Wäre das Japanische Mövchen im schallisolierten Raum der Universität von Kalifornien in San Francisco ein gefeierter Tenor, es würde sich lautstark über die Übungsbedingungen beschweren. Denn kaum beginnt der braun-weiß gefiederte Geselle zu zwitschern, ertönt ein monotones Rauschen, das jede Überprüfung der eigenen Sangeskünste im Keim erstickt. Kein Künstler kann so arbeiten.

Prachtfink <i>Lonchura striata domestica</i>
© Cara Hampton
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernPrachtfink Lonchura striata domestica
Doch halt – ein elf Zentimeter großer Singvogel als Künstler? Der domestizierte Prachtfink beherrscht doch nur ein einziges Lied – und selbst das bleibt nach der Lernphase in der Jugend Zeit seines Lebens gleich. Dennoch sind die Neurobiologen Evren Tumer und Michael Brainard von der Universität von Kalifornien in San Francisco überzeugt, dass sie es mit einem Meister der Sangeskunst zu tun haben. Und genau jenes Rauschen, mit dem sie das Japanischen Mövchen beschallen, dient ihnen als Beweis.

Mit ihm wollen sie dem Vogel das Singen erschweren. Denn frühere Studien haben gezeigt, dass das Japanische Mövchen (Lonchura striata var. domestica) sein Gesangsrepertoire bei jedem Stimmeinsatz kaum merklich variiert. Solche winzigen Variationen eigentlich festgelegter Tonabfolgen finden sich bei vielen Singvögeln. Doch der Hintergrund der Modulationen war bislang ungeklärt. Haben die Tiere möglicherweise nicht genügend Kontrolle über ihre Stimmbänder, können sie also schlicht den Ton nicht halten? Oder haben die Variationen eine andere Bewandtnis?

Die beiden Neurobiologen nahmen die Sangeskünste von elf Japanischen Mövchen auf Band auf und analysierten die Tonfolgen der jeweiligen Lieder. Anschließend ließen sie die Prachtfinken einzeln vorsingen – und spielten ihnen wiederholt bei ausgewählten Tonsequenzen das Rauschen vor. Die Finken konnten dadurch während der jeweiligen Episode den eigenen Gesang nicht mehr hören. Doch es gab einen Ausweg: Wenn die Tiere die Tonhöhe ihres Liedes variierten, hörte das Rauschen auf.

Prachtfinken
© Cara Hampton
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernPrachtfinken
Bereits nach sieben Stunden hatte über die Hälfte der Finken diesen Zusammenhang erkannt – und den eigenen Gesang entsprechend variiert. Und zwar genau abgestimmt: Die Vögel änderten nur jene Stelle, an der das weiße Rauschen ihre Sangeskünste direkt störte. Alle anderen Passagen trällerten sie wie gehabt. Nach drei Tagen hatten alle elf Probanden so ihr Liedgut angepasst – und konnten wieder ungestört von Fremdgeräuschen pfeifen und zirpen.

Per Versuch und Irrtum hatten die Tiere also ihre Sangeskünste gezielt verändert. Das macht es wahrscheinlich, dass auch die natürlichen Variationen keine bloßen Misstöne sind, sondern bewusst und präzise verursacht werden. Die Forscher vermuten, dass die Tiere sich so fit halten, um im Notfall ihren Gesang ohne große Mühen ändern zu können.

Doch auch wenn die beiden Forscher die Vögel bei ihren Versuchen zu weit greifenden Änderungen in ihren Liedern bewegen konnten – besonders begeistert von der neumodischen Musik zeigten sich die Japanischen Mövchen nicht. Kaum hatten die Wissenschaftler das Rauschen endgültig abgestellt, kehrten die Vögel zu ihrem alten Lied zurück. So lange sie ihren Gesang nicht ändern müssen, trällern sie doch lieber traditionsbewusst.