Hintergrund | 15.12.2009 | Drucken | Teilen

Klimapolitik

Wider den Klimanonsens

Während des Kopenhagener Klimagipfels haben die so genannten Klimaskeptiker wieder Hochkonjunktur. Sie verneinen den menschlichen Einfluss auf das Klima. Dabei wurden die meisten ihrer Behauptungen bereits entkräftet.
Erde
"Climategate" war ein gefundenes Fressen für die Gruppe der so genannten Klimaskeptiker, die den menschlichen Einfluss auf das Klima trotz der erdrückenden Beweislast tausender Studien weiterhin verneinen: In den illegal veröffentlichten Mails war von einem "trick" die Rede, mithin der Fälschung ganzer Forschungsergebnisse – auch wenn diese Behauptung schlicht nicht haltbar ist, wie beispielsweise der Hamburger Klimaforscher Hans von Storch gegenüber spektrumdirekt sagte.

Einige dieser "Skeptiker" versuchen es immerhin mit guten Argumenten, dass beispielsweise die Sonnenaktivität einen viel größeren Einfluss auf das Klima hätte als das Kohlendioxid aus Menschenhand. Andere ziehen sich stattdessen auf reine Verschwörungstheorien zurück, um die Forschung zu diskreditieren. John Rennie, der frühere Chefredakteur von "Scientific American", hat sich nun die Mühe gemacht, auf einige der beliebtesten Behauptungen zu antworten.

1. Behauptung: Anthropogenes CO2 kann das Klima nicht verändern, weil es nur ein Spurengas in der Atmosphäre ist. Der Mensch produziert nur einen Bruchteil der Mengen, die Vulkane und andere natürliche Quellen freisetzen. Wasserdampf ist zudem ein viel wichtigeres Treibhausgas, weshalb Veränderungen beim CO2 irrelevant sind.

Kohlendioxid macht tatsächlich nur 0,04 Prozent der Atmosphäre aus, doch diese Menge sagt nichts über seine Bedeutung aus. Selbst bei niedrigen Konzentrationen absorbiert das Gas Infrarotstrahlung und trägt damit zum – natürlichen – Treibhauseffekt bei, was der Physiker John Tyndall schon 1859 nachgewiesen hat.

Erwärmung trotz wachsender Entfernung
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Obwohl sich der Zeitpunkt, zu dem die Erde der Sonne am nächsten ist, vom Sommer auf den Winter verschoben hat, wärmt sich die Arktis seit Anfang des Jahrhunderts auf. Dagegen sanken die Temperaturen in den 1900 Jahren zuvor, seitdem dieser Wandel eingesetzt hat. Zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende auf der Nordhalbkugel befindet sich die Erde nun dagegen rund eine Million Kilometer weiter entfernt von der Sonne als im Jahre null. Die steigenden Temperaturen führen die Forscher deshalb auf den verstärkten Treibhauseffekt zurück.
Etwa 95 Prozent des CO2 im Kohlenstoffkreislauf stammt aus natürlichen Quellen, doch steht der Ausstoß im Gleichgewicht mit der Aufnahme durch Pflanzen oder die Ozeane. Die Menschheit leistet deshalb mittlerweile den größten Beitrag zum zusätzlichen Eintrag von Kohlendioxid in die Atmosphäre: Laut des Geological Survey der USA produzieren wir durch Abgase oder Brandrodung jährlich etwa 30 Milliarden Tonnen CO2 – mehr als 130-mal so viel wie Vulkane gegenwärtig ausstoßen. Seit 1832 ist der CO2-Gehalt der Atmosphäre von 284 ppm (parts per million) auf heute 388 ppm gestiegen – der höchste Wert seit 2,1 Millionen Jahren. Verschiedene Messungen wie beispielsweise der Isotopenverteilung von Kohlenstoff in der Atmosphäre belegen, dass vor allem fossile Brennstoffe und Entwaldung zu diesem Anstieg beigetragen haben.

Das wichtigste Treibhausgas ist und bleibt allerdings Wasserdampf – und dessen Rolle wurde und wird in den Klimamodellen berücksichtigt. Wasserdampf nimmt in einem weiten Wellenlängenbereich die von der Erde abgestrahlte Infrarotstrahlung auf und verzögert so den Abfluss der Wärme in den Weltraum. Bei manchen Wellenlängen jedoch ist seine Absorption schwach: Die Klimatologie spricht von durchlässigen Fenstern. An diesen Stellen ergänzen weitere Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan oder die FCKW den Wasserdampf und machen das Fenster zusätzlich dicht. Sie heizen dem Planeten ebenfalls ein und verstärken dadurch wiederum die Verdunstung: Noch mehr Wasserdampf gelangt in die Atmosphäre. Je nach Menge, Art und Ort der Wolkenbildung folgt hieraus zum Teil eine weitere Erwärmung, zum Teil aber auch eine Abkühlung.

