Was jeden Tag im Hausmüll landet, ins Klo gespült oder im Büropapierkorb entsorgt wird – zusammengefasst unser "fester Abfall" –, ist unvermeidbare Folge der Zivilisationsgesellschaft. Insgesamt produziert ein deutscher Durchschnittsbürger pro Jahr rund eine halbe Tonne Müll – ohne sich darüber groß Gedanken zu machen, wenn nur die Entsorgung gut organisiert ist: aus dem Auge, aus dem Sinn. Hier zu Lande werden die Abfälle zuverlässig gesammelt, manche getrennt und recycelt, andere kompostiert; der Großteil landet auf der Müllkippe oder in der Verbrennungsanlage. Der globale Blick bereitet allerdings Sorge.

Denn im Lauf der letzten 100 Jahre wuchs die Bevölkerung, vor allem in Städten, und diese lebt immer verschwenderischer, was die Müllproduktion verzehnfacht. Bis 2025 wird sie sich noch einmal verdoppeln [1]. Plastik belastet Ozeane, verstopft Flüsse und verursacht Überschwemmungen in den Entwicklungsländern. Die Entsorgungskosten von festem Abfall sind verlässlich Spitzenposten im Budget jeder Kommune.

Besonders Entwicklungsländer sind vom Müllproblem betroffen: Müllkippen wie die von Laogang in Schanghai oder in Seoul; die übervolle Jardim Gramacho in Rio de Janeiro oder Bordo Poniente in Mexiko City, alle bewerben sie sich um den Titel der weltgrößten Abfallhalde. Auf jeder landen mehr als 10 000 Tonnen Abfall täglich. Schnell wachsende Städte wie Shenzhen in China lassen die Zahl der über 2000 weltweit arbeitenden Müllverbrennungsanlagen weiter nach oben schnellen. Die größte der Anlagen schluckt jeden Tag 5000 Tonnen – und produziert Besorgnis erregend viel Asche, starke Luftverschmutzung und hohe laufende Kosten.

Aber: Wo Stadtbewohner wohlhabender werden, flacht sich der Zuwachs auf ihren Müllkippen ab: Eine reiche Gesellschaft setzt der Müllproduktion Grenzen; zunehmender Wohlstand mit einer zugleich nicht weiter wachsenden Bevölkerungszahl stoppt das zunehmende Problem mit dem Abfall.

Wann dies geschieht, ist aber schwer vorherzusagen. Falls der derzeitige sozioökonomische Trend sich bis 2100 fortsetzt wie bisher, so wird – nach unserer Prognose – der Gipfel des globalen Müllbergs oder "Peak Abfall" in diesem Jahrhundert noch nicht erreicht. Die Welt wird also mit weiter wachsenden Müllmengen zu tun haben – außer wir schaffen es, den Ressourcenverbrauch einzuschränken und das Bevölkerungswachstum zu stoppen.

Urbane Probleme

Festabfälle sind ein Problem der Städte: In ländlichen Gemeinden fällt weniger Verpackungsmüll an, es gibt geringere Nahrungsmittelverschwendung und eine insgesamt niedrigere Produktion. Der Stadtbewohner produziert demnach doppelt so viel Abfall wie ein vergleichbarer Verbraucher auf dem Land – beziehungsweise, weil er auch verschwenderischer konsumiert, viermal so viel.

Wachsende Müllberge
© Hoornweg, D. et al.: Waste production must peak this century. In: Nature 502, S. 614-617, 2013
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Mit der zunehmenden Urbanisierung beschleunigt sich die anfallende Menge fester Abfälle also weiter. Im Jahr 1900 hatte die Welt noch 220 Millionen Stadtbewohner (etwa 13 Prozent der Gesamtbevölkerung); sie sorgte pro Tag für weniger als 300 000 Tonnen Müll (etwa in Form von Asche, Essensabfällen, Verpackungsmüll und unbrauchbaren Haushaltsgeräten). Im Jahr 2000 produzierten die 2,9 Milliarden Städter weltweit (49 Prozent der Menschheit insgesamt) schon mehr als drei Millionen Tonnen feste Abfälle pro Tag. Und bis 2025 wird sich diese Zahl verdoppelt haben: genug Abfall, um täglich eine 5000 Kilometer langen Kette von Mülltransportern zu füllen.

