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Code als Waffe

Bestseller-Autorin Yvonne Hofstetter beschreibt Risiken, die uns im Netz drohen.

»Hallo, Opfer. Ich kenne dein Passwort: torno 2001. Das ist meine letzte Warnung. Ich schreibe dir, weil ich einen Trojaner auf einer Pornografie-Webseite installiert habe. (…) Du warst unanständig, und ich habe dich dabei gefilmt. Das schmutzige Video und deine Daten werde ich löschen, wenn du mir 500 US-Dollar in Bitcoin bezahlst.« Mit diesem Auszug aus einer Erpresser-Mail beginnt die Juristin und KI-Expertin Yvonne Hofstetter ihr jüngstes Buch »Der unsichtbare Krieg«. Zwar sei die E-Mail-Drohung nichts weiter als ein Bluff gewesen, weil die Autorin kein kompromittierendes Material auf ihrem Rechner hatte. Trotzdem zeigt das Beispiel das riesige Bedrohungs- und Zerstörungspotenzial von Schadsoftware.

Die Digitalisierung habe nicht nur unser Privatleben und unseren Arbeitsalltag fest im Griff, mit ihr durchlaufe die Kriegsführung die nächste Evolutionsstufe: »Der Umbau der Gesellschaft in einen sozialen Megacomputer erlaubt es scheinbar, auf klassische militärische Mittel zu verzichten und dennoch Kriege zu führen.« Digitalisierung mache neue Mittel von Macht und Gewalt möglich: Digitale Spionage, Sabotage und Online-Subversion seien die Operationen, die im 21. Jahrhundert Alternativen zu militärischen Einsätzen bieten. Die Kriege von morgen würden auf dem »Schlachtfeld der Umgebungsintelligenz« ausgetragen.

Auslagerung staatlicher Angriffe

Die Tatsache, dass der Code zur Waffe werde, wie die Autorin konstatiert, führe zu einer geopolitischen Neuordnung: Staaten werden mit ihrer digitalen Infrastruktur verwundbar, kleine, nichtstaatliche Akteure wie Hackergruppen und Trollfabriken könnten sich der Waffe bemächtigen. Auf der anderen Seite können Regierungen solche Hackerorganisationen beauftragen, um andere Staaten anzugreifen – zum Beispiel, um Kraftwerke zu sabotieren. Diese »Externalisierung staatlicher Angriffe« an Private und die damit einhergehende »Ökonomisierung der öffentlichen Sicherheit« hält Hofstetter nicht nur für eine Gefahr innerhalb der Nationalstaaten, sondern für das gesamte internationale System.

Beispiel Wannacry: Im Mai 2017 hatte der Computerwurm rund 200 000 Rechner in 150 Ländern auf dem Globus infiziert und ganze Informationssysteme in Krankenhäusern lahmgelegt. Die betroffene Microsoft-Sicherheitslücke war lange nur der US-amerikanischen Heimatschutzbehörde NSA bekannt. Sicherheitsbehörden, erklärt Hofstetter, sammeln Sicherheitslücken von Computerprogrammen, um bei Bedarf in jeden Rechner weltweit einbrechen zu können. Das Problem: Die NSA wurde selbst Opfer eines Datenklaus. Eine Hackergruppe mit dem treffenden Namen »Shadow Brokers« hatte die streng geheime Information entwendet und im April 2017 im Internet veröffentlicht. Wenige Tage später schlug Wannacry zu. Dass das Angriffstool aus dem Waffenschrank der NSA kam, ist nur eine von vielen Irrungen und Wirrungen auf diesem unübersichtlichen Schlachtfeld.

Die Autorin beleuchtet das unwägbare Terrain von Desinformationskampagnen über Doxing (so nennt man die Veröffentlichung privater Informationen) bis zu autonomen Waffensystemen und hybrider Kriegsführung. Und sie tut das mit einer erzählerischen Leichtigkeit, die man von ihren Bestsellern »Das Ende der Demokratie« oder »Sie wissen alles« kennt. Einige Passagen, etwa wenn die Autorin Sachverhalte zeitlich rekonstruiert, sind fesselnd und lesen sich wie ein Thriller. Das ist die Stärke des Buchs: die Fähigkeit der Autorin, die analytische Ebene mit einer erzählerischen zu verschränken. Auch Laien werden die komplexen Techniken verständlich erklärt.

Trotzdem erfahren die Leser in diesem Buch nicht viel Neues. Die Privatisierung des Cyberkriegs und die Hackergefahren aus dem Netz sind mittlerweile hinreichend bekannt und beschrieben, etwa in Adam Segals »The Hacked World Order« (2016) oder in dem von Constanze Kurz und Frank Rieger verfassten Buch »Cyberwar – Die Gefahr aus dem Netz«, das im Jahr 2018 erschienen ist. Hofstetter fügt dem nicht viel hinzu. Details etwa zu Trumps Skandalvideo aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 (»grab them by the pussy«) hat man schon häufiger gelesen, und so wirken diese Ausführungen stellenweise etwas ermüdend. Das durchaus diskussionswürdige Plädoyer, Europa solle »mehr Demokratiepolitik wagen«, bleibt vage und in seiner Formelhaftigkeit nicht hinreichend begründet.

Trotz dieser Schwächen ist es ein solides Buch, das den Lesern die Gefahren der digitalen Welt vor Augen führt und ein Problembewusstsein für die geopolitischen Verwerfungen schafft. Wer künftig mitdiskutieren will, ob die Bundesregierung mit einem »Hackback« Vergeltungsangriffe auf Cyberattacken durchführen will, sollte dieses Buch lesen.

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