Wir bestellen Fair-Trade-Kaffee und Windeln aus Biobaumwolle im Internet und fühlen uns gut, weil die Plantagenarbeiter am anderen Ende der Welt einen gerechteren Lohn erhalten. Schließlich konsumieren wir verantwortungsvoll und nachhaltig, oder? Christoph Bartmann hält dagegen: Der Paketbote, der die Sendung in die verkehrsverstopften Innenstädte bringt, verdient pro Lieferung nur einen Cent-Betrag. Einige von ihnen bessern damit ihre Rente auf, andere versuchen, davon eine Familie zu ernähren. Diese stetig wachsende Schicht der Dienstleister nennt Bartmann die "neuen Diener". Neben Hausangestellten zählen zu ihr auch Müllentsorger, Putzhilfen, Kinderbetreuer und Handwerker, die ihre Leistungen über Zeitarbeit oder Internetplattformen anbieten.

Als Leiter des Goethe-Instituts hat der Autor einige Jahre in New York gelebt, wo ein Concierge seine Pakete empfing und viele häusliche Aufgaben übernahm. Bartmann glaubt inzwischen: Indem wir Tätigkeiten des normalen Lebens auslagern, schaffen wir neue "Diener", die zwar auf dem Papier frei sind (also nicht wie früher den Hausherren verpflichtet). Allerdings sind sie gezwungen, einen miesen Job nach dem anderen anzunehmen, bis es zum Leben reicht. Während die Betreiber von Plattformen wie "Seamless" oder "Foodora" viel Geld scheffeln, indem sie Essen anliefern lassen, herrscht unter ihren Bediensteten trotz harter Arbeit deprimierende Armut. Die Kunden, die die Ware im Internet ordern, bekommen davon in der Regel nichts mit. Bartmann bezeichnet das als "Plattformkapitalismus" und nennt als Beispiel den Online-Fahrdienstvermittler Uber: Alle Mitarbeiter sind selbstständig und bekommen somit keinen Mindestlohn.

Neofeudale Verhältnisse

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Hauspersonal in Europa nahezu verschwunden. Protestantische Ethik, Traditionen und Sparzwänge verlangten von der Frau, den Haushalt zu führen, während dem Mann die Rolle des "Versorgers" zugedacht war. Heute entstehe infolge von Doppelverdienerhaushalten und Überstunden wieder die Nachfrage nach dienendem Personal, das kocht, putzt, einkauft oder mit dem Hund Gassi geht, stellt Bartmann fest. Das gedankliche Fundament einer solchen Lebensweise sei die Annahme, Geldverdienen und die eigene Arbeit seien unglaublich bedeutsam. Deshalb müssten die häuslichen Aufgaben von Menschen übernommen werden, deren Zeit "nicht so wichtig" erscheine. Allerdings würden wir unsere begrenzte freie Zeit selten sinnvoll nutzen, stichelt der Autor. Statt sie mit Familie und Freunden zu verbringen, surften wir im Netz und in den "sozialen Medien", während der neue Diener die Kinder bespaße. Die eigene Küche werde betreten, wenn es dem Prestige diene, etwa um ein fulminantes Abendessen für Freunde zu kochen.

Der Autor liefert eine soziologische Gesellschaftsanalyse, die zu keinem Zeitpunkt trocken daherkommt. Denn er unterfüttert sie mit aufschlussreichen Anekdoten und Fakten. So arbeitet laut einem Bericht des International Labor Office weltweit jede 13. Frau im Haushalt einer anderen Person – häufig mit schlechter Bezahlung und ohne geregelte Arbeitszeiten. Und da seien Schwarzarbeiter noch gar nicht eingerechnet. Solche Befunde rütteln auf und animieren dazu, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und mehr über die Menschen nachzudenken, die unsere Dienstleistungsgesellschaft tragen. Konkrete Handlungsanweisungen liefert Bartmann nicht; er geht davon aus, dass ein verändertes Bewusstsein auch das Verhalten zum Guten ändert.

Trotz des beklemmenden Themas liest sich das Buch gut. Es eignet sich für alle, die bereit sind zu hinterfragen, auf wessen Rücken der eigene Wohlstand ruht – und die hoffentlich bereit sind, daran etwas zu ändern.