Kurz nach Weihnachten demonstrierten 10 000 säkulare und moderat religiöse Israelis gegen die wachsende Macht streng orthodoxer Gruppen in ihrem Land. Staatspräsident Shimon Peres selbst hatte zu der Teilnahme an der Kundgebung in Beith Shemesh, einer Kleinstadt nahe Tel Aviv, aufgerufen, nachdem ein achtjähriges Mädchen auf dem Schulweg von einer Gruppe Frommer wegen vermeintlich "unzüchtiger" Kleidung beschimpft und angespuckt worden war.

Tags darauf nahmen wiederum knapp 1000 Anhänger der streng religiösen Minderheit an einer Kundgebung in Jerusalem teil, zu der einige sich und ihre Kinder in Häftlingskleidung und gelben Sternen mit der deutschen Aufschrift "Jude" versehen hatten. Sie beschuldigten den Staat Israel des antijüdischen Rassismus und beschimpften Polizisten als "Nazis". Der Protest richtete sich gegen die Verhaftung eines Mitglieds ihrer Religionsgemeinschaft, der einen Jerusalemer Elektronikladen wegen des Vertriebes von Musikspielern demoliert hatte.

Wer die Hintergründe dieser Konfrontation verstehen will, muss ins 18. Jahrhundert und die Zeit der beginnenden Aufklärung zurückgehen. Vor allem in Nordamerika und Westeuropa wurden diskriminierende Gesetze gegen Juden langsam aufgehoben. Wo immer möglich entstanden so Gemeinden reformorientierter Juden, die höhere Bildung und Karrieren anstrebten, traditionelle Rituale in die Landessprache übersetzten oder aufgaben, sich bisweilen gar Orgeln in ihre Synagogen einbauen ließen und als Patrioten des jeweiligen Landes für Demokratie und Fortschritt engagierten. Andere, bald orthodox – also rechtgläubig – genannt, widersetzten sich jedoch dieser Öffnung und bestanden darauf, weiterhin die überlieferten religiösen Gesetze einzuhalten. Konservative versuchten sich an Mittelwegen zwischen Assimilation und Bewahrung.

Haredim an der Klagemauer
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In großen Teilen Jerusalems bestimmen sie längst das Straßenbild: die ultraorthodoxen Haredim.

Doch die Entwicklung verlief nicht geradlinig. Auch modern und angepasst lebende Juden erfuhren weiterhin Diskriminierung und teilweise Verfolgung. Und mit der Säkularisierung ging eine schnelle Individualisierung einher, so dass die Zahl der Geburten in reformjüdischen Familien schnell zurückging, Mischehen und sogar Übertritte zum Christentum nahmen dagegen zu. Der Religionshistoriker Renzo Derosas von der Universität Venedig konnte anhand erhaltener Register der Stadtzählung von 1869 aufzeigen, dass die Geburtenraten jener Juden, die das venezianische Ghetto nach Aufhebung der Verbote verlassen hatten, auf 3,88 Kinder pro Frau und damit deutlich unter den Durchschnitt der katholischen Venezianer gefallen war, der bei 5.39 lag. Nur etwa ein Drittel der Juden wohnte weiterhin in den Straßen des Ghetto: Ihre Geburtenrate lag 6,29 Kindern.

"Seid fruchtbar und mehret euch!"

Mit dieser Entwicklung standen die Juden nicht alleine: Im freiheitlich geprägten Nordamerika konnten sich zur gleichen Zeit auch fromme, christliche Gruppen mit vergleichbar großen Familien etablieren. Die Old Order Mennoniten, Amischen und Hutterer hielten wie die orthodoxen Juden die ersten Worte des biblischen Gottes an die Menschen – "Seid fruchtbar und mehret euch!" (Genesis 1,28) – für eine religiöse Verpflichtung und große Familien für ein Zeichen des Segens. Zugleich grenzten sie sich gegen die Einflüsse der Mehrheitsgesellschaft ab, indem sie untereinander ihre eigene Sprache pflegten: Pennsylvania-Deutsch bei den Amischen, Jiddisch bei aschkenasisch-orthodoxen Juden. Sie lehnten Armeedienste ab und vermittelten ihren Kindern in eigenen Bildungssystemen religiöses Wissen, das innerhalb der Gemeinde von großem Wert war, außerhalb aber keinen hohen Status garantieren konnte.