Im Gegensatz zu Wasserdampf – der rasch in die Atmosphäre gelangt, aber ebenso rasch auch daraus wieder verschwindet – verbleibt Kohlendioxid deutlich länger in der Luft. CO2 gilt den Klimaforschern deshalb als die hauptsächliche Triebkraft des Klimawandels, während der Wasserdampf eher unter die Rückkopplungen fällt.

2. Behauptung: Die vermeintliche Hockeyschlägerkurve der Temperaturen der letzten 1600 Jahre wurde widerlegt. Sie erkennt nicht einmal, dass es das Mittelalterliche Klimaoptimum vor rund 1000 Jahren gab. Die globale Erwärmung ist daher ein Mythos.

Es ist schwerlich zu erkennen, was größer ausfällt: die gegnerische Übertreibung der Mängel in der Rekonstruktion der historischen Temperaturen von Michael Mann und seinen Kollegen aus dem Jahr 1998 oder wie unbedeutend in diesem Fall die gegnerischen Argumente für die Beschreibung des Klimawandels sind. Denn es existiert nicht einfach nur eine einzige derartige Rekonstruktion der vergangenen Temperaturen, die nur auf einem Satz an Proxy-Daten basiert. Ähnliche Kurven, die einen stark ansteigenden Trend in den letzten Jahrzehnten zeigen, erbrachten Daten, die auf Eisbohrkernen, Baumringen und anderen Proxys basierten – unabhängig voneinander.

Erwärmung in der Arktis
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Seit 1981 haben sich große Teile der Arktis erwärmt – bisweilen weit stärker als im globalen Durchschnitt.
Eine kritische Bewertung der Kurve durch das US-amerikanische National Research Council im Jahr 2006 folgert ebenfalls, dass "die globalen Durchschnittstemperaturen mit großer Wahrscheinlichkeit während der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts deutlich höher lagen als in vergleichbaren Zeitabschnitten der letzten vier Jahrhunderte." Weniger stark stimmte die Kommission der Rekonstruktion bis zum Jahr 900 n. Chr. zu, doch hielt sie diese immerhin noch für "plausibel". Eine neue Studie von Mann und seinen Kollegen bestätigt wiederum offensichtlich, dass das Mittelalterliche Klimaoptimum und die Kleine Eiszeit, die zwischen 1400 und 1700 auftrat, jeweils durch Verschiebungen in der Sonneneinstrahlung und andere natürliche Faktoren ausgelöst wurden. Diese Einflüsse sind gegenwärtig nicht aktiv.

Schwer verständlich ist zudem, warum sich die Skeptiker derart auf den "Hockeyschläger" versteifen: Die ersten Studien, die eine Erderwärmung durch den Menschen prognostizierten, stammten aus dem Bereich der Klimamechanik – und nicht aus der Klimageschichte: Sie basierten also auf Physik.

3. Behauptung: Die globale Erwärmung pausiert seit einem Jahrzehnt, und die Erde hat sich seitdem abgekühlt.

1998 war das wärmste Jahr in den offiziellen Aufzeichnungen, die letzten Jahre fielen dagegen kühler aus. Deshalb ist der Erwärmungstrend des letzten Jahrhunderts vorüber, nicht?

Jeder, der ein bisschen Ahnung von Statistik hat, sollte die Schwächen dieser Argumentation erkennen. Betrachtet man den ausgedehnten Zeitraum, in dem die Aufheizung stattfindet, die erwarteten (und beobachteten) Schwankungen der Wachstumskurve und die vorhandenen Unsicherheiten bezüglich Temperaturmessungen und -vorhersagen, so bedeutet gerade mal ein Jahrzehnt Pause eine zu geringe Abweichung, als dass man damit schon eine Trendumkehr beweisen könnte. Mojib Latif und seine Kollegen vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel beispielsweise haben 2008 eine Studie vorgelegt, die eine derartige Pause erklärt.

4. Behauptung: Die Sonne oder kosmische Strahlen verursachen die Erderwärmung – schließlich heizt sich auch der Mars auf.

