2011 war wieder ein besonderes Jahr für Grönland: Auf einem knappen Drittel seiner Fläche schmolz der Eisschild während der Sommermonate dahin. Zum dritten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1970er Jahren erfasste damit das Tauwetter mehr als 30 Prozent der Eisfläche des zweitgrößten Gletscherverbunds der Erde. In vielen Regionen der Insel dauert mittlerweile die Schmelzperiode bis zu 30 Tage länger als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Schmelze auf Grönland
© NASA Earth Observatory
(Ausschnitt)
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Alexander Robinson von der Universidad Complutense de Madrid und seine Kollegen befürchten allerdings, dass dies erst der Auftakt für den Zusammenbruch des grönländischen Eisschilds sein könnte [1]: Eine Erhöhung der mittleren Temperaturen um 1,6 Grad Celsius – entscheidend sind die durchschnittlichen Sommerbedingungen vor Ort – reicht nach ihren Berechnungen bereits aus, die Gletscher über die nächsten Jahrtausende komplett verschwinden zu lassen. Dieser Schwellenwert liegt deutlich niedriger als bisherige Schätzungen, die erst bei einer globalen Aufheizung von mehr als drei Grad Celsius von einem Totalverlust ausgingen.

Angesichts der Eismassen, die auf Grönland lagern, würde sich das Schmelzen im besten Fall theoretisch über 50 000 Jahre hinziehen. Setze sich der gegenwärtige Trend beim Ausstoß von klimarelevanten Treibhausgasen fort, so beschleunige sich der Trend allerdings stark, meinen die Forscher: Steigen die regionalen Temperaturen beispielsweise um acht Grad Celsius verglichen mit heute – was laut den zu Grunde liegenden Modellen durchaus im Bereich des Möglichen läge –, dann verschwindet schon innerhalb der nächsten 500 Jahre ein Fünftel des Grönlandeises. Weitestgehend eisfrei würde die Insel dann in den nächsten 2000 Jahren, so Robinson und Co.

"Unsere Studie zeigt, dass ab einem bestimmten Schwellenwert der Eisverlust für sehr lange Zeit irreversibel würde. Selbst wenn sich das Klima wieder abkühlt, erholen sich die Gletscher nicht einfach wieder", sagt Robinson. Schuld daran seien Rückkopplungsmechanismen zwischen dem Klima und dem Eisschild selbst: In den zentralen Bereichen erreicht dieser Mächtigkeiten von bis zu 3000 Metern. Taut er ab, erstreckt er sich in niedrigeren Höhenlagen mit entsprechend höheren Durchschnittstemperaturen, was den Eisschwund weiter beschleunigt und eine Regenerierung erschwert. Dass sich weiße Flächen damit ebenfalls zurückziehen und dunkler Fels freigelegt wird, der mehr Sonnenenergie als Wärme speichert, statt die Strahlung ins All zu reflektieren, kommt noch erschwerend hinzu.

Das Schicksal der Gletscher bestimmen aber nicht nur die Durchschnittstemperaturen, sondern ebenso die Niederschläge: In den durchschnittlich wärmeren, aber auch schneereicheren Westalpen beispielsweise sind die Eiszungen daher meist mächtiger als in den kontinental geprägten, kühleren Ostalpen. Wenn es wärmer wird, verdunstet auch mehr Wasser aus dem Ozean, der sich über Grönland als Schnee niederschlagen kann. Zahlen von Michiel van den Broeke von der Universität Utrecht und seinen Kollegen deuten an, dass ohne diesen Effekt die Eisverluste auf Grönland seit 1996 doppelt so hoch ausgefallen wären, wie tatsächlich gemessen wurden [2]. Dieser Aspekt wurde von Robinson und Co aber zumindest in dieser Studie wohl noch nicht berücksichtigt.