Sicher konnte man sich bislang nie sein, wenn auf neandertalerzeitlichen Fundplätzen Gegenstände auftauchten, die verdächtig nach Schmuck aussahen. So gerne man auch dem Neandertaler einen Sinn fürs Schöne zusprechen wollte und so gerne man den alten Irrglauben widerlegen wollte, wonach hinter den klobigen Überaugenwülsten des robusten Eiszeitlers lediglich ein schwaches Lichtlein brannte.

Wenn aber in Neandertalerkontexten, in Frankreich etwa, durchbohrte Fuchszähne auftauchten, die durchaus als Anhänger gedeutet werden könnten, aber mit einem Alter von vielleicht 35 000 Jahren bereits aus einer Periode des Kontakts mit Homo sapiens stammten – könnte es dann nicht sein, dass sie über Irrwege in die falschen Schichten geraten waren? Vielleicht haben die Neandertaler lediglich imitiert, was ihnen die Neuankömmlinge aus Afrika vormachten. Anders gesagt: Indizien gab es immer wieder, aber der endgültige Beweis fehlte.

Durchlochte Muscheln
© Zilhão, J. et al.: Symbolic use of marine shells and mineral pigments by Iberian Neandertals. In: PNAS 107, S. 1023-1028, 2010, fig. 1
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Diese Muscheln der Art Acanthocardia tuberculata (Mitte oben) und Glycymeris insubrica wurden offenbar von Neandertalern verwendet: Die Löcher könnten ihnen geholfen haben, sie an einer Schnur aufzufädeln.
Diesen glauben João Zilhão von der University of Bristol und sein Forscherteam nun endlich geliefert zu haben. In zwei Höhlen im südöstlichen Spanien wollen sie tatsächlich original Neandertalerschmuck entdeckt haben: die Schalen schillernder und leuchtend roter Muscheln, denen immer noch Reste von rötlichen und gelben Farbpigmenten anhafteten.

Objekte, die wohl eindeutig als Schmuck identifiziert werden würden, wären sie in Lagerplätzen des modernen Menschen gefunden worden. Nur: Zilhãos Fund stammt aus einer Zeit, als noch kein Homo sapiens seinen Fuß auf den europäischen Kontinent gesetzt hatte. In der Höhle "Cueva de los Aviones" gibt es ausschließlich 50 000 Jahre altes Neandertalermaterial. Als "smoking gun" bezeichnete dementsprechend Zilhão seinen Fund gegenüber der BBC.

Wie es scheint, trugen die Neandertaler manche der Schmuckstücke an Schnüren um den Hals oder an der Kleidung, andere dienten wohl als Gefäß beim Anrühren der Farbpaste, ganz so, wie es später auch die modernen Menschen machten. Mit umfangreichen Vergleichsstudien schlossen die Wissenschaftler aus, dass die Farbstoffe durch Zufall an die Schalen gelangt waren und dass die Bohrlöcher, mit denen einige versehen waren, auf natürlichen Zerfall zurückgehen.

Als Basis für ihre Farben mixten die Neandertaler offenbar dieselben eisenhaltigen Mineralien wie die modernen Menschen – den später allgegenwärtigen Universalfarbstoff Ocker beziehungsweise dessen Bestandteile. Einigen Mixturen fügten die Neandertaler gemahlenen Hämatit und Pyrit zu, dessen pechschwarze Farbe der Paste möglicherweise einen besonderen Effekt verleihen sollte.

Große Jakobsmuschel mit Pigmentresten
© PNAS
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Eine eng begrenzte Anhäufung von Natrojarosit-Bröckchen – einem gelblichen Mineral, das auch die alten Ägypter in der Kosmetik verwendeten – deutet nach Meinung der Ausgräber darauf hin, dass hier ein mittlerweile verrotteter Beutel samt Inhalt in die Erde gelangt war. Sein Besitzer hatte offenbar einen kleinen Vorrat an Farbstoffen mit sich herumgetragen. Ein stilförmiger Pferdeknochen, den die Wissenschaftler ebenfalls entdeckten, diente ausweislich der Farbreste an seiner Spitze wohl als Gerät zum Auftragen.

Ein "schöner Beleg" sei der Fund des Teams um Zilhão, meint Ralf Schmitz, Neandertaler-Experte und Referent für Vorgeschichte vom Landschaftsverband Rheinland. Überrascht über die Ergebnisse sei er aber nicht: "Allein die Werkzeuge der Neandertaler sind so kompliziert und fein gearbeitet, dass es für mich keinen Grund gab, daran zu zweifeln, dass sie auch in der Lage waren, Schmuck herzustellen – auch schon in der Zeit vor dem Kontakt mit Homo sapiens." Der Neandertaler hatte einen "ausgeprägten Intellekt", sagt Schmitz: "Das waren hochintelligente Menschen."