Astronomische Größen müssen berücksichtigt werden, wenn man das Klima verstehen will – etwa die Stärke der Sonnenstrahlung oder Erdbahnparameter: Sie waren unter anderem wichtige Triebkräfte der Eiszeiten und anderer Klimaveränderungen, bevor der Mensch auf den Plan trat. Klimatologen berücksichtigen diese Einflüsse deshalb in ihren Modellen. Momentan sprechen allerdings keine Messungen dafür, dass so viel mehr Sonnenenergie auf der Erde eintrifft, dass sie den beobachteten Temperaturanstieg auslösen könnte. Mike Lockwood von der University of Southampton und Claus Fröhlich vom Physikalisch-Meteorologischen Observatorium in Davos etwa konnten zeigen, dass sich die Sonnenaktivität und die Temperaturen seit 1975 entkoppelt haben: Trotz geringerer Aktivität erwärmt sich die Erde. Darüber hinaus hat der Strahlungsantrieb der Sonne von 1750 bis 2005 um 0,12 Watt pro Quadratmeter zugenommen, die Verstärkung durch menschliche Einflüsse hingegen um 1,6 Watt pro Quadratmeter.

Gebremste Erwärmung
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Folge einer langfristigen, periodischen Klimaschwankung, die von atlantischen Meeresströmungen ausgelöst wird: In den nächsten Jahren steigen die Temperaturen um 0,2 Grad weniger an (grüne Linie), als bisherige Modelle vorhersagen (schwarze Linie).
Gerne als Gegenargument herangezogen wird auch eine Studie von Henrik Svensmark von der Technischen Universität in Kopenhagen, der stärker berücksichtigt haben will, wie die Sonne die kosmische Strahlung beeinflusst. Diese Strahlung beeinflusst, wie sich Aerosole und Wolken entwickeln, die das Sonnenlicht reflektieren. Nach Svensmarks Theorie schirmte starke Sonnenfleckenaktivität während der letzten 50 Jahre die Erde vor übermäßiger kosmischer Strahlung ab, was die starke Erwärmung begünstigte. Jetzt, da die Sonne wieder in eine ruhigere Phase übergehe, kehre sich der Trend wieder um. Dementsprechend behauptet der Forscher mit seinem Modell, dass die Temperaturänderungen besser mit der Intensität kosmischer Strahlung zusammenhingen als mit anderen Faktoren.

Die meisten Klimatologen sind von dieser Argumentation nicht überzeugt, da sie Schwächen in ihrer Beweisführung enthält. Insbesondere scheint es keine eindeutigen langzeitigen Trends bei den eingehenden kosmischen Strahlungen oder der von ihnen angeblich ausgelösten Wolkenbildung zu geben. Außerdem erklärt Svensmarks Modell nicht, warum sich die Erde beispielsweise nachts stärker erwärmt als tagsüber.

Und der Mars? Die Beobachtung, dass sich auch unser Nachbar aufheizt, beruht auf sehr wenigen Messungen. Es ist also fraglich, ob es sich um einen echten Trend handelt. Bislang kennen wir das Marsklima nur sehr oberflächlich, womöglich hat deshalb eine Reihe starker Staubstürme zur Erwärmung beigetragen: Sie verdunkelten die Marsoberfläche, so dass ein größerer Teil der Sonnenenergie in Wärme umgewandelt wurde, statt wieder ins All reflektiert zu werden.

5. Behauptung: Die Klimaforschung ist eine riesige Verschwörung, und die Klimatologen verschweigen die Wahrheit, indem sie ihre Daten nicht preisgeben. Ihr weit gehender Konsens ist wissenschaftlich irrelevant, da Forschung nicht auf Popularität beruht.

Sollte es tatsächlich so etwas wie eine Verschwörung geben, so umfasste sie Tausende von Publikationen und Wissenschaftlern rund um die Erde – bis zurück zu den Tagen von John Tyndall und Svante Arrhenius, die schon vor 150 Jahren belegten, dass Kohlendioxid ein Treibhausgas ist. Auch die jetzt gehackten und publizierten E-Mails der Climatic Research Unit der University of East Anglia liefern keinen einzigen Beleg für einen Betrug. Die wenigen Sätze, die dafür bislang herangezogen werden, wurden aus dem Zusammenhang gerissen und bereits von unabhängigen Wissenschaftlern erklärt.