Außerdem hielten sie streng an der jeweiligen Kleiderordnung fest: an der bäuerlichen Tracht der Amischen ebenso wie an den schwarzen Hüten und Mänteln jüdischer Shtetl des frühen 19. Jahrhunderts. Schließlich wurde weltliche Bildung sowie Technologien nur insoweit akzeptiert, als sie in die jeweilige Lebensordnung eingefügt werden konnten. Hinzu kamen Gebets- und Zeitgebote wie der Sabbat bei den Juden oder der Sonntag bei den Amischen sowie Speisegebote und die Verpflichtung zu Opfern und gegenseitiger Hilfe in der Gemeinde.

Während die europäischen und amerikanischen Geburtenraten parallel zu einer wachsenden Individualisierung weiter massiv absanken, konnten diese kleinen Gruppen ihren Kinderreichtum halten und somit wachsen, obwohl sie nicht aktiv missionierten und in jeder Generation auch Mitglieder austraten. Auch waren all diese streng religiösen Traditionen dezentral organisiert: Die einzelnen Gemeinden verwalteten sich selbst und brachten so ständig neue, verbundene wie auch konkurrierende Varianten sowohl liberalerer wie noch strengerer Richtungen hervor.

So entwickelte die jüdische Orthodoxie eine Vielzahl regionaler, ost- und westjüdischer, mystischer und traditioneller Formen. Heute unterscheidet man zum Beispiel "modern Orthodoxe", die traditionelles Wissen mit moderner Bildung und Computertechnik verknüpfen, einige Kleidungsgebote lockern und überwiegend den Staat Israel bejahen sowie in der Armee dienen von den ultraorthodoxen Haredim (wörtlich: Gottesfürchtigen), die überwiegend die Auffassung vertreten, dass erst ein Messias hätte Israel gründen dürfen, und sich lebensweltlich auch von nichtorthodoxen Juden abgrenzen.

Die Katastrophe der Schoah

Das europäische Judentum hatte bis zum 20. Jahrhundert schon viele Vertreibungen, Pogrome und Verfolgungen erleiden müssen, doch der europaweite, brutal durchorganisierte Massenmord durch die deutschen Nationalsozialisten war ohne historisches Beispiel. Während sich im säkularen und internationalen Sprachgebrauch die Bezeichnung "Holocaust" für diese Verbrechen durchsetzte, weisen religiöse Juden darauf hin, dass dieser biblische Begriff eigentlich ein Brandopfer bezeichnet. Sie bevorzugen daher den Ausdruck Schoah, hebräisch für große Katastrophe. Die Haredim wurden hiervon besonders hart getroffen: Sie waren meist arm, lebten oft in eigenen Stadtvierteln insbesondere Osteuropas und vermochten mit ihren großen Familien auch seltener unterzutauchen oder auszureisen.

In der Nachkriegszeit wurden die verbleibenden Haredim-Minderheiten daher auch von den religiös moderateren und säkularen Juden oft mit Sympathie betrachtet und mit Spenden und Stipendien bedacht, pflegten sie doch vermeintlich erlöschende Traditionen. Bei der Staatsgründung Israels 1948 stellten sie kaum ein Prozent der Bevölkerung, und Premierminister Ben Gurion gewährte 400 von ihnen die Befreiung vom Wehrdienst.

