Springers Einwürfe
Wanted: Theorie für wilde Märkte
Die noch immer herrschende Lehre kennt nur zahme Märkte, auf denen sich umfassend informierte Akteure begegnen, um dort nicht nur zum eigenen besten, sondern zum allgemeinen wohl Angebot und Nachfrage friedlich zu versöhnen. Geringfügige Abweichungen vom Gleichgewicht passieren danach viel öfter als heftige Ausschläge; das Häufigkeitsmuster folgt der gaußschen Normalverteilung, einer glatten Glockenkurve


Michael Springer ist promovierter Physiker, Schriftsteller und Freier Mitarbeiter bei "Spektrum".
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1. Theorie schon da - leider unbequem
30.12.2008, Miles Meier, WiesbadenEs ist also so, dass alle Vermutungen, Berechnungen und alle wohlkonzipierten Szenarien bestenfalls zufällig eintreffen. Was man berechnen kann, ist der ungefähre Moment, an dem unvorhersehbare Ereignisse eintreten.
Die australischen Ökonomen FOSTER und WILDE haben diese Theorie auf den australischen Immobilienmarkt angewendet (FOSTER, J., WILD, P.: Detecting self-organisational change in economic processes exibiting logistic growth. In: CANTNER, V, HANUSCH, H. u. KLEPPER, S. (Hrsg.): Economix Evolution, Learning ans Complexity. New York und Heidelberg, 2000). Besonders griffig dargestellt hat diesen Ansatz der Ökonom Quido Partel (PARTL, Quido: Lenken wir das bereits gelenkte? Zusammenwirken der Selbstorganisation und der hierarchischen Organisation in sozialen Systemen. Münster 1998.)
Es ist offensichtlich, weshalb dieser Ansatz in der ökonomischen Kaffesatzdeuterei nicht mehr Beachtung findet. Ein Experte müsste sagen: „Ich habe keine Ahnung was passiert, es ist in der Natur der Dinge, dass etwas Unerwartetes geschieht.“
Die andauernde Unfähigkeit zutreffende ökonomische Prognosen zu treffen, ist meiner Meinung nach ein weiter Hinweis auf die Richtigkeit der selbstorganisatorischen Theorie.
2. Schwierigkeiten bei "Mechanik der Märkte"
31.12.2008, Dr. Uwe StroinskiWelchen Schwierigkeiten würde man sich bei einer "Mechanik der Märkte" aussetzen? Zunächst würde auf Grund des "abnehmenden Grenznutzens" (diminishing returns - z.B. ein zweites Frühstücksei ist noch in Ordnung, aber ein drittes brauche ich wirklich nicht) die Wirkung (utility) im Lagrangeformalismus konkav und damit der Hamiltonoperator trivial. Ohne Hamiltonoperator hat man keine Zeitinvariante, d.h. kein Marktgesetz. Außerdem ist die den Märkten zu Grunde liegende Symmetrie, die der "Bedarfsinvarianz unter Preisskalierung" (z.B. die Einführung des EURO hat meinen Bedarf an Waschmaschinen nicht verändert). Diese Symmetrie führt zu erheblich anderen Kommutatorbedingungen als die uns wohlbekannte Impulsinvarianz unter Translation.
Ob solch gravierender Unterschiede lässt sich ganz emotionslos feststellen, dass es zumindest nicht offensichtlich ist, welchen Beitrag physikalische Theorien zum Verständnis der Märkte leisten können.
3. Märkte - kybernetische Netzwerke
28.01.2009, Dr. Ulrich Grob, Hamm am RheinIch persönlich bin allerdings nicht über die aktuellen und die in den letzten Jahren stattgefundenen Marktgeschehnisse überrascht, ja habe solche erwartet. Alle Märkte, ob lokal oder global, sind kybernetische Netzwerke und unterliegen damit auch den fundamentalen Gesetzmäßigkeiten der Kybernetik und der Physik. Die Antriebsenergie für alle Märkte erwächst aus Potenzialunterschieden und alle Märkte bestehen aus rückgekoppelten Regelkreisen. Nun hat die Globalisierung massive Veränderungen in allen Marktsystemen bewirkt. Alle Marktteilnehmer (Produzenten wie Konsumenten, Manager wie Kleinabnehmer) haben sich extrem erfolgreich bemüht, einen wesentlichen Hemmschuh des (kurzfristigen) Wachstums aus allen Systemen zu eliminieren: Die zeitliche Verzögerung.
Geschäfte, Transaktionen, ja selbst der Warentransport haben sich in den letzten vierzig Jahren extrem beschleunigt. Jede Information über alles ist ohne zeitliche Verzögerung an jedem Punkt des Planeten verfügbar. Die Aktienkurse in Tokyo sind für mich genau so schnell zugänglich wie für den Broker vor Ort. Die zeitliche Verzögerung ist in den Märkten allerdings ein wesentliches Dämpfungselement. Wenn man nun, wie geschehen, aus einem Regelkreis die Dämpfung fast vollständig eliminiert, so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das System anfängt über das normale Maß hinaus zu schwingen. Solche Systeme verzeichnen eine Steigerung bei Frequenz wie Amplitude. Und genau das beobachten wir mit dem Globalmarkt. Die Indikatoren sind recht trivial die Aktienindizes der Welt: Dow Jones, DAX, etc. Die Kursverläufe der letzten zehn bis zwanzig Jahre sind erhellend wie erschreckend zugleich. Die Ausschläge nach oben wie unten sind verstärkt vorhanden (Amplitude) und die Häufigkeit von Höhen und Tiefen steigt (Frequenz).
