Ständig lesen wir, dass es mit unserer Volksgesundheit bergab geht. Ein Blick auf die steigenden Krebsraten ist doch Beweis genug! Aber stimmt das wirklich? Auf den ersten Blick machen die vielen Neuerkrankungen an Krebs in unserer modernen Gesellschaft tatsächlich nachdenklich. Vor 100 Jahren bekam von 30 Menschen nur einer Krebs. Heute jeder vierte. Tendenz steigend. Sollte uns das beunruhigen? So zynisch es im ersten Moment klingt: Nein! Denn die meisten Krebsarten treten tendenziell eher im Alter auf. Bei einer 30-jährigen Frau beträgt das Brustkrebsrisiko 1 zu 400. Bei einer 70-Jährigen 1 zu 9.

Unsere Vorfahren starben deswegen so selten an Krebs, weil sie nicht lange genug lebten, um ihn zu bekommen. Krebs ist sozusagen die letzte Chance des Sensenmannes. Er schlägt meistens erst dann zu, wenn das Opfer nicht vorher an Cholera, Pocken, Lepra, Pest oder selbst gebranntem Weizenkorn gestorben ist. Um 1900 war Tuberkulose die häufigste Todesursache in den USA, gefolgt von Lungenentzündung und Durchfall an dritter Stelle. Krebs rangierte auf dem siebten Platz. 1940 hatte sich Krebs schon auf Rang zwei vorgearbeitet. Gleich nach Herzerkrankungen. Parallel dazu hatte sich die durchschnittliche Lebenserwartung um 26 Jahre verlängert. Die altersstandardisierten Krebsraten, die die steigende Lebenserwartung in die Statistik mit einbeziehen, sind seit einigen Jahren fast gleich geblieben oder sinken bei einigen Tumorarten sogar ab.

Erfreulicherweise lassen sich inzwischen einige Krebsarten sehr effektiv behandeln. Je nach Tumorart kann heute mehr als die Hälfte aller Patienten dauerhaft geheilt werden. Auch Vorsorgeuntersuchungen machen in vielen Fällen Sinn. Darmkrebs oder Gebärmutterhalskrebs sind einige der wenigen Krebserkrankungen, die im Frühstadium eindeutig erkannt und dann erfolgreich behandelt werden können.

Bei anderen Krebsarten diskutieren die Experten sehr heftig, unter welchen Umständen Vorsorgeuntersuchungen tatsächlich sinnvoll sind. Die Mammografie ist so ein Fall. Durch dieses Verfahren ist eine eindeutige Diagnose oft nicht möglich. Was zur Folge hat, dass eine wesentlich größere Zahl gesunder Frauen eine falsche Krebsdiagnose erhält, als erkrankte Frauen die richtige Diagnose bekommen.

Noch problematischer ist das Prostatakrebs-Screening. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Gerd Gigerenzer, gibt zu bedenken, dass es auch bei diesem Testverfahren eine Menge falscher Diagnosen gibt. Danach müssen eine Vielzahl gesunder Männer schmerzhafte und psychisch belastende Untersuchungen über sich ergehen lassen. Viele von ihnen werden bestrahlt und sogar operiert, was teilweise lebenslange Schädigungen nach sich zieht. Selbst Männer, bei denen eindeutig ein Prostatakarzinom diagnostiziert wurde, können oft sehr gut mit dieser Erkrankung leben. Die meisten dieser Karzinome wachsen nämlich so langsam, dass sie den Männern bis zu ihrem Lebensende keine Probleme machen. Salopp gesagt sterben mehr Männer mit einem Prostatakarzinom als an einem Prostatakarzinom.

Natürlich können Sie aktiv bestimmte Krebsarten forcieren, indem Sie sich besonders ungesund verhalten. Eine der effizientesten Methoden, ein paar Lebensjahre einzusparen, ist relativ simpel: Fangen Sie mit dem Rauchen an! Viele halten sich an diesen Rat. Was zur Folge hat, dass Lungenkrebs zu den häufigsten Krebserkrankungen in unserer Gesellschaft gehört. Einmal ausgebrochen, ist eine Heilung fast unmöglich.

Inzwischen gibt es zumindest Hinweise darauf, dass Nikotingenuss Demenzerkrankungen hinauszögern kann. Ich gebe zu, das ist kein sehr tragfähiges Argument, um mit dem Qualmen anzufangen. Es sei denn, Sie sind bereits jenseits der 60 und Nichtraucher. Dann können Sie eine späte Raucherkarriere durchaus in Erwägung ziehen. Denn die Wahrscheinlichkeit, Lungenkrebs zu bekommen, ist in diesem Alter wesentlich geringer als die Wahrscheinlichkeit, dement zu werden.

Im Wissenschaftsmagazin "Brigitte" habe ich übrigens neulich gelesen: Wenn Sie Krebs verhindern wollen – essen Sie viel Obst! Doch das ist nicht wirklich belegt. Eine Studie von 2010 kommt zu dem Schluss, dass eine tägliche Dosis von 200 Gramm Obst Ihr Krebsrisiko nur um mickrige ein bis zwei Prozent reduziert. Wenn Sie dagegen 30 Kippen am Tag rauchen, sterben Sie 20-mal häufiger an Lungenkrebs. Statistisch gesehen ist es also 1000-mal besser, mit dem Rauchen aufzuhören, als mit dem Obstessen anzufangen.

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