Hintergrund | 12.12.2012 | Drucken | Teilen

Wissenschaftsgeschichte

Das hundertjährige Rätsel um den Piltdown-Mann

Warum es auch heute noch lohnt, im ältesten Krimi der Paläontologie auf Tätersuche zu gehen.
Fachdiskussion über dem Piltdown-Schädel

Vor knapp einem Jahrzehnt hatte mein Arbeitgeber – das Museum of Natural History in London – ein Jubiläum zu feiern: 50 Jahren vorher, 1953, war die erfolgreichste wissenschaftliche Betrügerei aller Zeiten enttarnt worden. Forscher des Museums und der University of Oxford hatten damals ein Fossil als trickreiche Fälschung entlarvt, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts im kleinen Weiler Piltdown in Sussex ausgegraben worden war. Die Knochen stammten eben nicht von einem "primitiven Menschen" – was die Ausgräber 1912 behauptet hatten.

Schon auf der Feier damals hatte mich ein betagter Kollege zur Seite genommen und geraunt, wenn es nach ihm ginge, "könnten wir den Jahrestag gern mit der Totalvernichtung aller Piltdown-Fundstücke begehen, und dem Niederbrennen des ganzen Archivs dazu". Nichtsdestotrotz bin ich heute, zehn Jahre später, einer von immer mehr Neugierigen, die endlich aufklären wollen, wie die Fälscherarbeit von damals abgelaufen ist – um am Ende zu enthüllen, wer damals aus welchen Gründen hinter der Geschichte steckte.

Aber macht das überhaupt noch Sinn, 100 Jahre nachdem der Piltdown-Mann der Londoner Geological Society präsentiert worden ist? Ich persönlich würde schon einfach nur wissen wollen, was hinter dem Blendwerk von damals gesteckt hat – war es wissenschaftlicher Ehrgeiz, Rache, einfach nur ein Scherz? Jenseits der spannenden Tätersuche bleibt die Geschichte aber auch aus anderen Gründen aktuell: als Warnsignal an die Forschergemeinde, nie zu unkritisch zu werden; außerdem als gutes Beispiel dafür, dass sich wissenschaftliche Methodik (am Ende) doch durchsetzt.

Fachdiskussion über dem Piltdown-Schädel
  Fachdiskussion über dem Piltdown-Schädel
Das Foto zeigt ein Gemälde von John Cooke aus dem Jahr 1915.

Das erste Exemplar des Homo erectus (oder "Java-Menschen") hatte 1891 ein holländischer Paläoanthropologe in Indonesien entdeckt und ausgegraben. Dann, 16 Jahre später, stieß ein Erdarbeiter in Deutschland auf den Kiefer des Heidelberg-Mannes, einem möglichen Nachfahren des H. erectus. Kein Wunder, dass Arthur Smith Woodward und Charles Dawson am 18. Dezember 1912 mit ziemlichen Stolz ein noch bedeutenderes Menschenfossil vorstellten – in Piltdown [1].

Woodward war allgemein als paläontologischer Experte akzeptiert und arbeitete als Kurator der Geologischen Abteilung im damaligen Britischen Naturkundemuseum; Dawson war Hobby-Antiquar. Was Woodward Eoanthropus dawsoni getauft hatte (etwa "Dawsons Mensch der Morgenröte") bestand aus einem affenähnlichen Unterkiefer mit zwei Mahlzähnen sowie einigen Menschenschädelbruchstücken. Daneben hatten Woodward und Dawson auch noch primitive Steinwerkzeuge und einige Fragmente von Säugetierfossilien ausgegraben; etwa die eines Nilpferds und einer elefantenähnlichen Kreatur. Allesamt zeigten die Fundstücke den gleichen tiefen Braunton der Kiesel an der Fundstelle: Sie verleiteten Woodward und Dawson, Eoanthropus als wohl ähnlich alt einzustufen wie den Java-Mann, rund eine Million Jahre, wie man heute weiß.

In den folgenden zwei Jahren leiteten die beiden weitere Ausgrabungen und förderten neue Artefakte und Pflanzenreste aus der Piltdown-Grabung zu Tage; den Zahn eines Hundes zum Beispiel. Tatsächlich entdeckten sie sogar einen Elefantenknochen, dem sie aufgrund seiner Form den Spitznahmen "Cricketschläger" verpassten. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der schlechte Gesundheitszustand von Dawson stoppten die Grabung schließlich – wobei Dawson noch kurz vor seinem Tod an Woodward schrieb, er habe weitere Überbleibsel typischer Vegetation und des Eoanthropus an einer anderen Stelle entdeckt, nur ein paar Kilometer vom Orginalfundort entfernt.

