Eine Formel kennen alle: Einsteins Energie-Masse-Äquivalenz E = mc². Kann man über diese Formel einen Spielfilm drehen?

Im Jahr 2009 kam eine 105-minütige Dokumentation über den Weg zur berühmtesten Formel der Physik in die Läden, die in aufwendigen Spielfilmszenen die entscheidenden Stationen nachstellt. Der Film basiert auf dem Bestseller »Bis Einstein kam – Die abenteuerliche Suche nach dem Geheimnis der Welt« von David Bodanis. In dem Buch steht die berühmte Formel E = mc² nicht im Mittelpunkt, sondern bildet den Endpunkt einer Entwicklung.

Hierin liegt die große Stärke dieser Dokumentation: Indem sie systematisch der Herausbildung der Begriffe Energie und Masse nachspürt, präsentiert sie zahlreiche fundamentale Experimente aus der Physik des 18. und 19. Jahrhunderts in ihrem historischen Kontext. Am eindrucksvollsten gelingt dies bei Michael Faraday und Antoine Laurent de Lavoisier. Der Zuschauer beobachtet Michael Faraday, wie er mit den Labormitteln seiner Zeit mit stromdurchflossenen Leitern und Mag­neten experimentiert, um das Geheimnis des Elektromagnetismus zu ergründen. Das ist lehrreich und macht einfach Spaß. Die Experimente von Lavoisier waren dagegen entscheidend für die Herausbildung des Materiebegriffs. Ihm gelang es nicht nur, Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen, sondern er zeigte auch, dass nichts dabei verloren geht – die Masse bleibt bei chemischen Reaktio­nen erhalten. Auch dieses Experiment stellt die Dokumentation in Spielfilmmanier nach.

Nachdem die Masse und die Energie erstmals als Erhaltungsgrößen erkannt waren, galt es nun die Ausnahme von der Regel zu entdecken, die Umwandlung von Masse in Energie. Experimentell sehr bedeutsam sind hierzu die Arbeiten von Lise Meitner und Otto Hahn. Die Dokumentation zeigt diese Entwicklung aus der Perspektive Lise Meitners. Das ist sehr löblich und interessant, da diese zurückhaltende und bescheidene Frau viel zu oft übergangen wird, wenn es um die spannenden Jahren der frühen Atom- und Kernphysik geht.

Albert Einstein selbst begegnet dem Zuschauer zumeist als junger Mann in der Zeit seines "Wunderjahrs" 1905. Das ist angenehm, denn hier wird nicht erneut das Klischee des trotteligen Professors vorgeführt, für das Einstein später so oft Modell stand. Vielmehr haben wir es mit einem charmanten, aber egozentrischen jungen Mann zu tun, der möglichst unkonventionell seinen Weg geht.

Die Schwäche der Dokumentation liegt darin, dass es ihr nicht gelingt, die abstrakte moderne Physik ausreichend und laiengerecht darzustellen. Dies liegt in der Natur der Sache. Der Sinn der Experimente von Einsteins Vorgängern erklärt sich beim Zuschauen mehr oder weniger von selbst. In die Gedankenwelt Einsteins kann der Zuschauer aber auch bei noch so guter schauspielerischer Leistung nur sehr oberflächlich eindringen – ähnlich verhält es sich mit den Atomkernen Lise Meitners. Dennoch empfehle ich diesen Film gerne weiter: Egal ob Laie oder Experte, er bietet gute Unterhaltung – und das zur wichtigsten Formel der Physik.