Was ist gerecht? Für Michael Sandel, Professor für politische Philosophie an der Harvard University, kann man aus drei Perspektiven darüber nachdenken – je nachdem, welchem Leitprinzip man folgt: Gemeinwohl, Freiheit oder Tugendhaftigkeit.

Dem Gemeinwohl fühlen sich die so genannten Utilitaristen verpflichtet: Sie halten solche Handlungen für richtig, die das Wohlergehen der meisten Menschen fördern. Die Freiheit wiederum favorisieren die Liberalisten, für die alles Gute aus der Entfaltung des Individuums erwächst. Für Sandel führen beide Wege in die Sackgasse. "Um zu einer gerechten Gesellschaft zu gelangen, müssen wir gemeinsam darüber nachdenken, was es heißt, ein gutes Leben zu führen."

Eine lebendige Diskussionskultur sei dringend geboten, um gesellschaftlich Wegweiser zur Moral auszuhandeln, was als gut und als böse zu gelten habe. Daher findet der Autor jene Entwicklung bedenklich, die besonders in den USA zur "Erosion des öffentlichen Raums" führe. Die Reichen schotten sich vom Rest der Gesellschaft zunehmend ab, leben in gesicherten Siedlungen, besuchen Eliteschulen und -universitäten; die Mittelschicht als Bindeglied der Gesellschaft dünnt aus. So fehle es immer mehr an der Begegnung mit anderen, aus der Gemeinsinn und Verantwortung erwachse. Das Hauptproblem der modernen Gesellschaft – nämlich verbindliche, konsensfähige Regeln zu finden und zu pflegen – verschärfe sich dadurch.

Sandel wechselt gekonnt zwischen grundsätzlichen Erörterungen und dem tagespolitischen Weltgeschehen. "In demokratischen Gesellschaften", schreibt er, "wird täglich darüber gestritten, was richtig und was falsch, was gerecht und was ungerecht ist. (…) Debatten über Bankenrettung und Preiswucher, ungleiche Einkommen und Quotenregelungen, Militärdienst und gleichgeschlechtliche Ehen sind der Stoff der politischen Philosophie." So macht er nicht nur die Brisanz des Themas deutlich, sondern nimmt den Leser mit auf eine lehrreiche Reise durch die Geistesgeschichte, die jeden dazu einlädt, selbst zu denken.