Mitten in der Nacht fand die Krankenschwester May Lemke ihren blinden Adoptivsohn am Klavier. Er spielte Tschaikovskys Klavierkonzert Nr. 1. Leslie war mit schweren Hirnschäden auf die Welt gekommen, erst mit 12 Jahren lernte er das Stehen, mit 15 das Laufen. Er hatte nie Klavierunterricht bekommen, das Musikstück nur ein einziges Mal gehört, aber in jener Nacht spielte er es fehlerfrei.

Besser Zeichnen durch TMS?
© Allan Snyder
(Ausschnitt)
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Kim Peek lernte im Alter von 16 Monaten zu lesen. Heute "scannt" der 56-Jährige jede Doppelseite eines Sachbuchs innerhalb von acht Sekunden und kann den Inhalt zu 98 Prozent akkurat wiedergeben. Er kennt alle Vorwahlen und Postleitzahlen in den USA, ist ein lebender Routenplaner, nennt zu jedem Datum auf Zuruf den Wochentag. Dieser Mann ist etwas Besonderes, ein Genie, ein "Superhirn". Er kann sich weder selbst die Zähne putzen, noch das Hemd zuknöpfen. Sein IQ wurde als deutlich unterdurchschnittlich bestimmt.

Beeinträchtigte Gelehrte

Menschen wie Leslie Lemke und Kim Peek, die in begrenzten Teilbereichen Unglaubliches leisten, werden "Inselbegabte" oder "Savants" (französisch: Gelehrte) genannt. Viele von ihnen gelten als "geistig behindert" oder "intellektuell beeinträchtigt". Trotz ihrer Behinderung stellen viele Savants die "Gesunden" durch ihre erstaunliche Begabungen in den Schatten. Nur etwa 100 dieser außergewöhnlichen Savants sind weltweit bekannt, bei der Hälfte diagnostizierten Ärzte eine autistische Störung.

Im eigenen Kopf gefangen, geistig behindert und doch Genies – Forscher wie Darold Treffert von der Wisconsin Medical Society rätseln, was in den Gehirnen der Inselbegabten vorgeht. Als einer der führenden Experten in Sachen Savant-Forschung glaubt er, dass diese außergewöhnlichen Fähigkeiten angeboren seien. Ja sogar, dass wir alle diese Talente besitzen, nur keinen Zugriff auf dieses Wissen haben. Verantwortlich dafür sei eine "Filterfunktion" des gesunden Gehirns, die unwichtige Informationen ausblendet.

Für die Existenz eines solchen Filters spräche die Tatsache, dass in seltenen Fällen eine Kopfverletzung plötzlich eine Inselbegabung auslösen kann.
"Savant-Fähigkeiten sind angeboren, liegen aber normalerweise jenseits unseres bewussten Zugriffs"
(Allan Snyder)
So erinnert sich zum Beispiel Orlando Serrel bis ins Detail an jeden Tag seines Lebens, seit er als Zehnjähriger von einem Baseball am Kopf getroffen wurde und vom "Normalo" zum Mann mit dem Supergedächtnis wurde.

Aber möchte man am eigenen Leib ausprobieren, ob man durch einen Schlag auf den Kopf die vollkommene Erinnerung erhält? Mit sanfteren Methoden arbeitete Allan Snyder von der University of Sidney. Er glaubt wie Treffert, "dass alle Savant-Fähigkeiten angeboren sind, aber normalerweise jenseits unseres bewussten Zugriffs liegen".

Mit Technik zum Künstler

Um diesen Zugriff doch zu ermöglichen und damit den schlummernden Gelehrten in uns zu wecken, versucht er, die Filterfunktion unseres Denkorgans auszuschalten. Mit Hilfe von transkranieller Magnetstimulation (TMS) legte er bestimmte Hirnregionen von gesunden Testpersonen kurzfristig lahm.

Kim Peek
© Darold Treffert
(Ausschnitt)
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Zum Test ihrer Fähigkeiten ließ er die Probanden unter anderem Zeichnungen anfertigen. Erstaunlicherweise erzielten sie nach einigen Minuten tatsächlich bessere Ergebnisse als vor und zu Beginn des Tests: Als sie gebeten wurden, einen Hund aus dem Gedächtnis zu zeichnen, folgten auf die anfangs hingekritzelten Strichtierchen bald naturgetreuere Abbilder. Auch das Zeichentalent in Kombination mit einem nahezu fotografischen Gedächtnis findet sich bei einigen Savants, wie zum Beispiel bei Stephen Wiltshire, der jede Landschaft detailgetreu zeichnet, selbst wenn er sie nur einmal gesehen hat.

Was beweist dieser Versuch? Schlummert in jedem von uns das Potenzial zu einem solchen fotografischen Gedächtnis und Zeichentalent? Werden wir irgendwann nur einen Spezialhelm mit Magnetstimulator aufsetzen müssen, um von "Hirn" auf "Superhirn" umzuschalten?

Datensucht

Marc Thioux von der Universität Groningen würde widersprechen. Er und seine Kollegen sind seit Jahren dem Geheimnis der Kalenderrechner auf der Spur, also den Methoden derjenigen Savants, die zu fast jedem Datum binnen Sekundenbruchteilen den jeweiligen Wochentag nennen können. Er meint, dass dieses Wissen nicht verborgen in uns schlummert, sondern auch von Savants erlernt und trainiert werden muss.