Eine nicht ganz einfache Fälscherarbeit

Der Fund sorgte für weltweite Schlagzeilen. In Paläontologenkreisen war man allerdings von Anfang an reserviert: Einige der bekannteren britischen Forscher hatten die Existenz von Eoanthropus vollständig akzeptiert, eine Minderheit schlug sich allerdings auf die Seite deutscher und US-amerikanischer Forscher, die den Zusammenhang von Schädel und Unterkiefer anzweifelten. Sie vermuteten, ein uraltes Affenfossil könnte zwischen Erdschichten geraten sein, die einen menschlichen, aber deutlich jüngeren Schädel bargen. Ein paar der Abweichler ließen sich dann durch Zähne und Schädelfragmente überzeugen, die Dawson an seiner zweiten Grabungsstelle entdeckte: sie passten perfekt zum ursprünglichen Fund.

In Lauf der 1920er und 30er Jahre sank die Bedeutung von Eoanthropus aber zunehmend: Andere Vor- und Frühmenschen wurden in Afrika, China und Indonesien ausgegraben. Und keiner der Funde spiegelte die bizarre Eoanthropus-Merkmalkombination mit Affenkiefer und Menschenschädel.

Als das Jahr 1950 anbrach, stand es also nicht zum Besten für Eoanthropus. Im Gegenteil: Kenneth Oakley, ein Geoarchäologe des Museums, unterzog die Relikte chemischen Analysen und konstatierte, dass der Kiefer nicht älter als 50 000 Jahre sein könne – auch wenn einige der Piltdown-Pflanzenreste eindeutig viel älter seien. Okley und Kollegen legten dann später, 1953 und 1955, noch gründlichere Analysen nach und enthüllten schließlich das ganze Ausmaß des Betrugs [2,3].

Man hatte Kiefer und Eckzahn, der offenbar von einem modernen Orang-Utan stammte, zusammen mit menschlichen Schädelbruchstücken absichtlich manipuliert und gefärbt. Die fossilen Pflanzen waren erst aus unterschiedlichsten Stellen zusammengesucht und dann im Piltdown-Kies verscharrt worden, genauso Steinwerkzeuge, nachdem sie in der Farbe der anstehenden Ablagerungen angemalt worden waren. Den "Cricketschläger" hatte man mit einer Stahlklinge aus einem fossilisierten Oberschenkelknochen eines Elefanten herausgeschnitzt.

Nachdem die Wahrheit endlich herauskam und eine Schamfrist abgelaufen war, begann die Jagd auf Schuldige: eine Tätersuche im paläontologischen Krimi, die bis heute andauert. Hauptverdächtiger damals wie jetzt: Dawson [4-6]. Allerdings sind, inklusive Woodward selbst, mindesten 12 andere ebenfalls schon unter Verdacht geraten.

Meine Kollegen und ich (ein Team von derzeit 15 Forschern am Natural History Museum und verschiedenen britischen Hochschulen) untersuchten die Beweismittel nun mikroskopisch genau: Mit Techniken von Radiokarbon- über DNA- bis zu Isotopenanalysen hoffen wir eine taxonomische Zuordnung und den geografischen Ursprung der Exemplare zu ermitteln. Mit Spektroskopieverfahren versuchen wir außerdem herauszufinden, mit welchen Färbemethoden und wie gründlich die Knochen, Zähne und Werkzeuge aus den Piltdown-Fundstücken behandelt worden sind.

Sollte sich herausstellen, dass das Material aus der ersten Fundstelle mit dem aus der zweiten übereinstimmt, so wäre Dawson wohl als der wahrscheinlichste Täter überführt: Immerhin war er der alleinige Entdecker des zweiten Grabungsortes. Wenn aber der Eckzahn von anderer Stelle stammt (oder irgendwie anders gefärbt wurde), dann könnte durchaus auch Teilhard de Chardin an dem Betrug beteiligt gewesen sein. De Chardin – damals noch Jesuiten-Novize, später bekannter Denker und Paläontologe – hatte Dawson bei den Ausgrabungen unterstützt.

Unsere Ergebnisse könnten vielleicht auch helfen ein Szenario zu widerlegen, dass zuletzt um den Zoologen Martin Hinton konstruiert worden ist [8]. Hinton war freiwilliger Mitarbeiter in Woodwards Abteilung des Museums als die Piltdownrelikte gefunden wurden. In den 1970er Jahren sind in seiner Hinterlassenschaft (Hinton starb 1961) ein Dutzend modifizierter Zähne und gefärbter Knochen aufgetaucht.

