Herr Professor Brugger, wenn heute Freitag, der 13. wäre, was würden Sie tun?

Das würde mich nicht wahnsinnig erschüttern, denn dieses Datum kommt ja häufiger vor.

Wieso glauben manche Menschen, dass die Zahl 13 Unglück bringt?

Woher dieser Aberglaube stammt, weiß ich nicht genau; ich vermute, aus Frankreich. Wenn jedoch so etwas erst einmal kulturell etabliert ist, dann beobachten sich einige Leute anders. Sie haben Angst davor, dass an einem solchen Tag etwas passieren könnte. Und wenn dann tatsächlich etwas Ungewöhnliches geschieht, fällt es ihnen besonders auf – und sie glauben, etwas Magisches könnte im Spiel sein.

Warum sind so viele Menschen abergläubisch?

Peter Brugger
© Fotostudio Markus Weber
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernPeter Brugger

Ich erforsche ja eine moderne Form des Aberglaubens, den Glauben an paranormale Phänomene wie Telepathie oder Hellsehen. Hier kommt ein universelles Merkmal des Menschen zum Tragen: Wir erahnen Bedeutsames in zufälligen Begebenheiten, und wenn zusätzlich noch Angst mitspielt, vermuten wir schnell eine negative Beeinflussung. Dieser Glaube ans Paranormale ist in den letzten Jahren wieder sehr populär geworden. Das war auch schon einmal während der 1970er Jahre der Fall, danach hat es sich aber wieder ein bisschen gelegt. Und jetzt kommt eben eine neue Welle. So ist die Mehrheit der US-Bürger davon überzeugt, dass es paranormale Phänomene gibt. Das finde ich sehr besorgniserregend.

Was unterscheidet Menschen, die an Übersinnliches glauben, von Skeptikern?

Ich bin selbst ein konvertierter Gläubiger. Ich habe sogar mein Biologiestudium begonnen, um diesen Phänomenen nüchtern auf den Grund zu gehen. Ich habe mir Experimente ausgedacht, um herauszufinden, wie bei einer Gedankenübertragung die Information von einem Gehirn ins andere gelangt. Daher begann ich zu würfeln. Probanden in einem Nebenraum sollten herausfinden, welche Augenzahl oben lag. Vorher habe ich sie gefragt, ob sie an Übersinnliches glauben oder selbst schon seltsame Phänomene erlebt hätten. Dabei ist mir aufgefallen: Menschen mit einem Hang zum Paranormalen haben quasi einen anderen Würfel im Kopf als Skeptiker. Sie wagen es kaum, zweimal oder gar dreimal hintereinander die gleiche Zahl zu wählen – obwohl das natürlich genauso wahrscheinlich ist wie jede andere Zahlenfolge. Ihr innerer Zufallsgenerator arbeitet also sehr restriktiv und ist weit weg vom echten Würfel. Das fand ich so interessant, dass ich meine Forschung ganz neu ausrichtete. Ich untersuchte plötzlich nicht mehr die Phänomene selbst, sondern den Glauben an sie.

Sie haben dabei auch gezeigt, dass Menschen, die zum Glauben an übersinnliche Phänomene neigen, eine Rechtsdominanz der Hirnhälften aufweisen.

Ja, das kam aber erst sehr viel später ins Spiel. Wir hatten zunächst geschaut, wie sich das Konzept "Zufall" bei einzelnen Personen unterscheidet. Und so kamen wir auch auf das Thema Sprache. Man weiß ja, dass die linke Hemisphäre bei Rechtshändern sprachdominant ist, sie hat also beim Sprachverständnis einen Vorteil. Wir konnten in einigen Versuchen zeigen, dass diese Dominanz der linken Hemisphäre nur bei Probanden, die nicht an das Paranormale glauben, so ausgeprägt auftritt. Gläubige verarbeiten dagegen Sprache mehr oder weniger gleich stark mit beiden Hemisphären. Das war der erste Hinweis, dass der Glaube an das Paranormale etwas mit der Arbeitsteilung zwischen linker und rechter Hirnhälfte zu tun haben könnte (Anm. d. Red.: siehe GuG 3/2007, S. 38).

Was bewirkt diese unterschiedliche Hemisphärendominanz?

Es gibt Leute, die können munter drauflosassoziieren und kommen so vom Hölzchen aufs Stöckchen. Das geht ihnen offenbar leicht von der Hand – und an diesem Assoziationsreichtum ist nachweislich die rechte Hirnhälfte stärker beteiligt. Dabei müssen so produzierte Ideen nicht immer richtig sein. Nehmen wir ein Beispiel: Ich sehe eine alte Dame auf der Straße, die zufällig meiner verstorbenen Großmutter ähnlich sieht, und ich sage: "Jetzt hat die Oma sicher an mich gedacht." Dieser Gedanke mag einem Skeptiker fernliegen, schießt aber dem Gläubigen schnell in den Kopf, weil seine rechte Hirnhälfte sich da weniger zurückhalten kann. Wahn und Kreativität haben hier einen gemeinsamen Ursprung im Gehirn. Freies Assoziieren hat nämlich durchaus seine Vorzüge. Wenn Sie beim Wort "Bank" nicht nur an eine Sitzgelegenheit denken, sondern auch an ein Geldinstitut und von hier aus übers Geld zur Münze kommen, stehen Ihnen viele Wege offen. Diese Fantasie brauchen Sie beispielsweise auch in der Wissenschaft.