Der Löwenanteil des globalen Müllbergs fällt dabei in den OECD-Mitgliedstaaten an: Sie produzieren gemeinsam 1,75 Millionen Tonnen täglich. Diese Menge wird bis ins Jahr 2025 wohl wegen des Bevölkerungswachstums weiter steigen und dann langsam wieder sinken, wenn Fortschritte in den Materialwissenschaften Verpackungen und Verbrauchsgüter kleiner, leichter und ressourcenschonender machen.

Manche Staaten produzieren mehr Müll als andere. Japan etwa sorgt für ein Drittel weniger Müll pro Kopf als die USA, obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der beiden Staaten ähnlich hoch ist. Grund ist zum einen das Leben der Japaner auf engerem Raum, aber auch höhere Importpreise und andere Wertvorstellungen. Die Menge des global produzierten Mülls schwankt auch saisonal um bis zu 30 Prozent, weil die Abfälle aus landwirtschaftlicher Produktion und von nicht verbrauchten Nahrungsmitteln fluktuieren. In Kanada zum Beispiel wächst der Hausmüll in der Woche nach Weihnachten auf das Doppelte.

Allen Bemühungen um Müllvermeidung und schonenden Ressourcenverbrauch in den OECD-Staaten steht die Entwicklung in ostasiatischen Ländern entgegen, vor allem in China. Dort wird Schätzungen zufolge die Festabfallmenge von 520 550 Tonnen pro Tag im Jahr 2005 bis 2025 auf 1,4 Millionen Tonnen steigen. Ostasien ist die am schnellsten wachsende Müllerzeugerregion der Welt – eine Spitzenposition, die es 2025 dann wahrscheinlich an südasiatische Länder abgeben dürfte, vor allem an Indien. Im Jahr 2050 sollen dann die Subsaharastaaten Afrikas Platz eins übernehmen.

Wo liegt in Zukunft die größte Müllkippe?
© Hoornweg, D. et al.: Waste production must peak this century. In: Nature 502, S. 614-617, 2013
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Die SSSP2-Vorhersage ("Shared Socioeconomic Pathway Szenario") für das Jahr 2100 im Detail, aufgeschlüsselt nach Weltregionen. Dem Szenario zufolge verändert die Menschheit nichts an ihrem derzeitigen Konsum- und Wegwerfverhalten ("Business as usual"). Besonders in Afrika werden die Abfallberge auch 2100 immer noch höher.

Im gleichen Maß, in dem ein Land reicher wird, verändert sich auch sein Müll. Mit mehr Geld geht mehr Verpackungsmüll einher, mehr Importware, mehr Elektronikschrott, mehr defekte Spielzeuge und Haushaltsgeräte. Der Wohlstand eines Landes lässt sich etwa recht gut daran ablesen, wie viele Mobiltelefone seine Bewohner wegwerfen. Feste Abfälle sind ein verlässliches Maß für den ökologischen Fußabdrucks, den die Verstädterung mit sich bringt. Sein Großteil geht auf das Konto von Herstellung und Verbrauch einer Ware, nur fünf Prozent sind Folgekosten der Abfallentsorgung, also zum Beispiel der Emissionen von Entsorgungsfahrzeugen, Müllhalden oder Verbrennungsanlagen.

Abfall-Peak

Wie schnell die Müllberge wachsen, wird davon abhängen, wie sich das Wachstum der Bevölkerung in den urbanen Zentren entwickelt, von ihrem Lebensstandard und von unseren Maßnahmen. Im Jahr 2012 haben zwei von uns – Daniel Hoornweg und Perinaz Bhada-Tata – einen Bericht für die Weltbank verfasst ("What a waste" [1]]) und geschätzt, dass die Festabfallmenge des Jahres 2010 (3,5 Millionen Tonnen täglich) auf mehr als sechs Millionen Tonnen im Jahr 2025 ansteigen wird. Das bleibt eine recht verlässliche Prognose, weil sich die Stadtbevölkerung weltweit und das BIP über einige Dekaden hinweg ziemlich exakt vorhersagen lassen.