"Ich denke, es beginnt mit einem Interesse daran, sich einzelne Daten zu merken", erklärt Thioux.
"Ein erstes Interesse wird schnell zu einer Sucht nach Daten"
(Marc Thioux)
"Dieses Interesse verwandelt sich in eine Art Sucht nach Daten. Sie beginnen, viele Datum-Wochentag- Beziehungen auswendig zu lernen, so wie wir Multiplikationstabellen in der Schule gelernt haben."

Die Menge der so erlernten Daten reicht von 500 bis zu 5000. Am sichersten bewegen sich die Kalenderrechner oft innerhalb ihrer eigenen Lebensspanne, vermutlich weil sie am ehesten für diesen Zeitraum auf Kalender zugreifen können. Mit Hilfe einiger grundlegender Rechenregeln vermögen sie sich nach einer Weile auch Daten zu erschließen, zu denen sie keinen Zugang hatten.

Ein Jahr – ausgenommen Schaltjahre – ergibt sich beispielsweise aus 52 Wochen plus einem Tag. Wenn also in einem Jahr der 13. März auf einen Freitag fällt, wird er im nächsten Jahr ein Samstag sein. Bei der intensiven Beschäftigung mit Kalendern fallen weitere Muster auf. So wiederholen sich zum Beispiel innerhalb eines Jahrhunderts die Kalender alle 28 Jahre. Mit Hilfe dieser und einiger weiterer Regeln vermögen geübte Kalender-Savants, vermutlich von einigen auswendig gelernten "Ankerdaten" ausgehend, den Wochentag zu jedem beliebigen Datum zu errechnen.

Ein fotografisches Gedächtnis oder blitzschnelles Rechnen, vielleicht auch beides in Kombination – Theorien über die Methoden der Kalenderrechner gibt es viele. Bewiesen ist keine, zumal die Herangehensweise wahrscheinlich von Savant zu Savant variiert. Eventuell könnte jeder von uns ein Kalender-Savant werden, wenn wir geduldig Daten pauken und das Kopfrechnen trainieren würden.

Aber auch wenn sie ihre Fähigkeiten üben müssen, so scheint das Lernen den Inselbegabten doch erstaunlich leicht zu fallen. Derzeit wird angenommen, dass dem Denkorgan der Savants die zuvor erwähnte Filterfunktion fehlt, welche unwichtige Informationen ausblendet.
"Savants haben einen leichteren Zugriff auf das Vorbewusste"
(Gerhard Roth)
Das Fehlen des Filters gewährt ihnen "einen leichteren Zugriff auf das Vorbewusste, das heißt auf das, was im Gedächtnis abgelegt, aber aktuell nicht bewusst ist", wie Gerhard Roth von der Universität Bremen erklärt. "Man kann davon ausgehen, dass Gehirne von Personen mit einem 'abnormen Gedächtnis' alle Informationen, die überhaupt abgespeichert werden, fehlerhaft so abspeichern, als seien sie alle gleichermaßen 'erinnerungswürdig'."

Erinnerungswürdigkeit in Form von Interesse an einem Teilbereich ist allerdings auch bei den Inselbegabten Voraussetzung dafür, dass sich ein Talent ausprägt. So hätte auch Leslie Lemke nicht das Klavierspielen begonnen, wenn ihn die klaren Strukturen der Musik nicht derart fasziniert hätten.

Obsession für Töne

Weder der fehlende Filter im Gehirn, noch ein Trainingseffekt erklären jedoch, wie er ein Musikstück nach einmaligem Hören perfekt spielen kann, ohne je Klavierunterricht erhalten zu haben. Eine unglaubliche Gedächtnisleistung ist es ohne Zweifel, merkt er sich doch nicht nur, wo auf dem Klavier welcher Ton angeschlagen werden muss, sondern auch gleich die Reihenfolge, Länge und relative Lautstärke aller Töne kompletter Klavierkonzerte.

Ein außergewöhnliches Gehör ist bei Blinden durchaus verbreitet. Und eine Faszination für die Musik, die ebenso wie die Kalender gewissen Regeln unterliegt und festen Strukturen folgt, könnte sich durchaus in eine Obsession für das Auswendiglernen von Tonabfolgen und Harmonien entwickelt haben. Vielleicht schon lange bevor er sich das erste Mal ans Klavier setzte.

Ebenso wäre es vorstellbar, dass – ähnlich wie andere Sinne den Verlust des Augenlichts kompensieren – das Gehirn mancher Autisten seine Arbeitsweise umstellt, um Defizite auszugleichen. So wird zum Beispiel vermutet, dass das Gehirn von Kim Peek, dem der Corpus callosum als Verbindung zwischen den Hirnhälften fehlt, als eine Einheit funktioniert, quasi als eine einzige große Hemisphäre.

Das Gehirn von Peek ist wohl das am häufigsten durchleuchtete und diskutierte der Welt; was genau es zum "Superhirn" macht, bleibt weiterhin ein Rätsel. Weder unermüdliches Training noch die Theorie über den Filter im Kopf, der den Zugriff auf einen großen Teil des uns eigenen Wissens behindert, liefern eine befriedigende Erklärung für alle bekannten Savant-Phänomene.

Unglaublich und daher eher unwahrscheinlich erscheint Darold Trefferts Behauptung, das Wissen eines Leslie Lemke um Musik wäre angeboren und nicht erlernt. So schön die Vorstellung auch wäre, durch Allan Snyders Magnetstimulationstechnik ein zweiter Liszt oder da Vinci zu werden, ohne jemals üben zu müssen: Wenig beneidenswert bleibt das Problem der tatsächlichen Inselbegabten, mit dem Gedankenchaos im Kopf leben zu müssen, das Alltägliches wie Zähneputzen scheitern lässt.