Seite an Seite wehen die russische und die amerikanische Fahne über der Startrampe Nummer eins in Baikonur – als könnte die beiden Staaten nichts trennen. Dicht an dicht kleben beide Flaggen auf der mächtigen "Sojus"-Rakete, mit der am Mittwochabend der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation ISS aufbrechen soll. Entspannt und gut gelaunt geben sich Gersts Kollegen, der russische Kommandant Maxim Surajew und der amerikanische Weltraumneuling Reid Wiseman, am Tag vor dem Start.

Verstimmungen zwischen Russland und den USA? Gar eine Krise in der bemannten Raumfahrt? Im Kosmodrom von Baikonur, tief in der kasachischen Steppe, ist davon nichts zu spüren. Hier gehen die Dinge ihren gewohnten Gang – wie seit mehr als 50 Jahren. Politik bleibt hier außen vor. Hier konzentriert man sich auf die Arbeit.

Eine Umarmung sagt mehr als Worte

"Es sagt einiges, wenn Menschen aus drei Kontinenten in eine Rakete steigen und als Freunde zusammen ins Weltall fliegen – und nicht als Nationalitäten", sagt Gerst bei der traditionellen Crew-Pressekonferenz unter dem Jubel seiner Freunde und Kollegen. "Wir werden dort Experimente durchführen, die nicht vor Grenzen Halt machen und von denen alle Menschen auf der Erde profitieren können. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen."

"Es sagt einiges, wenn Menschen aus drei Kontinenten in eine Rakete steigen und als Freunde zusammen ins Weltall fliegen – und nicht als Nationalitäten"
(Alexander Gerst)

Einen Tag vor dem Start, der heute Abend für 21.57 Uhr deutscher Zeit geplant ist, werden bei der Pressekonferenz lieber Orden verteilt und Sieger eines Kindermalwettbewerbs ausgezeichnet, als kritische Fragen beantwortet. "Schaut her, die halbe Welt ist in unserer Crew vertreten", sagt Kommandant Surajew mit viel Pathos in der Stimme. "Ist das nicht herrlich? Ist das nicht wunderbar?" Und US-Astronaut Wiseman findet auf die Frage nach den russisch-amerikanischen Beziehungen eine noch einfachere Antwort: Er steht auf und umarmt seine beiden Kollegen.

Alexander Gerst bei der Pressekonferenz
© ESA, Stéphane Corvaja
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Man fliege als Freunde ins Weltall, nicht als Nationalitäten, erklärte Alexander Gerst auf der Pressekonferenz vor dem Start: "Wir werden dort Experimente durchführen, die nicht vor Grenzen Halt machen und von denen alle Menschen auf der Erde profitieren können. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen."

Dabei gäbe es allen Grund zur Sorge: Wenige Tage vor Gersts Start hat die russische Raumfahrtagentur Roskosmos verkündet, dass sie ein eigenes, nationales Programm für die bemannte Raumfahrt aufstellen will. Es soll im Jahr 2020 beginnen. Dann wird sich Russland, geht es nach dem Willen des stellvertretenden Premierministers Dmitri Rogosin, aus dem ISS-Programm verabschieden. Künftige Partner im neuen Programm könnten Europa und China sein. Von den USA ist keine Rede. Die Europäer haben ihrerseits das Problem, genügend Geld für ihren Anteil an der ISS bis zum Jahr 2020 zusammenzubekommen.

Routine beherrscht das Bild

In Baikonur wird so etwas lieber ausgeblendet – zumindest von offizieller Seite. Allenfalls Veteranen äußern sich deutlicher und mit hörbarem Missmut zu den aktuellen Entwicklungen. "Wir haben hier drei Männer aus drei verschiedenen Staaten mit einem einzigen Ziel – sie wollen gemeinsam in den Weltraum fliegen", sagt Sigmund Jähn, der 1978 von Baikonur als erster Deutscher ins All geflogen ist, bei einem Abendessen mit Journalisten. "Das aufs Spiel zu setzen, wäre das Dümmste, was passieren könnte – allein schon aus Gründen der Völkerverständigung."

