Die meisten Menschen arbeiten gerne möglichst selbstbestimmt – ohne Regeln und Vorschriften. Und Arbeitgeber profitieren davon, weil autonome Mitarbeiter zufriedener und kreativer sind. Doch Freiräume lassen auch Raum für Schwindeleien, so das Ergebnis einer mehrteiligen Reihe von Feldstudien und Laborexperimenten, die Wissenschaftler aus Israel und den USA jetzt in der Fachzeitschrift "Journal of Experimental Social Psychology" schilderten.

Zunächst befragte das Team fast 400 Angestellte, die unter anderem in der IT, im Management, in Werbung und Verkauf verschiedener Organisationen in Israel arbeiteten. Die Probanden sollten beispielsweise angeben, in welchem Ausmaß sie in ihrem Job selbst darüber entscheiden können, wie und wann sie ihre Arbeit erledigten. Je weniger Regeln ihre Arbeit demnach unterlag, desto häufiger logen sie laut eigener Auskunft über ihre Arbeitszeiten oder führten im Büro private Telefonate. Das galt für beide Geschlechter, unabhängig von Alter, Bildungsgrad, Führungsposition und Unternehmensgröße sowie unabhängig davon, wie zufrieden die Befragten insgesamt in ihrem Job waren.

Wie man Probanden zum Schummeln verführt

Damit war allerdings noch unklar, ob ein Mehr an Autonomie tatsächlich zu unehrlichem Verhalten führen kann. Deshalb griffen die Forscher um Jackson Lu von der Columbia Business School in New York auf ein klassisches psychologisches Paradigma zurück: "Priming". Sie ließen dazu einen Teil ihrer Versuchspersonen – diesmal in den USA – aus durcheinandergewürfelten Wörtern Sätze rekonstruieren wie "Du kannst bei der Arbeit jederzeit Musik hören" oder "Du kannst eine Pause machen, wann du möchtest". Der Grad an Autonomie, den die Sätze beschrieben, variierte. Eine weitere Gruppe Probanden rekonstruierte lediglich neutrale Sätze wie "Es liegen Bücher auf dem Tisch". Zahlreiche Experimente zeigten in der Vergangenheit, dass sich Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln unbewusst in Richtung der vermittelten Konzepte beeinflussen lassen.

Danach sollten die mehr als 400 Probanden aus durcheinandergewürfelten Buchstaben Wörter bilden und hatten dabei die Möglichkeit zu schummeln: Sie sollten selbst angeben, wie viele dieser Anagramme sie lösen konnten. Tatsächlich war aber nur die Hälfte lösbar. Nach den Sätzen mit neutralem Thema oder geringer Autonomie schwindelten acht beziehungsweise neun Prozent der Teilnehmer. Die Zahl verdoppelte sich auf rund 19 Prozent, wenn per Priming eine Situation hoher Autonomie vermittelt wurde.

In einem anschließenden Experiment überprüften die Forscher, was die Sätze bei den Versuchspersonen auslösten, um die Wirkweise des Autonomie-Primings besser zu verstehen. Die Gefühlslage blieb demzufolge unverändert. Aber die Probanden glaubten daraufhin, weniger durch Regeln eingeschränkt zu sein, und sie schnitten bei einem Kreativitätstest besser ab, wenn die Sätze hohe Selbstbestimmtheit suggerierten.

"Autonomie ist ein zweischneidiges Schwert", schlussfolgern die Autoren. Sie vermittle das Gefühl, weniger Kontrolle unterworfen zu sein, und begünstige so betrügerisches Verhalten. Doch eine Eigenschaft wirke dem entgegen: Probanden, die selbstbestimmtes Arbeiten zu schätzen wissen, ließen sich davon seltener zu Lügen verleiten. Arbeitgeber können von der Kreativität autonomer Mitarbeiter demnach durchaus profitieren, ohne negative Folgen zu riskieren: indem sie jene Kandidaten einstellen, die großen Wert auf Freiräume legen.