Rezension | 30.01.2013 | Drucken | Teilen

Wie viele Blümlein stehen?

"Es war einmal in Deutschland…" So könnten auch Erzählungen über bunt blühende Wiesen oder Feldraine beginnen, die hierzulande spielen. Doch Blumenwiesen sind in der Bundesrepublik mittlerweile rare Attraktionen – die Artenvielfalt wurde unter Gülle und Mineraldünger erstickt und dafür eintönige Fettwiesen gemästet, auf denen allenfalls noch Löwenzahn, Wiesenschaumkraut und Klee ein paar Farbtupfer einstreuen. Nur noch auf wenigen extremen Standorten oder wo sich Landschaftspfleger aufopfernd, um den Erhalt einer (alten!) Kulturlandschaft bemühen, kann man die vergangene Pracht bewundern: Hier recken sich dann noch Orchideen, Enziane, Küchenschellen und andere heute als exotisch betrachtete Gewächse dem Blumenfreund entgegen

Und – allen Produktionssteigerungen zum Trotz: Das ist betrüblich, wie ein Blick in Bob Giobbons reichlich bebildertes Buch "Wildblumen" und dort zum Kaiserstuhl zeigt. In Deutschlands Südwesten hat sich noch eine der bewundernswerten Blütenlandschaften gehalten, die Gibbons mit seinen Co-Autoren zusammengetragen hat. Die Vulkanruine bildet eine Art mediterrane Enklave in Baden-Württemberg und erfreut sich nicht nur bei wärmeliebenden Tierarten wie Smaragdeidechse oder Bienenfresser großer Beliebtheit, sondern beheimatet auch pflanzliche Attraktionen: Im Frühling duften die Wälder nach Bärlauch, im Herbst leuchten die Goldastern gelb in der Sonne. Dreißig Orchideenarten erfreuen den Botaniker, Diptam, Küchenschelle oder Hügel-Anemone runden das Bild ab

Das ist zwar leider der einzige Ausflug innerhalb Deutschlands – und der Blick über die Grenzen zeigt, wie viel bei uns leider schon verloren gegangen ist. Die Wiesen des Burren auf Irland oder der "Machair" auf den Äußeren Hebriden, die Magerwiesen Siebenbürgens oder der Unterwuchs extensiv bewirtschafteter Olivenhaine in Spanien zeigen, dass eine Landwirtschaft durchaus im Einklang mit Artenvielfalt existieren kann, wenn man nicht auch noch auf "Grenzertragsflächen" mit Dünger zukleistert. Dabei sind viele dieser Blütenlandschaften tatsächlich erst von Menschenhand geschaffen worden: Ackerbau und Viehzucht haben in vielen Teilen Europas die Wälder aufgelichtet und so Freiräume für Blumen geschaffen.

Andere sind dagegen rein natürlichen Ursprungs und gelten zurecht als Hotspot der Artenvielfalt: der Fynbos und die Karoo im südlichen Afrika beispielsweise. Trockenheit, Feuer und kärgliche Böden haben hier das Baumwachstum auf ein Minimum beschränkt, stattdessen durften sich Zwiebelpflanzen, Heidekrautgewächse oder die so genannten Proteaceen in unzähligen ökologischen Nischen austoben und ein eigenes Pflanzenreich begründen – das kleinste der Erde. In den trockensten Regionen wie dem Richtersveld in der Namaqua-Blüte versteckt sich das Blütenmeer als Samen im Boden, bis Regen sie alle paar Jahre wieder zur Massenblüte verleitet – ein faszinierenden Anblick, wenn Antilopen oder Zebras dann zwischen Millionen Blumen ruhen.

Auffällig ist auch, dass ein weiterer Schwerpunkt der Blütenlandschaften im Hochgebirge liegt: Auch dort entkommen die ein- und mehrjährigen Blumen und Stauden der überschattenden Konkurrenz durch Laub- und Nadelbäume. Wer also spektakuläre Farben sehen möchte, kann auch hoch hinaus  etwa in den Alpen, wer den Flug nach Nordamerika scheut, wo Gibbons und Co ebenfalls zahlreiche Beispiele aufgespürt haben.

"Blütenlandschaften" ist auf alle Fälle ein empfehlenswertes Buch für Pflanzenliebhaber. Aber auch Gartenbesitzer kommen hier auf ihre Kosten: Viele unserer Zierpflanzen stammen schließlich von diesen Wildformen ab, und hier kann man sie in ihrer natürlichen Umgebung bewundern. Die zahlreichen, oft großformatigen Aufnahmen sind ohnehin ein Hingucker. Und wer seinen nächsten Urlaub plant, sollte einen Blick in das Buch werfen: als Anregung für eine kleine Wanderung in die Julischen Alpen, zu einem Abstecher nach Öland oder zu einer Spritztour zum Kaiserstuhl zur Goldasterblüte – die Weinprobe zum Abschluss kann man dann ja noch als Krönung dazu machen.

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