Bedingt segensreich

Den Täter festzunageln – denjenigen, der die Piltdownfunde versteckt und an ihnen herumgedoktert hat – wäre wohl Grundvoraussetzung dafür, auch dessen Motive einordnen zu können. Sollte es Dawson gewesen sein, dann hätte sicherlich sein Drang zu wissenschaftlicher Anerkennung dahintergesteckt. Dawson wollte Mitglied der Royal Society werden, jedenfalls aber hat er sich immer um Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten bemüht.

Warum Hinton zum Trickser geworden sein sollte, ist schwerer zu erklären. Womöglich hat er geahnt, dass an dem Piltdown-Fund irgendetwas faul ist, konnte sich aber nicht überwinden, dies vor seinem Chef (Woodward) auch zu belegen? Hat er womöglich den "Cricketschläger" (eine deutlich weniger sorgfältig ausgeführte Fälschungsarbeit als alle anderen) am Grabungsort platziert, damit er gefunden und enttarnt wird, so dass die Kollegen von dem Betrug Wind bekommen? [9]

Wer immer auch verantwortlich ist: Der Piltdown-Schwindel erinnert alle Forscher einmal mehr daran, dass Fakten, die Theorien zu gut bestätigen, um wahr zu sein, wahrscheinlich eben nicht wahr sind. Die Piltdown-Fälschung jedenfalls war keine Kleinigkeit, sondern ein beispiellos komplexes Unterfangen: Manche der Fundstücke waren mit deutlich größerer Sorgfalt verfälscht als andere; und die unterschiedliche Fertigkeit der Manipulatoren sind von uns heute untersuchte Anhaltspunkte, diese zu enttarnen. Piltdown ist aber nicht das einzige Beispiel gefälschter Belege in der Archäologie und Paläontologie. Vielleicht hat Piltdown sogar dazu beigetragen, dass im Jahr 2000 ein ähnlicher Fall schneller ans Licht kam: Der berühmte japanische Archäologe Shinichi Fujimura hatte Steinwerkzeuge an Fundstellen hinterlegt und "gefunden", die er zuvor andernorts schon einmal ausgegraben hatte.

Dass der Piltown-Fund überhaupt zu hohem wissenschaftlichen Ansehen geraten ist, hat die Forschungsrichtung einst entschieden zurückgeworfen. So hat er zum Beispiel die allgemeine Akzeptanz von Australopithecus africanus als echtem Vorläufer des Menschen in der Evolution verzögert – dessen erster Fossilvertreter war Mitte der 1920er Jahre in Südafrika gefunden worden. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass das Piltdown-Drama letztlich auch Beleg für ein funktionierendes wissenschaftliches System ist – schließlich hat es am Ende die Wahrheit ans Licht gebracht. Und tatsächlich sind die Piltdown-Entdeckungen mit jedem neuen, echten Fund immer weiter diskreditiert worden – auch wenn es bis 1953 gedauert hat, die im Laufe der Zeit angesammelten Zweifel auch laut zu äußern und daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Hochzeit der Piltdown-Fälschung war jedenfalls zu Ende, nachdem seit 1959 Fossilfunde routinemäßig mit Radiokarbonmessungen analysiert werden.

Dass über den Pitdown-Mann auch heute immer noch geredet wird, hat jedenfalls gute Gründe: Als aus dem Leben gegriffener Kriminalfall ist die Geschichte kaum zu überbieten. Vor allem aber belegt der Fall eines – wie rasant die Paläoanthropologie sich seit einem Jahrhundert weiterentwickelt hat.

© Spektrum.de
[1] G. E. Q. J. Geol. Soc. Lond. 69, 117–152, 1913
[2] Bull. Br. Mus. Nat. Hist. 2, 139–146, 1953
[3] Bull. Br. Mus. Nat. Hist. 2, 225–28, 1955
[4] The Piltdown Forgery (Oxford Univ. Press), 2003
[5] The Secret Life of Charles Dawson and the World’s Greatest Archaeological Hoax (Tempus), 2003
[6] J. Archaeol. J. 163, 1–41, 2006
[7] Trans. R. Soc. S. Afr. 66, 9–13, 2011
[8] Zool. J. Linn. Soc. 139, 315–335, 2003
[9] Homo Britannicus (Penguin), 2007
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