Es sind womöglich die ältesten bekannten Fossilien unserer Art. Und sie stammen von einem unerwarteten Ort: Marokko. Hier an einer Ausgrabungsstelle unweit des Atlantischen Ozeans haben Forscher Schädelteile und Kieferbruchstücke gefunden, die sehr frühen Angehörigen des Homo sapiens zuzurechnen sind.

Das Verblüffende an ihnen ist ihr Alter: Die meisten Forscher verlegen die Anfänge des modernen Menschen nach Ostafrika und datieren sie auf einen Zeitpunkt vor gut 200 000 Jahren. Doch mit einem Alter von rund 315 000 Jahren legen die neuen Funde nahe, dass Homo sapiens über 100 000 Jahre früher die Bühne betrat.

Allerdings bedeuten die Fossilien, die das Wissenschaftlerteam jetzt im Fachmagazin "Nature" vorstellt, nicht zwangsläufig, dass Homo sapiens in Nordafrika entstanden ist. Sie legen vielmehr nahe, dass die Anfänge unserer Art auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zu suchen sind.

"Bis jetzt war die übliche Sicht der Dinge, dass unsere Art wahrscheinlich ziemlich schnell irgendwo in einem 'Garten Eden' entstanden ist, der vermutlich im subsaharischen Afrika lag", sagt Jean-Jacques Hublin. Der Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ist einer der Autoren der nun veröffentlichten Studie. "Doch der afrikanische Garten Eden ist vermutlich ganz Afrika selbst – und riesengroß", meint der Forscher, der die jahrzehntelangen Untersuchungen am Fundort der Fossilien, dem marokkanischen Jebel Irhoud, teilweise selbst geleitet hat.

Ausgrabungen in Jebel Irhoud
© Shannon McPherron, MPI EVA Leipzig / Der Homo sapiens ist älter als gedacht/Pressemappe / CC BY-SA 2.0 CC BY-SA
(Ausschnitt)
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Als die frühen Menschen sich dort aufhielten, war der heutige Überhang eine Höhle. Doch durch Steinbrucharbeiten in den 1960er Jahren wurden Sedimente und die Decke entfernt.

Sein erstes Kennenlernen mit den Fossilien von Jebel Irhoud liegt lange in der Vergangenheit. Anfang der 1980er Jahre bekam er eins der rätselhaften Fundstücke zu Gesicht, den Unterkiefer eines Kindes. Später gesellten sich noch Schädelfragmente sowie Steinwerkzeuge und weitere Anzeichen für die Anwesenheit von Menschen dazu. Nur, diese Knochen "sahen viel zu primitiv aus, als dass sich Forscher einen Reim darauf machen konnten, also gab es jede Menge verrückter Erklärungen", so Hublin. So hieß es zum Beispiel, die Menschen von Jebel Irhoud seien nordafrikanische Neandertaler gewesen. Das Alter der Funde wurde damals auf 40 000 Jahre geschätzt.

Später kam die Hypothese auf, es könne sich um eine archaische Menschenform handeln, die hier ungewöhnlich lange überlebte, während ähnliche Gruppen andernorts längst vom modernen Homo sapiens verdrängt worden waren. Erst als dieser dann von jenseits der Sahara nach Nordafrika gewandert kam, starben auch sie aus. Denn nach wie vor gilt der Osten des Kontinents als Ursprungsgebiet unserer Spezies: Aus Äthiopien stammen zwei der ältesten Homo-sapiens-Fossilien. Sie sind 196 000 Jahre und 160 000 Jahre alt, was sich mit genetischen Untersuchungen deckt, denen zufolge der letzte gemeinsame Vorfahr aller heute lebenden Menschen vor rund 200 000 Jahren im östlichen Afrika lebte.

Verschüttete Fundstelle

Als Hublin in den 1990er Jahre dem Jebel Irhoud einen Besuch abstattete, fand er die ehemalige Ausgrabungsstätte verschüttet und unzugänglich vor. Erst im Jahr 2004, nach seiner Aufnahme in die Max-Planck-Gesellschaft, hatte er die finanziellen und zeitlichen Ressourcen für neue Untersuchungen. Sein Team mietete einen Traktor und einen Bulldozer und schaffte rund 200 Kubikmeter Gestein beiseite. Dann war der Zugang frei.

Ihr ursprüngliches Vorhaben bestand darin, die Fundstelle mit modernen Methoden einer genaueren Datierung zu unterziehen. Doch Ende der 2000er Jahre kam es anders als gedacht: Das Team förderte mehr als 20 menschliche Knochen, die zu mindestens fünf Individuen gehörten, ans Tageslicht. Darunter ein bemerkenswert gut erhaltener Kiefer, Schädelfragmente und Steinwerkzeuge. Eine Forschergruppe um Daniel Richter und Shannon McPherron, ebenfalls vom Leipziger MPI, hat nun zwei unabhängige Methoden eingesetzt, um das Alter dieser Überreste zu bestimmen: Die Funde sind viel älter, als die früheren Ausgrabungen vermuten ließen. Zwischen 280 000 und 350 000 Jahre ermittelten die MPI-Forscher.

