Rezension | 14.11.2012 | Drucken | Teilen

Die Sterne und ich

Anna Frebel, Jahrgang 1980, erlebt den "amerikanischen Traum": Aus den trüben Niederungen eines deutschen Physikstudiums reist sie zu einem astronomischen Praktikum ins sonnige Australien, promoviert dort – ohne Diplom – und findet sich nach einigen "Fellowships" in den USA unvermittelt auf dem Professorenstuhl des renommierten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge wieder. In Deutschland undenkbar, ist dies international offenbar möglich – vorausgesetzt man hat etwas Wichtiges entdeckt! Damit kein Neid aufkommt: Ja, Anna Frebel hat eine astronomisch bedeutsame Entdeckung gemacht, den ältesten bekannten Stern des Universums.

Darüber – und natürlich auch über ihre tolle Karriere – hat sie nun ein 350-seitiges Buch geschrieben und präsentiert es medienwirksam. Warum auch nicht? Es ist gut zu lesen, informativ und vermittelt sowohl astrophysikalische Fakten als auch viele subjektive Eindrücke. Letztere kommen mir allerdings etwas zu selbstgefällig daher. Stolz präsentiert die attraktive Autorin ihre Wissenschaftspreise, Artikel in bedeutenden Fachzeitschriften, Konferenzteilnahmen, Bekanntschaften mit renommierten Astronomen und Astronominnen, Leitungsfunktionen oder häufige Reisen zu den Gipfeln der Welt mit ihren Megateleskopen. Was nach astronomischem Jetset klingt, kann man wohlwollend auch als natürlichen Ehrgeiz eines "jungen Shooting-Stars der Astrophysik" (Klappentext) bezeichnen. Der Leser erhält jedenfalls interessante Insiderinformationen zum internationalen Astronomiebetrieb, zum Beispiel wie es an großen Sternwarten zugeht (insbesondere in langen dunklen Nächten) oder was auf internationalen Fachtagungen passiert (bekanntermaßen ein Kabinett der Eitelkeiten). Man merkt der Autorin an, dass sie ihren umtriebigen Job genießt. Es gab allerdings auch diverse Rückschläge – bis hin zur Katastrophe, wie der Feuersturm über dem australischen Mount-Stromlo-Observatorium im Jahre 2003, mit dem Anna Frebel gleich zu Anfang ihrer Karriere konfrontiert wurde.

Nun zum astronomischen Gegenstand des Buchs: den ältesten Sternen. Sie waren von Beginn an Frebels Objekte der Begierde – und sind es noch. Die Suche bezeichnet sie treffend als "stellare Archäologie". Um die Physik dieser Objekte, deren Entstehung im frühen Kosmos und die Methoden ihrer Entdeckung und Beobachtung begreiflich zu machen, holt die Autorin weit aus. Ausführlich und kompetent führt sie den Leser an diese anspruchsvollen Inhalte heran. So ist die erste Hälfte des Buchs eine lesenswerte Darstellung der Astrophysik, unterlegt mit Ausflügen in die Geschichte dieser noch jungen Wissenschaft; ein Terrain auf dem Frebel allerdings nicht immer sicher wirkt. In einem Kapitel geht es um die "Entwicklung eines Sterns – von der Geburt bis zum Tod". Zentraler Aspekt ist die Elementzusammensetzung, die sich durch nukleare Fusions- und Syntheseprozesse über die Sterngenerationen stetig ändert. Dabei wird eines deutlich: die innige Beziehung der Autorin zum Periodensystem. Hier muss man sich gut auskennen, um den ältesten Sternen auf die Spur zu kommen. Diese sind gekennzeichnet durch einen extrem geringen "Metallgehalt", wobei Metalle alle Elemente schwerer als Helium meint. Eine weitere Voraussetzung ist instrumenteller Art: die Spektroskopie. Auch hier ist die junge Astronomin bereits eine ausgewiesene Expertin.

Wenn neben dem theoretisch-praktischen Wissen und einem enormen Fleiß noch eine Portion Glück dazukommt, bleibt der Erfolg nicht aus. Fleiß bedeutet hier, dass eine große Zahl von Sternen akribisch durchmustert werden muss, um letztlich die Nadel im Heuhaufen zu finden. Frebel hatte Glück, sie fand gleich mehrere metallarme Kandidaten, die überdies schwache Linien radioaktiver Elemente zeigten. Diese sind nur mit den größten Teleskopen zu sehen, an denen es jedoch schwer ist, kostbare Beobachtungszeit zu ergattern. Nach dem Vorbild der klassischen C14-Methode – aus dem Zerfall dieses radioaktiven Stoffs lässt sich etwa das Alter von Mumien bestimmen – gelang es schließlich, das "Geburtsjahr" des jeweiligen Sterns zu bestimmen. Beim Rekordhalter liegt escirca 13 Milliarden Jahre vor unserer Zeit beziehungsweise 700 Millionen Jahre nach dem Urknall. Er trägt die kryptische Bezeichnung HE 1327-2326, liegt 4000 Lichtjahre entfernt im Sternbild Wasserschlange und besitzt einen Eisenanteil von einem Vierhunderttausendstel der Sonne. Und der Methusalem-Stern leuchtet immer noch!

"Auf der Suche nach den ältesten Sternen" hat eine klare Thematik, die fachlich fundiert und verständlich dargestellt wird. In der Mitte des Buchs gibt es einige Farbseiten, ansonsten lockern viele Schwarzweiß-Grafiken den Text auf (einige stammen aus Fachartikeln und sind nicht leicht zu "lesen"). Leider gibt es kein Sachverzeichnis, und die Literaturliste ist recht knapp ausgefallen. Der Leser benötigt zwar kein spezielles Vorwissen, eine gewisse Affinität zur Physik, Astronomie und Kosmologie kann aber nicht schaden. Anna Frebel präsentiert nicht nur faszinierende kosmische "Ausgrabungen" sondern auch – erkennbar amerikanisch geprägt – sich selbst gleich mit. Das Ergebnis ist auf jeden Fall lesenswert und dürfte vielen Spaß bereiten.

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