vorherrschaft vor allem auf den Bereich "Pflege" beschränkt. Zu den Disziplinen mit einem hohen Anteil weiblicher Autoren gehören folgerichtig Krankenpflege, Geburtshilfe, Sprechen/Sprache/Hören, Pädagogik und Sozialpädagogik sowie das Bibliothekswesen.

Männlich dominierte Disziplinen sind Militärforschung, Ingenieurwissenschaft, Robotik, Luft- und Raumfahrt, Hochenergiephysik, Mathematik, Informatik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Zwar sieht man einen höheren Anteil von Autorinnen in den Sozialwissenschaften, die Geisteswissenschaften als Ganzes sind jedoch nach wie vor stark männerdominiert.

Zusammenarbeit bleibt national

Im nächsten Schritt betrachteten wir Forschungskooperationen. Wir analysierten dazu nach Geschlechtern getrennt die Zahl der Fachartikel, die das Ergebnis einer nationalen Kooperation darstellen, und verglichen sie mit der Zahl jener, die aus einer internationalen Zusammenarbeit heraus entstanden. Für die 50 produktivsten Länder in unserer Studie (die insgesamt für mehr als 97 Prozent der Gesamtpublikationszahl verantwortlich zeichnen) ergab sich, dass Frauen eher an nationalen Kooperationen teilnehmen, während sich ihre männlichen Landsleute tendenziell an länderübergreifende Teams halten.

Was heißt dies für den "Impact"? Welche Wirkung erzielen Männer und Frauen mit ihren Veröffentlichungen in Kollegenkreisen? Dazu zählten wir Hauptautorenpositionen (erster, letzter, einziger Autor) nach Geschlecht aus und entdeckten Folgendes: Stand eine Frau in einer dieser Positionen, wurde der Artikel weniger oft zitiert, als wenn dort ein Mann stand. Dieses Missverhältnis trat sowohl bei internationalen als auch bei nationalen Forschungsverbunden zu Tage.

Die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen unterliegen allerdings einigen Einschränkungen. An erster Stelle steht sicherlich der Aspekt des Alters. Er spielt fraglos eine gewichtige – wenn nicht sogar die wichtigste – Rolle bei der Erklärung der beschriebenen Ungleichgewichte. Dass in der "universitären Pipeline" vom akademischen Mittel- in den Oberbau beständig Frauen verloren gehen, ist hinlänglich bekannt. Zusätzlich spiegeln die von älteren Forschern besetzten hochrangigen Positionen noch immer die ehemaligen Verhältnisse wider und damit auch die Hindernisse, die Wissenschaftlerinnen früherer Generationen im Weg lagen.

Das Alter macht den Unterschied

Es ist daher wahrscheinlich, dass viele Trends, die wir in unserer Untersuchung beobachten, auf die Tatsache zurückführbar sind, dass Frauen in Kreisen älterer Wissenschaftler unterrepräsentiert sind. Nicht zuletzt sind Dienstalter, Autorenposition, Teilnahme an Kooperation und die Häufigkeit des Zitiertwerdens hochgradig miteinander vernetzte Variablen.

Die Aussagekraft der Ergebnisse wird natürlich auch dadurch eingeschränkt, dass die Veröffentlichungstätigkeit nur eines von vielen Kriterien zur Bewertung der Forschungsleistung ist. Unsere Analyse beschränkt sich auf Publikationen in Journals, während etwa Bücher, Konferenzbeiträge sowie die Erstellung von Datenbanken und Programmcodes außen vor blieben. Problematisch ist darüber hinaus das Fehlen einer internationalen Richtlinie, die die Nennung und Platzierung der einzelnen Autoren regeln würde. Es könnte beispielsweise durchaus möglich sein, dass Frauen in der Autorenliste des Öfteren nicht auftauchen, obwohl sie einen Beitrag geleistet haben. In manchen Disziplinen ist es außerdem Usus, die Verfasser eines Artikels in alphabetischer Reihenfolge aufzuführen.

Auch bleibt die Befürchtung, dass bei der Geschlechtszuweisung Fehler auftreten (siehe Zusatzmaterialien). Mit Hilfe von Überprüfungsverfahren haben wir zwar versucht, das Problem abzumildern. Aber Raum für Verbesserungen gibt es natürlich immer.

Was verschiebt das Gleichgewicht?

Für künftige Studien könnte es sich lohnen, den Fragen nachzugehen, die unsere Ergebnisse aufwerfen. Wie unterscheiden sich die Nischen voneinander, in denen wir eine ungewöhnlich hohe Geschlechterparität beobachteten? Lässt sich das Missverhältnis im Publikationsoutput und der Häufigkeit des Zitiertwerdens zumindest teilweise auf Eigenschaften der Forschungsarbeiten selbst zurückführen? Gibt es andere – vielleicht weniger genau zu beziffernde – Aspekte der wissenschaftlichen Tätigkeit, die womöglich eine ganz andere Geschichte über das Geschlechterverhältnis erzählen? Und schließlich die Frage, ob manche Disziplinen oder Kulturen irgendetwas an sich haben, was sie von vornherein attraktiver macht für das eine oder das andere Geschlecht.

Wer Frauen in der Wissenschaft ohnehin skeptisch gegenüber eingestellt ist, mag unsere Ergebnisse vielleicht nun sogar als Bestätigung seiner Meinung lesen: Frauen hinken anscheinend den Männern in Quantität und Qualität ihrer Forschung hinterher. Doch eine derart vereinfachende Lesart lässt wichtige Schlussfolgerungen aus den Daten außer Acht. Die Studie bestätigt, was vielen intuitiv klar ist: Weltweit haben Wissenschaftlerinnen mit einer Vielzahl von Hürden zu kämpfen. Die über ein Jahrzehnt währenden Anstrengungen, an diesem Zustand etwas zu ändern, haben es nicht vermocht, gleiche Startbedingungen für alle zu schaffen.

Laut UNESCO-Daten erreichen 17 Prozent der Länder ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in der Wissenschaft [10]. Uns offenbarte sich jedoch ein wesentlich düsteres Bild: Weniger als sechs Prozent der Länder, die im "Web of Science" auftauchen, erzielen wenigstens annähernd einen Gleichstand beim Verfassen von Fachpublikationen.

Will ein Land in der Wissenschaft wettbewerbsfähig sein, muss es sein intellektuelles Humankapital maximieren. Unsere Daten zeigen, dass es sich lohnen könnte, die Teilnahme von Frauen an internationalen Kooperationen zu fördern. Immerhin handelt es sich dabei um einen der wichtigsten Katalysatoren, was Forschungsoutput und -wirkung angeht.

Freilich: Gäbe es eine einzelne effektive Lösung, wäre die Angelegenheit schon längst erledigt. Leider steckt hinter der Ungleichheit eine Kombination lokaler und historischer Kräfte, die allesamt das Fortkommen von Frauen in der Wissenschaft subtil behindern. Wer mit realistischen Strategien gegensteuern will, sollte daher die Vielzahl sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Kontexte berücksichtigen, in denen heutzutage ein Studium und der Wissenschaftsbetrieb stattfinden. Jedes Land sollte sorgfältig die Mikromechanismen identifizieren, die zu der gegenwärtigen Situation geführt haben. Denn kein Land kann es sich leisten, auf den intellektuellen Beitrag einer Hälfte seiner Bevölkerung zu verzichten.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Global gender disparities in science" in Nature 504, S. 211-213, 2013.