Gruppendenken, ein Begriff, der von Janis (1972: "groupthink") geprägt wurde, als er inhaltsanalytisch einige der größten Fiaskos der amerikanischen Außenpolitik (z. B. Schweinebucht Invasion) analysierte und diese mit erfolgreichen politischen Entscheidungen (z. B. die Reaktion auf die kubanische Raketenkrise) verglich. Die Fiaskos sind seiner Ansicht nach auf dysfunktionale Interaktionsmuster zurückzuführen, die er als Gruppendenken bezeichnet. Gruppendenken wird von ihm als übermäßiges Streben nach Einmütigkeit definiert. Es entsteht bei Personen, deren Harmoniestreben in hochkohäsiven Gruppen die Motivation, andere Alternativen akkurat zu bewerten, überwiegt. Gruppendenken beschreibt also einen defizitären Gruppenentscheidungsprozeß, der mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer mangelhaften Entscheidung mit zum Teil katastrophalen Konsequenzen führt. Neben einer hohen Gruppenkohäsion wird Gruppendenken durch zwei weitere Blöcke von Faktoren verursacht. Das sind zum einen strukturelle Fehler der Organisation (z.B. Homogenität des sozialen und ideologischen Hintergrunds der Gruppenmitglieder) und zum anderen ein provokativer situationaler Kontext (z. B. hoher psychischer Streß). Diese Faktoren bewirken neben einem starken Streben nach Einmütigkeit (laut Janis der vermittelnde Mechanismus, der Gruppendenken bewirkt) acht Symptome, die in drei Kategorien unterteilt werden. Die erste Kategorie wird als "Selbstüberschätzung der Gruppe" wie z. B. eine Illusion der Unverwundbarkeit bezeichnet. In der zweiten Kategorie sind Symptome wie kollektive Rationalisierungen unter dem Begriff "Engstirnigkeit" zusammengefaßt. Zur dritten Kategorie gehören Symptome wie das Ausüben von Druck auf Abweichler, die unter dem Begriff "Druck in Richtung Uniformität" subsumiert werden. Diese Symptome wiederum bewirken insgesamt sieben Fehler im Entscheidungsprozeß, wie z. B. die unvollständige Generierung und Prüfung von Handlungsalternativen und die Unterschätzung von Risiken der präferierten Alternative. Andere deskriptive Studien, wie z. B. die Untersuchung des Challenger Unglücks, bestätigen größtenteils die Befunde von Janis. In experimentellen Studien werden dagegen einige der postulierten Faktoren angezweifelt. Insbesondere die herausragende Rolle der Gruppenkohäsion wird als weniger bedeutsam angesehen. Dennoch besteht großer Konsens über die Bedeutung der Analysen von Janis und es wird in der Forschung intensiv nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Einige solcher Vorschläge sind die nominale Gruppentechnik, die Delphi-Methode, die Einführung eines Teufels-Advokaten, die Verwendung von heterogenen Gruppen und das Heranziehen von externen Experten.

T.G.

Literatur

Janis, I. I. (1972). Victims of groupthink. Boston: Houghton-Mifflin.