Ein Sachbuch, das sich auf 380 Seiten mit dem Thema Zeit befasst, aber ausdrücklich die Physik meidet und nur gelegentlich die Philosophie streift – kann das gutgehen? Denn genau so beschreibt Simon Garfield sein Buch "Zeitfieber" in der Einleitung. Tatsächlich nimmt der preisgekrönte englische Journalist und Autor die Zeit nur als recht losen roten Faden, an dem entlang er verschiedene Aspekte der Kulturgeschichte, insbesondere der Moderne, vorstellt. Das beinhaltet zahlreiche spannende Informationen. Wer aber ein Buch über die Zeit erwartet, wird enttäuscht.

15 Bereiche knöpft sich Garfield vor, von der Einführung der Zeitzonen über die Bedeutung des Metronoms für die Musik, das Motiv "Uhr" in Kinofilmen bis hin zum Schweizer Uhrmacherhandwerk. Alle Kapitel sind gut recherchiert und mit Literaturhinweisen belegt, auch wenn sich der Autor hin und wieder auf anekdotische Schilderungen stützt. Doch schon in Kapitel Drei zeigt sich ein grundsätzliches Problem des Buchs: Hier erklärt Garfield, wie das Aufkommen des Eisenbahnverkehrs in England dazu führte, dass alle Städte erstmals ihre Zeitmessung synchronisierten, um Fahrpläne zu ermöglichen. Wer sich für Eisenbahnen, Zeitmessung oder Industrialisierung in England interessiert, wird das längst wissen und sich über 22 Seiten hinweg langweilen. Und wen diese Themen nicht besonders ansprechen, dem hätte der Autor die unter dem Aspekt "Zeit" relevanten Informationen auf weit weniger Seiten vermitteln können. Nein, um Zeit geht es in diesem Kapitel nur am Rande; primär schreibt der Autor über Anekdoten und Personen aus der Eisenbahngeschichte.

Beethovens Neunte auf 12 Zentimetern

Das Buch ist überwiegend gut lesbar, wenngleich nur manchmal auch amüsant. Mit einem Selbstversuch zu illustrieren, wie Taylorismus und Fließband das Arbeitsleben beeinflussen ("Zeit ist Geld"), ist eine nette Idee – der Erkenntnisgewinn für die Leser ob des erwartbaren Ausgangs jedoch gering. Mehrfach geraten die Kapitel zudem langatmig, auf Grund der Fülle an Informationen, die Garfield häufig sogar in Fußnoten auslagern muss, um die Lesbarkeit des Textes zu erhalten. Ja, es ist interessant, die Geschichten hinter berühmten Pressefotos zu erfahren. Der Bezug zum Buchtitel ist mit dem Gedanken des "perfekten Moments" aber einmal mehr ziemlich dürftig. Gleiches gilt für den Umstand, weshalb die CD 12 und nicht 11,5 Zentimeter durchmisst (damit Beethovens Neunte draufpasst) und wieso Charlie Chaplin in manchen Filmen so hektisch wirkt (weil es anfangs keine einheitlich festgelegte Anzahl an Bildern pro Sekunde gab).

Trotz alledem präsentiert sich das Buch durchaus lesenswert. Die Liste interessanter oder origineller Fakten, die Garfield versammelt hat, ist wirklich lang. Unterm Strich erfasst der Band auch recht gut, wie der Umgang mit Zeit unsere Gesellschaft in den zurückliegenden zweihundert Jahren verändert hat, und wie sich der steten Beschleunigung neuerdings eine Entschleunigung entgegenstellt. Der Detailreichtum des Werks, verbunden mit seiner breiten thematischen Streuung, erfordert von den Lesern allerdings Durchhaltevermögen – oder ein sehr umfangreiches kulturgeschichtliches Interesse.