Dieser fundamentale Eingriff in das Regelkreissystem Weltwirtschaft lässt für mich persönlich nun einige Schlüsse zu. Ohne korrigierende Eingriffe erwarte ich eine relativ zügige Aufwärtsbewegung der Kurse, und zwar über den bisherigen Höchststand hinaus. Diese Hochphase wird aber nicht mehr so lange wie die letzte Boomphase andauern, nur um abrupt und verstärkt in eine weitere Abwärtsphase zu münden, die durchaus heftiger sein kann als die aktuelle Rezession. Wohlgemerkt: Ich denke nicht, dass man prognostische Aussagen über die detaillierten Gründe der Auf- und Abbewegung der Märkte machen kann. Aber die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten der Kybernetik gelten, auch wenn die Marktteilnehmer diese nicht kennen, nicht kennen wollen oder ignorieren. Die möglichen schlimmsten Szenarien solcher in unkontrollierbare Schwingungen versetzter Systeme sind in vielen Bereichen der Wissenschaft bekannt. Nicht selten führen sie zur vollständigen Zerstörung des Gesamtsystems (plastisches Beispiel: Durch Wind zu Schwingungen angeregte Brücken). Meiner Meinung nach kann dies für die Weltwirtschaft durchaus nicht ausgeschlossen werden. Aber welche positiven Schlüsse könnte man denn jetzt ziehen? Ich denke, dass man dem System in irgendeiner Weise wieder mehr Dämpfung zufügen muss. Es muss nicht notwendigerweise die zeitliche Verzögerung sein. Die leicht hektischen und unkoordinierten Bemühungen der verschiedenen Staaten haben kybernetisch eine ähnliche Wirkung. Neue Spielregeln (von staatlicher Stelle herausgegeben) erfordern eine Anpassung an die veränderten Bedingungen und wirken dämpfend. Dies sagt allerdings nichts über den Sinn oder Unsinn solcher Direktiven und Eingriffe aus!
Es täte der Ökonomie gut, sich intensiv mit dem Regelverhalten komplexer Systeme auseinanderzusetzen. Niemand behauptet, dass dies eine triviale Nachmittagsbeschäftigung ist - aber es könnte den Planeten vor dem wirtschaftlichen Kollaps bewahren.
4. Finanzkrise schon 2006 vorhergesagt
17.02.2009, Klaus A. RonnebergerEr hat es im Jahre 2006 geschrieben und darin die jetzige Finanzkrise vorhergesagt (Er lehnt Prognosen auf Grund vergangener Ereignisse eher ab.).
Seine Argumente gegen die Wirtschaftswissenschaft usw. sind sehr ähnlich den Ihren.
Letzlich gibt es schon lange den Volksmund (1. kommt es anders, 2. als man denkt), Murphys Gesetz, Brecht (Erst machst Du einen Plan) usw.
Im Prinzip sind unerwartete Ereignisse immer zu erwarten.
Aus diesem Wissen lässt sich letztlich nur lernen, vorsichtig zu sein. Ob's was nützt steht dahin.
5. Leserbrief Dr. Grob - Regelkreis
22.02.2009, Dr. Horst Käsmacher, AachenAnders verhält sich jedoch unser Geldsystem. Hier wirkt das Geldkapital positiv auf den Zinsertrag und der Zinsertrag seinerseits positiv auf das Geldkapital zurück. Es handelt sich wegen des Fehlens eines negativen Stellgliedes mithin nicht um einen Regelkreis. Aufgrund dieses Sachverhaltes wachsen Guthaben und Schulden exponentiell an. Diese Tatsache ist empirisch belegt. Ein positiv rückgekoppeltes System ist jedoch von vornherein auf seine eigene Zerstörung programmiert, wie z.B. eine Atombombe, bei der jede Kernspaltung mindestens mehr als eine weitere auslöst. Unter diesem Gesichtspunkt ist unser Geldsystem und damit auch unser Wirtschaftssystem a priori instabil, so dass der Kollaps nach 60 bis 80 Jahren unausweichlich ist. Mich jedenfalls erinnern die sich aufschaukelnden Schwingungen eher an das Feigenbaumszenario, als an einen aus der Kontrolle geratenen Regler.