Schreibt man die Schätzwerte auf der Grundlage gängiger Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung und den BIP in das Jahr 2100 fort, so dürfte "Peak Abfall", der Höhepunkt des Müllberges, in diesem Jahrhundert noch nicht erreicht werden. Zwar werden die OECD-Staaten den Gipfel im Jahr 2050 überschreiten und die asiatisch-pazifischen Staaten 2075; in den schnell wachsenden Städten der Subsaharanationen Afrikas wird die Müllmenge aber weiter wachsen. Der Fahrplan der Urbanisierung Afrikas wird hauptsächlich darüber entscheiden, wann der Gipfel erreicht und wie hoch er sein wird [2].

Wenn wir einfach weitermachen wie bisher, werden wir, so unsere Prognose, 2100 die Menge von 11 Millionen Tonnen Abfall pro Tag überschreiten, dreimal mehr als heute. Mit einer kleineren Weltbevölkerung, dichter besiedelten und ressourcenschonenderen Städten sowie niedrigerem Verbrauch (zusammen mit größerem Wohlstand) wird der Gipfel vielleicht schon 2075 erreicht – und um ein Viertel niedriger liegen. In diesem Fall würden 2,6 Millionen Tonnen Müll pro Tag weniger anfallen.

Umwandeln und verteilen

Wie kann die Situation heute verbessert werden? Schon lokal kann einiges in puncto Müllvermeidung in Gang gesetzt werden. Einzelne Kommunen machen es vor: San Francisco etwa hat sich das "Null-Prozent-Abfall"-Ziel gesetzt, das durch eine 100-prozentige Wiederverwertungsrate bis 2020 erreicht werden soll. Schon heute werden dort 55 Prozent der Abfälle recycelt oder anders zweitverwertet. Die japanische Stadt Kawasaki hat sämtliche kommunalen Produktionsprozesse derart verschlankt, dass 565 000 Tonnen Abfall pro Jahr vermieden werden – mehr als die Menge, die in der Gemeinde heute noch anfällt. Materialaustausch- und Wiederverwertungsprozesse integrieren Stahl- und Zementwerke mit chemischen Fabriken und der Papierindustrie – und schaffen ein geschlossenes Industrieökosystem [3].

In Nordamerika und Europa testet man Abgabenmodelle – wo Kosten steigen, so zeigt sich, sinkt die Müllmenge. Ein anderer Weg wäre es, Konsumenten dazu zu bringen, mit wachsendem Wohlstand nicht auch mehr zu verbrauchen – und stärker mit Aktivitäten zu experimentieren, die einen geringeren Ressourcenverbrauch versprechen. [4,5].

Ein größeres Augenmerk muss aber auf den Verbrauch und das Müllmanagement in den Entwicklungsländern gelegt werden – vor allem auf die rasch wachsenden Bevölkerungen in Afrika. Durch bessere Bildung, gerechte Verteilung und gezielte wirtschaftliche Fördermaßnahmen – analog der von uns vorgerechneten Nachhaltigkeitsszenarien (SSP1 [6]) – sollte sich die Weltbevölkerung bis 2075 unter acht Milliarden einpendeln, was sich auch auf die Zahl der Stadtbewohner auswirkt. Dieser Weg zielt auf eine Gesellschaft mit geringerem Materialverbrauch sowie dichterer Besiedlung in den Städten [7]. Wir sollten zudem vernetzte Industrieökosystemen in urbanen Regionen implementieren, um dort durch lokale Stoffkreisläufe Ressourcen zu schonen.

Dünger- und Nahrungsmittelabfälle sollten möglichst vermieden werden, sie werden allerdings in großen Mengen weiter anfallen. Bau- und Abrissschutt stellen einen Großteil unseres Mülls; es wird daher wichtig sein, Baurichtlinien danach auszurichten, ob vorhandene Materialien wiederverwertet oder neu herbeigeschafft werden müssen.

Unser Planet ist schon heute stark belastet – und wir machen uns gerade auf, die Abfallmenge zu verdreifachen. Aber mit kleinerer Bevölkerung, durch dichter und effizienter besiedelte Städte mit geringerem Ressourcenverbrauch und durch den Einsatz von Technik kann der Gipfel des Müllbergs abgesenkt werden – und schneller überschritten sein. Der ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Nutzen wäre dann enorm.