"Das aufs Spiel zu setzen, wäre das Dümmste, was passieren könnte – allein schon aus Gründen der Völkerverständigung"
(Sigmund Jähn)

Ohnehin sind die Tage vor dem Start in Baikonur von Routine geprägt. Alles soll möglichst so ablaufen wie im April 1961, als Juri Gagarin von der kasachischen Steppe als erster Mensch ins All startete. Da ist viel Aberglaube dabei, doch auch praktische Überlegungen spielen eine Rolle: Die Abläufe sind bewährt, das Team ist eingespielt, vor allem aber nehmen die ritualisierten Tagesabläufe kurz vor dem Start die Belastung von der Crew.

Rituale vor dem Start

So hat Gerst im Laufe der vergangenen beiden Wochen, während er sich zusammen mit seinen Kollegen in Baikonur in Quarantäne befand, einen Baum in der Allee der Kosmonauten gepflanzt – genau wie damals Juri Gagarin. Er ist schon einmal probeweise in seine Kapsel geklettert, er war beim Friseur, er hat am gestrigen Abend den russischen Film "Die weiße Sonne der Wüste" gesehen. Er wird heute zu denselben Klängen das Kosmonautenhotel verlassen, zu denen bereits Gagarin aufgebrochen ist.

Nur ob er – natürlich wie Gagarin – auf dem Weg zur Startrampe an den Hinterreifen seines Busses pinkeln wird, ist offen. Das Ritual gilt heute nicht mehr als verpflichtend; die meisten Kosmonauten sind froh, wenn sie ihren druckdichten Raumanzug nicht noch einmal öffnen müssen. Außerdem trinken Raumfahrer vor dem Start nicht mehr allzu viel, so dass eine obligatorische Pinkelpause länger dauern könnte.

Baumpflanzung
© ESA
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Zu den Ritualen vor dem Start gehört es, einen Baum zu pflanzen.

Zeit zum Vertrödeln haben Gerst, Surajew und Wiseman allerdings nicht. Der Ablauf vor dem Start ist streng getaktet. Sechs Stunden vor Zündung der Triebwerke wird das Trio in Richtung Startrampe fahren – vorbei an Kühen und Kamelen, über eine mit Bodenwellen gespickte Straße. Vier Stunden und 20 Minuten vor dem Start werden die Männer damit beginnen, sich in ihre weiß-blauen Sokol-Raumanzüge zu quetschen. Zweieinhalb Stunden vor dem Abheben klettern sie – nicht ohne den obligatorischen Klaps auf den Po – die Treppen zu ihrem Raketenlift empor. 40 Minuten später wird die Luke geschlossen.

Es folgen langwierige Checks der Bordsysteme. Die Crew wird derweil von Musik bei Laune gehalten, die sie selbst auswählen durfte. Gerst hat sich unter anderem Reinhard Meys "Über den Wolken" und "Major Tom" von Peter Schilling gewünscht.

Probesitzen
© ESA
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Alexander Gerst hat übungsweise schon mal Platz genommen in der Sojus-Rakete, die ihn am Abend des 28. Mai zur Internationalen Raumstation bringen wird.

Um 21.57 Uhr deutscher Zeit heißt es dann: Zündung. Verläuft alles wie geplant, wird die mehr als 300 Tonnen schwere Rakete mit einer Leistung von 26 Millionen PS Gerst und Kollegen in weniger als neun Minuten in eine Umlaufbahn um die Erde katapultieren. Sechs Stunden später soll die "Sojus" bereits die ISS erreichen.

Der Lohn einer langen Vorbereitung

Für Gerst ist es der Anfang einer langen Reise – und gleichzeitig das Ende eines anderen, noch längeren Abenteuers: Im September 2009 setzte er sich gegen 8407 andere Bewerber durch und ergatterte einen der begehrten Plätze im Europäischen Astronautenkorps. Seitdem hat er trainiert, zunächst 18 Monate lang während der Grundausbildung, dann ab September 2011 für die anstehende Mission.

Auf etwa 3000 Stunden Training allein im europäischen Astronautenzentrum in Köln ist Gerst dabei gekommen, wie er in seinem Blog vorrechnet. Noch einmal die gleiche Summe kam in den Trainingsstationen der anderen ISS-Partner zusammen – in Japan, Kanada, den USA und in Russland.

Überlebenstraining
© Gagarin Cosmonaut Training Centre
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Zur Vorbereitung gehörte auch ein Überlebenstraining im Januar 2013 – für den Notfall, dass die Sojus-Kapsel in einer abgelegenen, kalten Gegend landet.

