Sanddollar-Larve beim Klonen ihrer selbst
© Dawn Vaughn
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Kaum aus ihren winzigen Eiern geschlüpft, haben die Larven des Sanddollars (Dendraster excentricus) nur ein einziges Ziel: So lange zu überleben, bis sie groß genug sind, um es sich neben ihren erwachsenen Artgenossen im sandigen Meeresboden gemütlich zu machen und nach einer endgültigen Metamorphose selbst zu einem flachen Seeigel zu werden, der den Sand nach Nahrung abtastet.

Doch bis dahin haben die durchscheinenden Winzlinge einen weiten Weg vor sich. Anders als ihre bodenständigen Eltern driften sie als Zooplankton in den Strömungen des Meeres umher. Erst ein chemischer Lockruf ihrer im Sand sitzenden Verwandten motiviert sie dazu, sich niederzulassen. Vorher jedoch sind sie den Tücken des Ozeans schutzlos ausgeliefert.

Klon einer Sanddollar-Larve neben Ei
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Und ihre größten Feinde haben den kleinen zwei- bis vierfüßigen so genannten Plutei einiges voraus. Manövrierfähige Flossen zum Beispiel. Und scharfe Augen, mit denen sie selbst die kleinste Beute ausspähen können. Doch auch die Sanddollar-Larve hat ein hilfreiches Rüstzeug im Gepäck, wie Dawn Vaughn und Richard Strathmann von den Friday Harbor Laboratories der Universität von Washington entdeckten: Tarnung durch Teilung.

"Larven-Klonierung als Antwort auf eine Fressfeind-Bedrohung ist ein einmaliger Vorgang"
(Dawn Vaughn)
Denn als die Forscher ihren erst vier Tage alten Probanden etwas Fischschleim ins Wasser gaben, begannen sie sich zu teilen. Entweder entstand eine vom Mund abgewandte Auskeimung, oder die junge Larve spaltete sich in zwei gleichwertige Tochterzellgruppen. Doch egal welche Methode sie anwandte: Innerhalb von 24 Stunden hatte die Sanddollar-Larve Gesellschaft – in Form eines Klons ihrer selbst. "Larven-Klonierung als Antwort auf die Bedrohung durch einen Fressfeind ist ein einmaliger Vorgang", erklärt Vaughn.

Sanddollar-Larven kurz vor der Metamorphose
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Je nach Schleimkonzentration traten zudem unterschiedlich viele verdoppelte Larven auf: Bei 0,01 Mikrogramm Schleim pro Milliliter Seewasser teilte sich nur jede fünfte Larve. Bei 0,1 Mikrogramm jedoch klonten sich vierzig Prozent der Tiere. Wurde die Konzentration allerdings höher, nahm die Klonwilligkeit wieder ab: Nur jede zehnte Larve sah bei einem Milliliter des Feindesschleimes pro Milliliter Wasser noch Bedarf zur Zellteilung.

Die neu entstandenen und die geteilten Larven waren erheblich kleiner als der ursprüngliche Sanddollar-Nachwuchs. Dies, so vermuten die Forscher, verschafft ihnen den entscheidenden Vorteil: Wenn sie Glück haben, können die hungrigen Fische sie nicht mehr sehen, die Gefahr ist erst einmal gebannt.

Doch das Reset-Programm der Plutei hat auch Nachteile: Einige der Larven waren auch zum Zeitpunkt der Metamorphose noch kleiner als ihre Artgenossen. In der neuen Lebensumgebung jedoch, spekulieren Vaughn und Strathmann, könnte die vorher noch so hilfreiche Eigenschaft zum Nachteil werden.

Dem jungen Seeigel ist das jedoch vermutlich egal. Er hat sein Hauptziel erst einmal geschafft: so lange zu überleben, dass er sich im riesigen Seeigel-Feld der Erwachsenen ansiedeln darf. Und unter so vielen neuen Freunden ist Größe ein relativer Begriff.