Temperaturanomalien 2006
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Das Jahr 2006 war das fünftwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen 1890. Besonders starke Abweichungen der Temperaturen gab es in der Arktis.
Viele der Daten, welche die Forscher verwenden, stammen zudem aus öffentlichen Quellen oder sind anderweitig frei verfügbar: Sie werden also mitnichten versteckt. Manche Datensätze dürfen die Wissenschaftler wiederum nicht so ohne Weiteres weitergeben, da die nationale Gesetzgebung dies nicht erlaubt. Wollten die Skeptiker jedoch wirklich einen gelungenen Schlag gegen die Theorie zum Klimawandel führen, sollten sie nur mit den vorhandenen Daten eigene, glaubwürdige Modelle entwickeln und vorlegen. Das jedoch ist bislang noch nicht geschehen.

2004 hat die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes 928 begutachtete Veröffentlichungen aus unterschiedlichsten Fachzeitschriften zum Klimawandel untersucht, von denen 75 Prozent die Theorie der anthropogenen Erderwärmung unterstützten. Das restliche Viertel bezog sich auf methodische Fragen oder bezog keine Position. Keine einzige Publikation aber widersprach der These vom menschengemachten Klimawandel.

6. Behauptung: Klimatologen haben ein gesteigertes Interesse daran, Alarm zu schlagen, weil es ihnen Geld und Prestige bringt.

Sollte es den Wissenschaftlern darum gehen, mehr Geld locker zu machen, weil sie die Furcht vor dem Klimawandel schüren, so scheitern sie – zumindest in den USA. Zwischen 1993 und 2004 wuchsen zwar die staatlichen Forschungsgelder für den Klimawandel von 3,3 auf 5,1 Milliarden Dollar (ein Zehntel der gesamten Ausgaben für Forschung außerhalb des Verteidigungsetats) – eine Steigerung um 55 Prozent. Die Anteil der Ausgaben für reine Klimaforschung fiel jedoch von 56 auf 39 Prozent, da Mittel vor allem in die Bereiche "Energieeinsparung" und andere Technologiefelder flossen. Es profitierten dabei vor allem Projekte im Industriebereich, weniger an den Forschungsinstituten.

7. Behauptung: Technologische Lösungen wie neue, saubere Energien oder Geoengineering sind kostengünstiger als der Ansatz, Energie zu sparen, um Kohlendioxidemissionen zu vermeiden.

Verschiedene Kritiker der gegenwärtigen Klimaschutzpolitik wie der dänische Politikwissenschaftler Bjørn Lomborg erwähnen immer wieder, dass Umweltschützer besessen davon seien, das Kohlendioxid ausschließlich durch gesetzliche Regelungen verringern zu wollen. An technischen Lösungen seien sie dagegen uninteressiert. Diese Interpretation ist im besten Falle bizarr: Technische Innovationen in der Energieeffizienz, -speicherung und -produktion sollen genau mit Obergrenzen für CO2 erreicht werden. Die Frage ist nur, ob es klug ist, auf CO2-Einsparungen zu verzichten, bis derartige Lösungen massentauglich sind?

Die meisten Wissenschaftler antworten darauf mit "Nein", denn je länger wir warten und je später wir damit beginnen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, desto stärker fällt die Erwärmung aus. Das Kohlendioxid heizt außerdem nicht nur der Erde ein, es versauert auch die Ozeane, in denen es sich als Kohlensäure löst – und dabei Korallenriffe schwer schädigt.

Problemfrei sind auch die Methoden des Geoengineering nicht – etwa der Aufbau eines Schwefelschirms, der Sonnenstrahlung abblockt, oder die Eisendüngung des Meeres, das Algenwachstum und deren kohlenstoffbindende Fotosynthese anregen soll. Die ambitioniertesten Vorschläge beinhalten großenteils Technologien, die noch nicht getestet wurden. Es ist also völlig unklar, ob sie so gut funktionieren wie erhofft und ob sie nicht andere schwere Umweltprobleme bewirken.

Alle Methoden, die darauf verzichten, Kohlendioxid der Atmosphäre zu entziehen, müssen langfristig betrieben werden, um plötzliche drastische Erwärmungsschübe zu vermeiden. Ebenso könnten sie zu einem politischen Minenfeld werden, wenn die Staatengemeinschaft uneins ist. Es scheint, als ob das Vertrauen in zukünftige technologische Entwicklungen, um das Klimaproblem zu lösen, der Gipfel der Unvernunft ist – statt den Klimawandel direkt und heute mit den bereits vorhandenen Mitteln anzugehen. Doch offensichtlich sind die Skeptiker am meisten daran interessiert, diese vernünftigen Maßnahmen in Misskredit zu bringen.
© Spektrum.de
Erde

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