Eine nicht repräsentative, diskrete Studie aus meinem Bekanntenkreis ergibt folgende Statistik: Neben den Paaren, die nach 10 oder 15 Jahren immer noch glücklich sind (zirka 10 bis 15 Prozent), gibt es eine Menge Paare, die sich irgendwie durch ihre Beziehung wurschteln (etwa 50 bis 60 Prozent). Beim Rest herrscht purer Krieg. Ein frustrierendes Resultat. Was also ist das Geheimnis einer guten Beziehung? Liebe? Sex? Gleichgültigkeit?

Keine Angst, Sie bekommen an der Stelle keine Beziehungstipps à la "Echo der Frau". Ich bin als Physiker eher zahlenorientiert. Mit Romantik kann ich nicht so viel anfangen. Denn romantisch ist nämlich alles, was unlogisch ist. Wenn Sie zum Beispiel von Ihrer Liebsten gefragt werden, ob Sie an "Schicksal" glauben, dann wirkt es extrem romantisch, wenn Sie sagen: "Natürlich! Es muss auf jeden Fall etwas Übersinnliches geben, das uns zusammengeführt hat." Antworten Sie dagegen: "Naja, das menschliche Gehirn hat eben die Tendenz, bei belanglosen Zufällen eine Ursache-Wirkungs-Schleife zu entwickeln, die …" Vergessen Sie's.

Was also kann die Wissenschaft über langjährige, glückliche Beziehungen aussagen? Erstaunlich viel. Der amerikanische Verhaltenspsychologe John Gottmann hat zusammen mit seiner Frau Julie Schwartz-Gottmann in den 1990er Jahren ein faszinierendes Verfahren entwickelt, mit dem er verlässlich voraussagen kann, ob Ihre Beziehung die nächsten fünf Jahre überlebt. Und zwar mit 90-prozentiger Trefferwahrscheinlichkeit! Alles, was er dazu benötigt, ist ein 30-minütiges Gespräch zwischen den Partnern. Dabei fordern die Gottmanns die Paare auf, über die letzte Party, das nächste Urlaubsziel oder die Arbeitsaufteilung im Haushalt miteinander zu sprechen. Also keine großen Grundsatzdiskussionen über den Beziehungsstatus, sondern ein normales Plaudern über eher belanglose Alltagsdinge.

Danach sieht sich das Gottmann-Team die Video- und Tonaufzeichnungen an und analysiert die Interaktion mit Hilfe eines gnadenlosen Zahlenschlüssels, dem so genannten SPAFF-System. Alle sechs Sekunden werden Affekte wie Streitlust, Humor, Jammern, Interesse, Verachtung oder Ekel gemessen. Insgesamt 20 verschiedene Kategorien, die jeder möglichen Stimmung des Paares entsprechen. Jede noch so kleine Gefühlsregung in Stimme, Mimik und Gestik wird gnadenlos analysiert und mit wissenschaftlicher Exaktheit mit einer nüchternen Nummer versehen. Sekunde für Sekunde. Am Ende des Videos stehen 600 Ziffern auf dem Analysenblock der Wissenschaftler. 300 für die Frau, 300 für den Mann. Diese Zahlenreihen werden in den Computer eingegeben, der dann nach einer von Gottmann entwickelten speziellen Formel die Scheidungswahrscheinlichkeit des Paares angibt.

Ich will Sie an der Stelle nicht mit höherer Mathematik nerven, aber vielleicht nur so viel: Der Faktor Humor hat den Gottmanns zufolge den mit Abstand stärksten Einfluss auf die Stabilität einer Ehe. Wenn man zusammen lachen kann, ist das offenbar schon mal die halbe Miete. Und das kann man üben. Kaufen Sie beispielsweise zum Hochzeitstag eine scheußliche Jacke im Partnerlook und beobachten Sie die Reaktion Ihres Partners. Flüstern Sie nach einem leidenschaftlichen Kuss Ihrem Mann ins Ohr: "Wusstest du, dass wir gerade 250 verschiedene Bakterien und rund 40 000 Parasiten ausgetauscht haben?" Sprechen Sie zum Spaß unter dem Weihnachtsbaum Ihre Frau einfach mal mit falschem Vornamen an. Wenn Sie beide darüber lachen können, werden Sie das wahrscheinlich auch noch in fünf Jahren gemeinsam tun.

Absoluter Beziehungskiller ist dagegen die Gefühlsregung Verachtung, die sich in kleinen, kaum wahrnehmbaren Gesten ausdrückt, sich aber praktisch nicht verbergen lässt: Augenrollen, unwirsches Sich-gegenseitig-ins-Wort-Fallen, verbale Abwertung. Wenn die Gottmanns diese Affekte häufiger beobachten, ist die Ehe praktisch am Ende.

Das gottmannsche Verfahren ist über die Jahre hinweg immer mehr verfeinert und verbessert worden und kann den Verlauf einer Beziehung mit erstaunlicher Präzision voraussagen. Die Ironie an der Geschichte: Die wenigsten Paare sind bereit, sich diesem Test zu unterziehen! Deswegen verdienen die Gottmanns inzwischen ihr Geld mit einer üblichen Paartherapie. Wenn sie ihren Klienten vorschlagen: Wir haben da ein Verfahren, das Ihnen in 30 Minuten schwarz auf weiß zeigt, ob sich die ganzen langwierigen Therapiesitzungen lohnen, lehnen die meisten dankend ab. Das SPAFF-Verfahren ist ein Ladenhüter. Es wirkt für eine Beziehung wie eine Brille für einen Kurzsichtigen. Man schaut völlig neu auf Altbekanntes und denkt sich im selben Moment: "Ach, du Scheiße. So genau wollte ich's eigentlich gar nicht wissen."

Mehr zum Thema Prognosen finden Sie in Vince Eberts Buch "Unberechenbar. Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen." und weitere Infos unter www.vince-ebert.de.