Wiederaufstieg in der Nachkriegszeit

Die meisten Haredim lehnten diesen Staat Israel zwar weiter ab, und einige Gruppen beteiligten sich sogar an antizionistischen Kongressen arabischer oder iranischer Organisatoren. Doch die in Israel lebenden Gruppen beteiligten sich zunehmend mit eigenen Parteien an den Wahlen und brachten ihr wachsendes Stimmgewicht geschickt in Koalitionsverhandlungen ein. Bei der Auswahl der Regierungsparteien wie auch außenpolitisch waren sie dabei durchaus flexibel und hatten etwa gegen Friedensverhandlungen mit den Palästinensern wenig einzuwenden, würde doch erst der Messias Israel vollenden. Dafür forderten sie den Ausbau der Militärbefreiungen, Zuschüsse für ihre Institutionen, Erhöhungen des Kindergelds (vor allem für kinderreiche Familien) und die Akzeptanz eigener Stadtviertel und Siedlungen.

Obwohl gerade aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch einmal Hunderttausende vorwiegend nichtorthodoxer Juden nach Israel zuwanderten, stieg der Anteil der Haredim bis heute auf mehr als ein Zehntel der jüdischen Bevölkerung und etwa jedes dritte Grundschulkind. Weil sie sich zudem stark an Wahlen beteiligen, errangen ihre Parteien 2009 insgesamt 16 der 120 Sitze im israelischen Parlament, der Knesset, und tragen zusammen mit anderen orthodoxen Parteien auch die amtierende Regierungskoalition mit.

Auch in Ländern wie der Schweiz, Großbritannien und den USA, in denen ihre Gemeinden nicht zerstört worden waren, konnten sich Haredim halten oder sogar wieder wachsen. Jüdisch-liberale Gemeinden überaltern und schrumpfen dagegen zunehmend mangels Kindern und wegen der Abwanderung. Der Politikwissenschaftler Eric Kaufmann an der Londoner Birkbeck Universität verwies 2009 auf eine durchschnittliche Geburtenrate der Haredim in Israel von knapp acht Kindern pro Frau. Aber auch in den USA, wo es kein Kindergeld und keine staatliche Finanzierung von Religionsgemeinschaften gibt, haben sie durchschnittlich sechs Kinder, während die Gesamtgeburtenraten US-amerikanischer Juden unter 1,5 Kindern pro Frau liegt.

Konflikt um die Zukunft Israels

Solange sich die israelische Mehrheit vor allem vor den höheren Geburtenraten der arabisch-islamischen Israelis fürchtete, blieb der innerjüdische Konflikt weit gehend verdeckt. Einige Haredi-Gemeinschaften öffneten sich sogar vorsichtig dem Arbeitsmarkt und Staat, der Ende der 1990er Jahre eigens eine Armeeeinheit für streng religiöse Rekruten schuf. Andere aber verschärften die Abgrenzung zu ihrer jüdischen Umgebung weiter durch noch strengere Speisevorschriften ("glatt koscher") oder durch Gewalt gegen Verletzungen religiöser Gebote wie der Fahrverbote am Sabbat in ihren Vierteln. Sie führten bisweilen sogar Geschlechtertrennungen in Bussen und auf Gehwegen ein. Nachdem mit der Abtrennung des Gaza-Streifens 2005 eine nichtjüdische Bevölkerungsmehrheit in Israel vorerst nicht mehr anstand, wandten sich die nichtorthodoxen Mittelschichten allerdings zunehmend gegen die Steuerlasten sowie ihre Einschränkungen für die Armee und Siedlungen einerseits und die Privilegien der Haredim andererseits. Und inzwischen wächst zudem auch das Bewusstsein, dass es angesichts der rapiden, demografischen Verschiebungen um die Zukunft der israelischen Gesellschaft als Demokratie geht.

In dramatischer Form steht Israel heute also vor der Frage, die jede menschliche Gesellschaft immer wieder beantworten muss: Wie lassen sich einerseits die positiven Wirkungen von Religion für Gläubige freiheitlich entfalten, zugleich aber die Gefahren von Intoleranz und Radikalisierung durch eben jene Religion abweisen?