Wanderer und Mountainbiker zieht es im September in die Alpen, denn der Monat lockt mit warmen Tagen und einer oft grandiosen Fernsicht. Wer am Abend nach der Bergtour geistige Erbauung wünscht, dem sei dieser recht stramme Marsch durch die Geschichte empfohlen. Unterhaltsam und spannend erzählt der Publizist und Althistoriker Ralf-Peter Märtin, was sich vor Jahrhunderten im Alpenraum zugetragen hat.

Märtin erweitert den Zeithorizont seines Buchs über die Antike hinaus in die letzte Kaltzeit, die fruchtbare Talböden hinterließ; er geht auf die ersten Jäger ein, die sich um 13 000 v. Chr. ins Gebirge trauten; und er verweilt bei dem heute berühmtesten Vertreter bäuerlicher Dorfgemeinschaften des frühen 4. Jahrtausends v. Chr.: Ötzi. Erstaunlich, was Naturwissenschaftler bereits über den Gletschermann herausgefunden haben – etwa, was er wann gegessen hatte, an welchen Krankheiten er litt und mit welcher Kleidung er den Unbilden des Hochgebirges trotzte. Und wie er möglicherweise starb. Wurde Ötzi von seinen eigenen Leuten den Göttern geopfert?

Barbarische Gebirgsbezwinger

Mit dem Jahr 2000 v. Chr. geht der Autor dann langsam zur Antike über und nimmt gleichzeitig den Mittelmeerraum in den Blick. Die Angehörigen der damaligen Eliten verlangten allerorten nach Bronze, der Kupferbergbau in den Alpen boomte, außerdem gab es dort Salz, Blei, Silber, Gold, Eisen. Fernhandelswege über die Pässe etablierten sich, um die Hochkulturen der Zeit zu beliefern und deren Erzeugnisse zu den frühen Kelten zu bringen.

Schon früh verknüpfte sich die Geschichte der Alpen mit Rom, das der Antike seinen Stempel aufprägte. Mochten die schroffen Gebirge auch ein Hindernis darstellen, verliehen sie der Stadt doch keinen verlässlichen Schutz gegen Invasoren. Keltische Stämme hatten die Berge bezwungen, sich in Norditalien niedergelassen – und 387 v. Chr. die Stadt am Tiber geplündert. Hannibal (247–183 v. Chr.) führte das karthagische Heer samt Kriegselefanten 218 v. Chr. über die Alpen, kein Jahrhundert später fielen Kimbern, Teutonen und andere Stämme in Italien ein. Die Konsequenz: Rom kehrte den Spieß um und schickte seine Legionen gen Norden. Gaius Julius Cäsar (100–44 v. Chr.) profilierte sich dabei als erfolgreicher Feldherr, Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) machte die Unterwerfung der Alpenstämme zur Chefsache und schickte 15 v. Chr. seine Stiefsöhne Tiberius und Drusus aus.

Auf die Eroberung folgte die Romanisierung: Die großen Pässe wurden mit Straßen befestigt, Städte gegründet, die Geldwirtschaft eingeführt. In geeigneten Lagen baute man Wein an, Esskastanien wuchsen am Südrand der Gebirgskette. Binnen weniger Jahrzehnte, so Märtin, war aus einer unruhigen Region eine Transitzone geworden, von der alle profitierten. Die heute noch lebendigen Sprachen Furlan, Ladinisch und Rätoromanisch, aus einheimischen und dem Lateinischen entstanden, legen ein beredtes Zeugnis der Akkulturation ab.

Ansturm der Völker

Doch Frieden und Wohlstand herrschten nur zwei Jahrhunderte, dann geriet das Imperium in den Strudel der Völkerwanderungen, und die guten Straßen durch den Alpenraum zeigten ihre nachteilige Seite – Markomannen, Alamannen, Hunnen und andere wussten sie zu nutzen. Während feindliche Großverbände die Grenzen überwanden, destabilisierten Soldatenkaiser das Reich im Innern. Kaiser Diokletian (um 240–12) reformierte das Heer und teilte seine Macht, um die vielen Brandherde des Imperiums effektiver löschen zu können.

Letztlich war der Niedergang römischer Herrschaft im Westteil des Imperiums zwar nicht aufzuhalten, dennoch blüht die romanische Kultur weiter. So belegen Ortsnamen wie Walchensee oder Wallgau in Bayern und Tirol, dass die neuen germanischen Herren ein Miteinander mit der einheimischen Bevölkerung anstrebten.

Abschließend betrachtet der Autor die Ausbreitung des Christentums im Alpenraum, etwa die Gründung von Klöstern. Was machte diese Religion überhaupt so attraktiv? Schließlich hatten die Bergvölker ihre eigenen Gottheiten, die sie mit beeindruckenden Gipfeln und Plätzen verbanden; hinzu kamen die römischen Kulte. Doch nur das Christentum versprach ein Paradies, das nicht durch heroische Taten, sondern allein durch den Glauben erschlossen würde. Und das jedermann und jederfrau offenstand.

Gern hätte Ralf-Peter Märtin, der begeisterter Bergwanderer war, seine Alpengeschichte bis in die Gegenwart fortgeführt. Doch wie einem Nachwort des Schriftstellers Christoph Ransmayr zu entnehmen ist, erforderte schon dieses Buch viel Kraft. Denn 2015 erhielt der Autor die Diagnose ALS, eine fortschreitende Lähmung der gesamten Muskulatur setzte ein. Märtin starb im Jahr darauf, nur wenige Tage, nachdem er das Manuskript beendet hatte.