Eigentlich sollte es ja schon längst vorliegen: das komplette Erbgut des Neandertalers. 2006 hatte die Arbeitsgruppe um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zeitgleich mit amerikanischen Konkurrenten immerhin schon erste Sequenzen des Neandertaler-Genoms vorgelegt. Sie sollten eine unter Anthropologen heiß diskutierte Frage klären: Hat sich Homo neanderthalensis mit seinem modernen Vetter, dem Homo sapiens, gekreuzt? Steckt also in uns ein genetisches Neandertaler-Erbe? Die vorsichtige Antwort: eher unwahrscheinlich.

Svante Pääbo
© MPI für evolutionäre Anthropologie
(Ausschnitt)
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In das gleiche Horn stieß zwei Jahre später Pääbos Institutskollege Richard Green, der die vollständige Sequenz des mitochondrialen Genoms (mtDNA) eines Neandertalers aus der kroatischen Vindija-Höhle präsentierte – also nicht das Erbgut aus dem Zellkern, sondern aus den Energie liefernden Mitochondrien der Zellen. Auch hier ließ sich eine enge Verwandtschaft der beiden Menschenarten nicht belegen.

Doch die genetische Analyse alter Knochen bleibt diffizil. Die uralte DNA zerfällt schnell, und die Forscher müssen höllisch aufpassen, dass sie die kostbaren Proben nicht mit ihrem eigenen Erbgut verunreinigen. Adrian Briggs, ebenfalls vom Leipziger MPI, hat nun mit weiteren Kollegen das genetische Handwerkszeug ausgebaut. Bei der von ihnen entwickelten PEC-Methode (primer extension capture) fischten die Forscher mittels so genannter Primer – DNA-Stücke, an denen die Verdopplung des genetischen Materials startet – anhand der bereits bekannten Neandertaler-Sequenzen die fossilen Schnipsel heraus und ließen eine DNA-Polymerase das Genmaterial vervielfältigen.

Vindija-Höhle
© Johannes Krause, MPI für evolutionäre Anthropologie
(Ausschnitt)
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Auf diese Weise gelang es, die 16 565 Basenpaare lange mtDNA von fünf Neandertalern nahezu vollständig zu rekonstruieren. Unter ihnen befand sich das berühmte Individuum, das vor 150 Jahren in der Kleinen Feldhofer Grotte im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt worden war. Ein weiterer Feldhofer sowie ein spanischer Neandertaler aus der Höhle El Sidron, ein russisches Exemplar aus der Mezmaiskaya-Höhle im nördlichen Kaukasus und ein etwas älteres Individuum aus der Vindija-Höhle gesellten sich dem bereits 2008 analysierten Kroaten hinzu. Alle sechs hatten vor 38 000 bis schätzungsweise 70 000 Jahren auf Erden gewandelt.

Die mtDNA der westeuropäischen Neandertaler ähnelte sich untereinander stark; nur das russische Individuum grenzte sich etwas ab. Ihr letzter gemeinsamer Vorfahr, so schätzen die Paläogenetiker, dürfte vor mehr als 100 000 Jahren gelebt haben. Obendrein gab es zwischen den Neandertaler-Variationen und den bei modernen Menschen auftretenden Typen keine Überschneidungen – eine Vermischung beider Menschenarten ist allein deshalb schon äußerst unwahrscheinlich.

Überraschender ist jedoch die zweite Interpretation der Forscher: Im Vergleich zu mtDNA-Proben von 53 heutigen Menschen aus aller Welt zeigten die Neandertaler mit im Schnitt lediglich 20 veränderten Basenpaaren nur ein Drittel der zu erwartenden Variationen in ihrem Mitochondrien-Erbgut. Auch als die Forscher nur Europäer als Referenz heranzogen, blieb das Bild gleich. Die etwa zeitgleich lebenden Neandertaler unterschieden sich überraschend wenig – obwohl das Neandertal und die Vindija-Höhle über 850 Kilometer voneinander entfernt liegen.

Der europäische Kontinent war damals also extrem dünn besiedelt. Da die Mitochondrien von der Mutter auf die Kinder übertragen werden, konnten die Forscher aus ihren mtDNA-Daten die weibliche Bevölkerungsdichte abschätzen. Demnach bewegte sie sich zwischen 268 bis 3510 Neandertalerfrauen – in ganz Europa wohlgemerkt.

Männer dürfte es nicht viel mehr gegeben haben. Allerdings handelt es sich hierbei lediglich um die effektive Populationsgröße, also um die Anzahl der Menschen, die sich fortpflanzten. Die Gesamtbevölkerung könnte bei etwa 70 000 gelegen haben.

Damit erscheinen die Spekulationen über gelegentliche Techtelmechtel zwischen modernen Menschen und Neandertalern in ganz neuem Licht. Die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Begegnung dürfte minimal gewesen sein. Doch warum gab es nur so wenige Ureuropäer?

Vielleicht waren die Neandertaler vor 40 000 Jahren schon auf dem absteigenden Ast. Und vielleicht hat ein aus Afrika kommender Eindringling, der sich zu dieser Zeit in Europa breit machte, das Leben der wenigen Einheimischen zusätzlich erschwert. Schließlich verschwanden sie ganz und überließen den Zugezogenen das Feld – unseren Vorfahren.