6. Die Wirtschaft als technischer Regelkreis - Brief Grob
23.02.2009, Peter Hussels, BerlinEine zeitliche Verzögerung wirkt nicht dämpfend, sondern beeinflusst nur die Anstiegsgeschwindigkeit und damit die Frequenz, wenn es zur Schwingung kommt. Durch Verzögerung in Form einer Totzeit würde sogar zusätzliche Unruhe entstehen. Reibung muss dem System Energie entziehen. Das würde bedeuten: Besteuerung von Börsenumsätzen! Besteuerung von zu schnellen Innovationen — im Gegensatz zur bis gestern gültigen Formel, dass das Neue immer das Bessere ist. Es muss also immer etwas vom Gewinn verloren gehen, wenn man zu schnell reagiert. Dies darf keinesfalls verzögert geschehen, denn der Mensch (als Sollwertgeber, Sensor, Vergleichsglied - Regelglied - Stellglied) macht so lange in die alte Richtung weiter, bis er eine Reaktion merkt.
Ein leicht schwingungsfähiges System wird leider bewusst von der Politik bevorzugt, da die damit möglichen kurzen Anstiegszeiten einen Erfolg bis zur nächsten Wahl ermöglichen.
Die Beurteilungszeiträume für Manager und Politiker sind zeitdiskret gerastert, die Börse dagegen ist zeitkontinuierlich. Man müsste das Börsengeschehen so verlangsamen, dass das Raster ausreicht. Bisher gab es den Effekt, dass eine Partei am Wahltermin nicht am Ergebnis ihrer eigenen Arbeit gemessen wurde, sondern an dem verzögert eingetretenen Ergebnis der Arbeit des Vorgängers. Das reicht bei einem technischen Regelkreis schon für eine Instabilität. Demnächst trifft eine Wahl vielleicht sogar zwei Schwingungen weiter zufällig ein Tal oder einen Berg (Aliasing-Effekt). Da kann man nicht mehr von einer Regelung sprechen. Eine sichere Lösung bestünde darin, diese Schwingungen — wie Herr Dr. Ulrich Grob vorschlägt — durch Reibung im System zu dämpfen.
7. Glaube an Determinismus - Brief Dr. Grob
06.03.2009, Stephan Froede, WiesbadenDie von Herrn Dr. Grob beobachteten "hektischen Bemühungen" sind das Zeichen unserer Ohnmacht, unseres Nicht-Verstehens und auch unserer Ignoranz gegenüber dem Unbekannten.
Der unbeirrte Glaube in die Unfehlbarkeit unserer deterministisch getriebenen Planungsfähigkeit, hat uns erst in die Misere gebracht.
Und diese Erkenntnis ist nicht originär von mir, sondern leitet sich direkt aus der objektiven Erkenntnis und Logik der Forschung Teil 2, von Sir Karl Popper und aus Benoit Mandelbrots "misbehaviour of markets" bzw. seinem Multifraktalen Modell-Ansatz ab.
Der Glaube an den Determinismus ist ein Fluch, eine Sichtweise, die uns das Erkennen und Verstehen des Universums erschwert. Und letztlich nur aus dem fast irrationalen Bestreben nach totaler Sicherheit und
Kontrolle resultierend.
Es hat auch etwas mit Physik zu tun, denn letztlich hindert uns hier auch das Fehlen der Vereinheitlichung der Quantengravitation und der Relativitätstheorie, denn so wissen wir noch nicht mal ob das Chaos der Quantenwelt sich in unserer Makrowelt wiederfindet oder nicht. So benutzen wir Krücken wie die Emergenz oder Selbstorganisation, im
Sinne "und hier geschieht" ein Wunder.
Das was wir aber haben, ist unser Hirn und unsere kritische
Sichtweise, und die hat uns bisher geholfen von der Savanne bis zum Mond zu bringen.
8. Zum Leserbrief von Dr. Grab in sdw 3/09
09.04.2009, Endre Toronszkyfür mich Folgendes notiert:
Die Finanz-/Wirtschaftswelt ist physikalisch betrachtet ein sog."Nichtlineares dynamisches System" (z.B.:Klima). Die darin befindlichen Regelkreise werden mit Differentialgleichungen beschrieben und diese haben unendlich viele Lösungen. Zu einem bestimmten Input lässt sich kein Output zuordnen. Kleinster Input kann höchste, unberechenbare Auswirkunen haben, und vice versa (Flügelschlag eines Schmetterlings in Australien, Tsunami in Indonesien). Bezeichnend für solche Systeme ist, dass Dämpfungen eingebaut sind, die das System schützen, da sonst diese durch Resonanzerscheinungen zerstört würden.
Aus dem Finanzsystem sind heutzutage alle Dämpfungen entfernt worden. Zudem wurden die Systeminstabilitäten durch excessive Nutzung der Computertechnik (kürzeste Zugriffmöglichkeiten) gewaltig erhöht, so dass das System zwangsläufig zerstört werden muss. In diesem Fall sprechen wir von Weltfinanzkrise.
Es gab Bemühungen, mehr Dämpfung in das System einzubauen (Tobin-Steuer: Kapitalströme nach Ausland zu besteuern, aus niedrigsten Kursänderungen sich ergebenden Gewinne zu versteuern und ähnliches mehr), dies war jedoch nicht möglich, weil die neoliberale Wirtschaftswelt dies nicht zuließ!
Es wird uns eingeredet, dass periodische Krisen unvermeidlich sind.
Dies ist nicht wahr! Nur Dämpfung müsste man haben!