Manche Formeln in der Wissenschaft sind so enorm kompliziert, dass man keine Chance hat, sie ohne langes Studium zu verstehen. Manche dagegen sind simpel – zumindest auf den ersten Blick und bis man sich klarmacht, was sie eigentlich genau ausdrücken. Und schließlich lassen sich auch in den einfachsten Gleichungen erstaunliche Tatsachen finden. Wie zum Beispiel in der Formel:

X + Y + Z = 1

Einfacher kann eine mathematische Gleichung kaum ausfallen. Aber natürlich macht die Formel erst dann Sinn, wenn man weiß, was die Symbole bedeuten. In diesem Fall geht es um die Zusammensetzung von Sternen. Für meine Arbeit als Himmelsmechaniker hat sie nie eine Rolle gespielt. Sterne – so wie alle anderen Himmelskörper auch – haben für diesen Fachbereich nur eine einzige relevante Eigenschaft: ihre Masse. Wenn man nur an der Bewegung von Sternen und Planeten interessiert ist, spielt es keine Rolle, woraus ein Himmelskörper besteht, wenn man von seltenen Spezialfälle absieht. Und lange Zeit hatten Astronomen auch überhaupt keine Ahnung, wie Sterne zusammengesetzt sind. "Niemals" würde man die chemische Zusammensetzung von Sternen bestimmen können, meinte der französische Philosoph Auguste Comte noch im Jahr 1835. Nun, er hat sich geirrt. Heute wissen wir darüber sehr gut Bescheid, und die oben angeführte Formel beschreibt genau diese Zusammensetzung. "X", "Y" und "Z" stehen für den prozentualen Anteil der verschiedenen chemischen Elemente. "X" gibt an, wie viel Wasserstoff ein Stern enthält, "Y" die Menge an Helium, und "Z" beschreibt den ganzen Rest.

An dieser Stelle erscheint es vielleicht etwas seltsam, dass die Astronomen nur zwei Elemente explizit anführen. Aber diese machen eben den Großteil der normalen Materie eines Sterns aus. "Z" und der ganze Rest ist verschwindend gering. Für unsere Sonne lautet die Gleichung beispielsweise 0,73 + 0,25 + 0,02 = 1. Sie besteht also zu 73 Prozent aus Wasserstoff und zu 25 Prozent aus Helium. All die anderen Elemente des Periodensystems machen nur 2 Prozent aus.

Das passt nicht zu unserer Alltagserfahrung. In unserem Körper macht Wasserstoff ein Zehntel der Gesamtmasse aus, Helium kommt überhaupt nicht vor, und die häufigsten Elemente sind Sauerstoff und Kohlenstoff. Unser Planet besteht zu mehr als einem Drittel aus Eisen, zu 30 Prozent aus Sauerstoff, und auch im Rest findet man vergleichsweise wenig Wasserstoff und Helium. Aber weder die Erde noch wir selbst sind repräsentativ für das Universum. Beim Urknall vor 14 Milliarden Jahren entstanden nur die beiden einfachsten chemischen Elemente Wasserstoff und Helium. Alles andere musste erst danach von Sternen durch Kernfusion erzeugt und nach ihrem Tod im Universum verteilt werden. So gut wie alles, was uns als "normale" Materie erscheint; all das, aus dem wir und unsere Umgebung bestehen, hat nicht von Anfang an existiert.

Wir bestehen folglich aus dem, was im Inneren der ersten Sterne entstanden ist. Der amerikanische Astronom Neil deGrasse Tyson nannte das die "erstaunlichste Tatsache der Welt", und wenn man ein wenig länger darüber nachdenkt, kann man nicht anders, als ihm zuzustimmen.

Es hat einen Grund, warum die Astronomen bei der Beschreibung der Zusammensetzung eines Sterns mit einer so simplen Formel auskommen und es sich leisten können, alles andere als Wasserstoff und Helium mit einem einzigen Parameter zu beschreiben. Der Grund ist gleichzeitig beeindruckend und deprimierend: Was uns ausmacht, spielt im Großen und Ganzen des Universums kaum eine Rolle. Wir sind nur das, was bei der Kernfusion der Sterne übrig geblieben ist – sozusagen die Asche der überall in der Nacht leuchtenden Himmelskörper.

Aber selbst wenn wir nur ein simples "Z" in einer simplen Gleichung sind: Immerhin haben wir es geschafft zu verstehen, wo die Elemente herkommen und wie sie entstanden sind. Obwohl wir also so unbedeutend sind, haben wir überraschend viel über das Universum herausgefunden. Das ist nicht selbstverständlich – und für mich eigentlich noch viel erstaunlicher als die "erstaunlichste Tatsache der Welt".