Der provokante Titel regt zum Nachdenken an. Ist es nicht die Kunst, die einen wesentlichen Aspekt des menschlichen Seins ausmacht und als wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen den anatomisch-modernen und den Frühmenschen gilt?

Konkret beschreiben die Autoren die außergewöhnlichen archäologischen Funde, die Forscher während der zurückliegenden 86 Jahre in mehreren Höhlen auf der Schwäbischen Alb machten. Dort schufen die Eiszeitmenschen mobile Objekte aus Elfenbein und Knochen, darunter Statuetten und Flöten, was einen Kontrast zu den reich ausgeschmückten Bilderhöhlen in Frankreich und Spanien darstellt. Die Entdeckungen sind so einzigartig, dass die UNESCO vier Höhlen im Juli 2017 zum Welterbe erklärte.

Wirklichkeitsnahe Darstellungen

Conard und Kind beleuchten einen öffentlich bislang wenig beachteten Aspekt der Eiszeitforschung: die mobile Kleinkunst, geschaffen vom eiszeitlichen Homo sapiens des Aurignacien in Süddeutschland. Sie beginnen mit klassischen Themen wie Menschwerdung, eiszeitlicher Umwelt sowie Grabungs- und Forschungsgeschichte der Höhlen. Den Hauptteil bilden detaillierte Beschreibungen der Fundorte mit den zugehörigen Artefakten, sowohl aus Altgrabungen der 1930er und 1940er Jahre als auch aus aktuellen Kampagnen. Es handelt sich meist um nur wenige Zentimeter große Statuetten, die sehr realistisch Tiere wie Mammuts, Löwen und sogar einen Menschen wiedergeben. Aber auch eine aus vielen Bruchstücken zusammengesetzte, mehr als 30 Zentimeter große Statue eines Löwenmenschen ist dabei. Besonders hervorzuheben ist die "Venus vom Hohlefels" – die zu den weltweit ältesten Darstellungen des menschlichen Körpers gehört und sich gut in eine Reihe mit anderen Frauenstatuetten der Altsteinzeit (Paläolithikum) stellen lässt. Gelochte Flöten aus Vogelknochen und Elfenbein gewähren Einblicke ins steinzeitliche Musizieren.

Der Objektteil glänzt mit exzellenten Bildern, ergänzt von Erläuterungen zu Herstellungsprozessen und Fundzusammenhängen. Sehr gelungen sind auch die eingeschobenen Exkurse, die archäologische Methoden oder besondere Themen betrachten, etwa die Computerrekonstruktion von Höhlen. Eine große Rolle spielt die Datierung. Den Abschluss bilden eine knappe Kontextualisierung mit anderen Formen der steinzeitlichen Kunst sowie eine Darstellung des zum UNESCO-Welterbe erklärten Gebiets.

Das Buch, das stark an einen Ausstellungskatalog erinnert, liest sich gut und flüssig. Leicht verständliche Diagramme, Karten und Zeichnungen veranschaulichen den Text, und gut platzierte Exkurse ergänzen das Ganze. Die Bilder, insbesondere der Fundstücke, sind von exzellenter Qualität. Was man sich jedoch detaillierter wünscht, sind Rekonstruktionen dazu, wie die einzigartigen Objekte verwendet wurden, sowie Interpretationen zu deren Zweck. Ebenso vermisst man eine kunsttheoretische Betrachtung, die sich mit dem lockenden Titel auseinandersetzt und die Befunde intensiver mit Höhlenmalereien oder anderen Formen der Steinzeitkunst in Verbindung bringt.