Rezension | 18.12.2012 | Drucken | Teilen

Horus auf Erden

Wenn im alten Ägypten der Pharao seine Reise ins Jenseits antrat, war die Weltordnung im Diesseits in höchster Gefahr. Galt doch dieses Interregnum den Nillandbewohnern als "schreckliche Zeit", die sie mit dem chaotischen Zustand vor der Weltschöpfung durch den Urgott Atum assoziierten – und die schnellstmöglich durch die Inthronisation des neuen Königs überwunden werden musste.

Erst mit seinem Regierungsantritt, der mythisch mit einer Neuschaffung der Ordnung, der Wiederholung der Schöpfung, gleichgesetzt wurde, war die Gefahr gebannt. Diese existenzielle Bedeutung des Pharaos war ein wesentlicher Grund dafür, warum die Ägypter das Königtum niemals in Frage stellten.

Über 3000 Jahre lang übten mehr als 330 Pharaonen aus 30 Dynastien dieses göttliche Amt aus. Sie herrschten als Inkarnation des Himmelsgottes Horus auf Erden und Sohn des Sonnengottes Re über die "beiden Länder", wie die Ägypter das nördliche Unterägypten und das südliche Oberägypten bezeichneten. Als Mittler zwischen Himmel und Erde hatte der König dafür Sorge zu tragen, dass die als Ma'at bezeichnete Weltordnung im ganzen Land dauerhaft bestand.

Ausgehend von der Beschreibung des Pharaonenamts behandelt der emeritierte Frankfurter Althistoriker Manfred Clauss die Rolle des Königs als von Gott gezeugter Herrscher, der als oberster Priester für den Unterhalt der Götter zu sorgen hatte. Doch zugleich galt er auch als Krieger, der Ägypten gegen seine Feinde sicherte und die Welt davor bewahrte, ins Chaos abzugleiten. Er bekleidete die Spitze der Verwaltung, war oberster Richter und Eigentümer von allem, was unter, auf oder über der Erde war. Der Pharao war der alleinige Garant für die Existenz des Nillandes.

Wer Clauss' profundes und klar geschriebenes Buch gelesen hat, versteht, warum das ägyptische Königtum mehr als drei Jahrtausende lang unangetastet Bestand hatte.