Die 1100 Stunden im Gagarin-Kosmonauten-Trainingszentrum vor den Toren von Moskau haben es Gerst dabei besonders angetan. "Ich finde es großartig, an einem Ort zu trainieren, an dem der Geist von Juri Gagarin überall zu sehen und zu spüren ist", sagt er. Während des Trainings zog er im selben Mosaik-Schwimmbecken seine Runden, in dem bereits der erste Mann im All geschwommen ist. Er ging in denselben Sportsaal, in dem noch heute Gagarins Spind mit seinen Trainingssachen steht und wie eine Reliquie verehrt wird. Er begegnete in der Banja den altgedienten sowjetischen Kosmonauten, die auf Lebenszeit im Sternenstädtchen wohnen dürfen. Er plauderte mit Alexei Leonow, dem ersten Menschen, der im All sein Raumschiff verlassen hat, über die Veränderungen im Raumfahrtprogramm. "Am Anfang denkt man da schon: Hoppla", erinnert sich Gerst mit einem jungenhaften Schmunzeln.

"Ich finde es großartig, an einem Ort zu trainieren, an dem der Geist von Juri Gagarin überall zu sehen und zu spüren ist"
(Alexander Gerst)

Etwa 400 000 Kilometer hat er während seiner Trainingseinheiten von Houston über Moskau bis ins japanische Tsukuba im Flugzeug zurückgelegt – knapp zehnmal um die Welt. Verglichen mit dem, was in den kommenden Monaten auf den Geophysiker wartet, ist das nicht einmal ein Katzensprung. Die gleiche Strecke wird Gerst an Bord der ISS, die die Erde mit mehr als 28 000 Kilometern pro Stunde umkreist, in knapp 14 Stunden zurücklegen. Mindestens acht Sonnenauf- und acht Sonnenuntergänge wird er dabei erleben. Und das geht so immer weiter. 166 Tage lang.

Es gibt viel zu tun

Zeit, aus dem Fenster zu schauen und die Aussicht in gut 400 Kilometern Höhe zu genießen, wird Gerst allerdings nur in seiner Freizeit haben. Sonst ist das Programm dicht gepackt: Mit mehr als hundert wissenschaftlichen Experimenten wird der Deutsche während seiner Zeit an Bord in Kontakt kommen, darunter etwa vierzig europäische Versuche und 25 unter deutscher Leitung. Er soll erkunden, wie sich das irdische Magnetfeld auf elektrische Leiter an Bord der Station auswirkt – in der Hoffnung, mit diesem Wissen eines Tages Schutzschilde für Raumfahrzeuge zu entwickeln. Er soll die Feuchte seiner Haut messen und dabei beobachten, wie im All die Haut in Rekordgeschwindigkeit altert.

"BlueDot" hat der 38-Jährige seine Mission getauft – angelehnt an ein legendäres Foto der Raumsonde "Voyager 1": Aufgenommen aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung, zeigt es unseren Planeten als dunklen, bläulich schimmernden Punkt. "Die bemannte Raumfahrt ermöglicht uns, die Erde aus einer anderen Perspektive zu sehen", sagt Gerst. "Sie zeigt uns eine felsige Kugel mit einer erschreckend dünnen Atmosphäre, die einmal im Jahr um die Sonne kreist. Dieser kleine blaue Punkt ist unser Raumschiff, und wir können uns aussuchen, ob wir nur als Passagier mitfliegen oder als Teil der Mannschaft."

Die Politik bleibt außen vor

Nicht aussuchen kann Gerst sich, mit wem er heute Abend ins All fliegen will. Doch das internationale Gespann harmoniert gut. Das harte Training hat die Raumfahrer zusammengeschweißt, es hat sie zu, wie Gerst es nennt, Freunden gemacht – Besuche mit der Familie auf Surajews Datscha eingeschlossen.

Ein Russe, ein Amerikaner, ein Europäer. Jedes Land mit seinen eigenen Problemen, Ansprüchen, Vorbehalten. Und doch arbeiten die drei Raumfahrer reibungslos zusammen. Auch wenn das Trio Politik außen vor lassen will, ist sein gemeinsamer Start am heutigen Abend doch ein klares Statement: Kooperation in der Raumfahrt funktioniert – solange es die Beteiligten nur wollen.

Offenlegung: Die Recherchereise nach Baikonur wurde ermöglicht durch eine Einladung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sowie der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, die sich an den Reisekosten beteiligt haben.