"Homo sapiens war eine Art ohne Vergangenheit – bis jetzt" (María Martínon-Torres)

Angesichts der neuen Datierung – und der neuen Funde – ist Hublin nun davon überzeugt, dass es frühe moderne Menschen waren, die damals um den Jebel Irhoud lebten: "Solchen Gesichtern könnte man heute auch auf der Straße begegnen", erzählt er. Die Zähne sind zwar größer als bei uns heute, aber sie ähneln denen des Homo sapiens mehr als denen der Neandertaler oder anderen archaischen Menschengruppen. Die längliche Schädelform legt allerdings nahe, dass ihr Gehirn anders organisiert war als das des anatomisch modernen Menschen.

Den Wissenschaftlern liefert das Hinweise darauf, wie die Evolution unserer eigenen Linie im Stammbaum aller Menschen abgelaufen sein könnte. So scheint es, dass der Homo sapiens seine charakteristische Gesichtsform schon erworben hatte, noch bevor weit reichende Änderungen an Gehirn und Schädelkalotte auftraten. Mehr noch, der Merkmalsmix, den die Forscher in den Fossilien von Jebel Irhoud und ähnlichen Fundstellen erkennen, deutet darauf hin, dass unsere Art mehr als nur einen Ursprung hat und entscheidende Schritte in mehr als nur einer geografischen Region stattfanden.

"Wir glauben, dass sich die ersten, die ursprünglichsten Angehörigen unserer Art vor 300 000 Jahren rasch ausbreiteten und über ganz Afrika verteilten", erklärt Hublin. Zu jener Zeit war die Sahara fruchtbares Land, das von Flüssen durchzogen und mit Seen durchsetzt war. Hier grasten dieselben Tiere wie auch in der ostafrikanischen Savanne, darunter Gnus und Gazellen. Auch Löwen lebten in der Nähe des Jebel Irhoud. All das legt nahe, dass die beiden Regionen einst verbunden waren.

Wanderung durch die grüne Sahara

Ein solches frühes Auftauchen des eigentlichen Homo sapiens ergibt sich auch aus einer genetischen Studie, die Wissenschaftler kürzlich auf dem bioRxiv-Server veröffentlicht haben. Darin beschreiben Forscher um Mattias Jakobsson von der Universität Uppsala, wie sie das Genom eines Jungen sequenzierten, der vor 2000 Jahren in Südafrika lebte. Es ist erst das zweite Genom eines frühzeitlichen Menschen, das man aus dem subsaharischen Afrika kennt. Demnach spaltete sich die Linie der Vorfahren des Jungen von der Abstammungslinie einer heutigen afrikanischen Bevölkerungsgruppe vor gut 260 000 Jahren ab.

Auch Hublin und Kollegen haben den Versuch unternommen, aus den Skelettteilen von Jebel Irhoud DNA-Reste zu extrahieren. Allerdings ist es ihnen bislang nicht gelungen. Hätten sie Erfolg gehabt, wäre die Frage, ob es sich bei den Funden um Angehörige des modernen Homo sapiens handelte oder nicht, mutmaßlich viel einfacher zu beantworten gewesen.

So ist diese Einschätzung in Fachkreisen umstritten. Der Paläontologe Jeffrey Schwartz von der University of Pittsburgh hält die Funde zwar für wichtig und bedeutend, doch noch sei er nicht überzeugt davon, dass sie dem modernen Homo sapiens zuzurechnen seien. Schon zu viele, zu unterschiedliche Fossilien seien mit diesem Etikett versehen worden, dass es inzwischen immer schwerer werde, neue Funde sinnvoll einzuordnen und Szenarios zu entwickeln, wie unsere Art einst entstanden sein könnte.

"Obwohl der Homo sapiens so gut untersucht ist, wie keine andere Spezies, war er eine Art ohne Vergangenheit – zumindest bis jetzt", weiß María Martínon-Torres vom University College London. Aus unserer afrikanischen Frühzeit gibt es nur sehr wenige Fossilien. Dennoch sieht sie die Interpretation der Forscher um Hublin kritisch. Es würden die typischen Merkmale, die unsere Art anatomisch definieren, fehlen – etwa das markante Kinn und die hohe Stirn. Sie ist deswegen der Meinung, dass die Fossilien von Jebel Irhoud nicht als Homo sapiens bezeichnet werden sollten.

Chris Stringer, Paläoanthropologe vom National History Museum in London, der zu den jüngsten Entdeckungen einen Begleitkommentar verfasste, erzählt, wie ihn die Fossilien aus der marokkanischen Fundstelle verblüfft hatten, als er sie das erste Mal in den 1970er Jahren sah. Für ihn war klar, dass es sich nicht um Neandertaler handeln konnte, aber für Homo sapiens waren sie zu jung und in ihrem Aussehen zu archaisch. Jetzt, dank der neuen Knochenfunde und der Redatierung, stünden sie aus seiner Sicht eindeutig in der Abstammungslinie des Homo sapiens. "Sie heben Marokko als vermeintlichen Nebenschauplatz ins Rampenlicht der Menschwerdung", betont Stringer.

Für Hublin, der im benachbarten Algerien geboren wurde und das Land mit acht Jahren verließ, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, war die Rückkehr nach Nordafrika, zumal an eine Fundstelle, die ihn über Jahrzehnte nicht losließ, eine emotionale Erfahrung. "Mir kommt es so vor, als hätte ich eine persönliche Beziehung mit dieser Fundstelle", berichtet der Forscher. "Ich kann nicht behaupten, dass wir einen Schlussstrich gezogen haben. Aber dass eine lange Reise nun einen außergewöhnlichen Abschluss bekommen hat. Das kann ich selbst kaum glauben."

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Oldest Homo sapiens fossil claim rewrites our species' history" in "Nature".