Wo ist oder war "Unserdeutsch" in Gebrauch?

Jan Dönges
a) In Pennsylvania (USA)
b) In Papua-Neuguinea
c) Beim "fahrenden Volk"
d) In der Lutherbibel

Antwort:

"Unserdeutsch" ist die einzige Kreolsprache auf der Basis des Deutschen. Sie entstand in der damaligen deutschen Kolonie auf Papua-Neuguinea und wird dort und in den angrenzenden Gebieten sowie in Australien teilweise auch heute noch gesprochen - wenn auch nur noch von einer Handvoll Sprechern.

Erklärung:

Für die Kinder eines Waisenhauses der "Missionsschwestern vom heiligsten Herz Jesu" in der damaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea war es der Ausweg aus einer schwierigen Lage: Zur Verständigung mit den Klassenkameraden stand ihnen nichts außer ihrem rudimentärem Schuldeutsch zur Verfügung.

Aus hauptsächlich deutschem Vokabular entwickelte sich in den Jahren nach der Gründung 1897 allmählich das "Unserdeutsch" – die Verkehrsprache der Schlafsäle und Schulhöfe. Die Neuankömmlinge lernten sie von den Älteren und gaben sie an ihre eigenen Kinder weiter, zu deren Muttersprache das Rabaul Creole German wurde, wie es im Linguisten-Jargon auch heißt.

"Nur ein Name, i konnte ni finden" oder "Der Mensch, wo ist am bauen de Haus, hat gehauen sein Finger". Unserdeutsch mag wie die unbeholfene Ausdrucksweise eines Deutschlerners klingen, weist aber bei genauerem Hinsehen eine komplette Grammatik auf, die sich – davon gehen Sprachwissenschaftler aus – völlig ohne Lenkung von Außen allein durch ihren Gebrauch einschliff. Häufige Redewendungen wurden zu diesem Zweck verallgemeinert, wobei vor allem Kleinkinder während des Erwerbs ihrer Muttersprache wahre Meisterleistungen in dieser Hinsicht vollbringen und so die Sprachentstehung befeuern.
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© Deutsches Koloniallexikon von 1920 / Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt
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Aber auch das Tok Pisin, eine dort verbreitete, englischbasierte Hilfssprache und ihre in den Kolonien gelegentlich anzutreffende deutsche Version scheinen für einige grammatische Wendungen Pate gestanden zu haben. Über diesen Umweg gelangten dann sogar Eigenheiten südpazifischer Sprachen in das deutsche Kreol. Relikte wie die dort gängige Unterscheidung zwischen so genanntem inklusiven und exklusiven "wir" zählen dazu: In einem Satz mit der Bedeutung "wir gehen ins Kino" verwendet der Unserdeutsch-Sprecher "wir", wenn der Angesprochene mit eingeladen ist, und "uns", falls nicht.

Die Entstehungsgeschichte des Unserdeutschen und ihr Resultat - Sprachvermischung, einfache Grammatik, aber auch Anpassungen an das Lautinventar der Einheimischen - ist in vieler Hinsicht typisch für die vielen, aus den Extrembedingungen der Kolonisation und des Sklavenhandels geborenen Pidgins und Kreolsprachen. Von letzterer spricht der Linguist übrigens erst dann, wenn es - wie im Fall des Unserdeutsch - Muttersprachler gibt, ein Pidgin, wie das Tok Pisin ("Talk Pidgin"), verwenden die Sprecher dagegen nur in bestimmten Situationen, etwa beim Einkauf auf dem Markt.

Inzwischen zählt das Tok Pisin zu den offiziellen Amtssprachen des Landes, während Unserdeutsch praktisch ausgestorben ist. Dennoch lebt das Deutsch der Kolonisten in der Region weiter: So bestellt sich beispielsweise auch heute noch "Hebsen", wem in Papua-Neuguinea der Sinn nach Erbsen steht.

Auch in anderen Teilen der Welt wird Deutsch gesprochen - in den meisten Fällen jedoch von ehemaligen deutschsprachigen Auswanderern - wie im US-Bundesstaat Pennsylvania. Dort und in einigen anderen deutschsprachigen Gemeinden Nordamerikas ist das Pennsylvania Dutch (oder auch Pennsilfaanisch Deitsch genannt) eine verbreitete Sprache. Es geht hauptsächlich auf Pfälzer Dialekte zurück, ist aber mit einer Vielzahl von englischen Ausdrücken durchsetzt. Heutzutage wird es groben Schätzungen zufolge von rund 200 000 Menschen aktiv beherrscht.

Das fahrende Volk hatte ebenfalls seine eigene Version des Deutschen in Gebrauch, die auf viele Namen hörte - nur nicht auf "Unserdeutsch": "Rotwelsch" ist die gebräuchlichste Bezeichnung, andere sind "Kundensprache", "Kochemer Loschn" (von jidd.: chochem "klug" und losn "Sprache") oder "Argot". Auch Jenisch, die Sprache der Schweizer Minderheit der Jenischen, wird mitunter zu diesen so genannten Sonder- oder Gaunersprachen gezählt, deren Zweck es war, Botschaften nur für Eingeweihte verständlich zu machen. Anleihen nahm man beim Jiddischen und dem Romani der Sinti und Roma. Viele heute umgangssprachliche Ausdrücke, wie "ausbaldowern", entstammen diesen Sprachen.

Nicht "Unserdeutsch", dafür aber "unser Deutsch" kam mit der Lutherbibel auf. Sie bot zum ersten Mal eine Vereinheitlichung der vielen damals üblichen Dialekte und schuf damit eine Art Standarddeutsch, das bis heute tonangebend blieb. In der Systematisierung der verschiedenen Sprachstufen des Deutschen beginnt daher die Geschichte des Neuhochdeutschen mit diesem über die kurz zuvor erfundene Buchdruckkunst in hohen Auflagen verbreiteten Werk.

Wo ist oder war "Unserdeutsch" in Gebrauch?