Sind abergläubische Menschen verrückt?

Aberglaube sollte man auf keinen Fall pathologisieren! Abergläubische zeigen jedoch einen Grad an Verrücktheit, der Skeptikern fehlt. Man kann die Ähnlichkeit im Denken zwischen paranormal Gläubigen – kurz gesagt Esoterikern – und psychotisch veranlagten Menschen nicht leugnen. Wahn beruht wahrscheinlich auf den gleichen neurologischen Grundlagen wie Aberglaube und paranormale Gedanken. Einerseits sind Skeptiker zwar gut davor geschützt, in eine Psychose abzudriften. Andererseits tun sie sich aber auch schwerer, originelle Beiträge etwa in der Wissenschaft zu leisten, denn sie assoziieren eher entlang stereotyper Bahnen.

Besondere Kreativität resultiert also aus der Neigung, an Übersinnliches zu glauben. Gibt es weitere Vorteile?

Als einzigen selektiven Vorteil sehe ich wirklich nur das Potenzial, fixe Denkmuster zu durchbrechen – also freier zu denken. Denn Kreativität bedeutet, ausgetretene Pfade zu verlassen. Man kann sich natürlich fragen: Wieso hat Aberglaube in der Evolution überlebt? Warum stirbt er nicht einfach aus? Wir werden ja immer klüger und kennen die Mechanismen hinter vielen Phänomenen. Ich vermute, alle Nachteile des Glaubens ans Paranormale werden wettgemacht durch die Möglichkeit, irgendwann etwas zu finden, was anderen verborgen bleibt.

Skeptiker sind davor geschützt, in eine Psychose abzudriften – sie tun sich aber auch schwer, originelle Beiträge zur Wissenschaft zu leisten

Richard Wiseman hat Ihre Forschung als "Grundlage für eine vereinheitlichende Theorie für den Glauben an Übersinnliches" bezeichnet. Was halten Sie davon?

Das schmeichelt mir natürlich. Meine Forschung wurde lange als Luxuswissenschaft abgetan, deren Bedeutung nicht recht erkannt wurde. Richard Wiseman interessiert sich selbst für die psychologischen Grundlagen des Glaubens an das Paranormale. Er hat etwas näher hingeschaut und weiß daher wohl meine Arbeiten zu schätzen. Hinzu kommt, dass Neurowissenschaftler schlechte Erfahrungen gemacht haben, wenn in der Persönlichkeitsforschung von linker und rechter Hirnhälfte gesprochen wird. In den letzten Jahren hieß es oft plakativ: "Du bist ein Linkshemisphärentyp – du bist ein Rechtshemisphärentyp." Als ich nun auch von Hemisphären sprach, hatte ich große Mühe, gehört zu werden. Aber wir konnten zeigen, dass da wirklich etwas dran ist.

Sie sprachen bereits vom Zufall. Nehmen wir ein Beispiel, das wahrscheinlich etliche schon einmal erlebt haben: Ich denke an eine bestimmte Person – und just in diesem Moment ruft sie mich an. Viele Menschen sagen: "Das kann doch kein Zufall sein!" Was entgegnen Sie ihnen?

Das höre ich tatsächlich häufig. Die Krux an der Sache ist: Ich kann grundsätzlich nicht beweisen, dass etwas auf Zufall beruht. Ich kann nur ein Muster nachweisen, eine Regelmäßigkeit, die über den puren Zufall hinausgeht. Den Zufall per se können wir ja nicht einmal wahrnehmen. Wir können nur das wahrnehmen, was in die Augen sticht, was sich vom Rauschen im Hintergrund – vom Zufall – abhebt. Ich kann ja auch nicht beweisen, dass es Gott nicht gibt. Ich könnte höchstens Beobachtungen auflisten, die dafür sprechen, dass es Gott oder das Nichtzufällige oder das Paranormale geben könnte. Die Wissenschaft hat hier ihre Grenzen. Das frustriert mich natürlich ein wenig, macht aber auch den besonderen Reiz aus.

Was unterscheidet den Glauben an Übersinnliches vom Glauben an Gott?

Ein für unsere Forschung in Zürich ganz wesentlicher Unterschied ist: Der Glaube ans Übersinnliche hat immer mit Zufall zu tun. Die meisten Phänomene, die Sie auf dem "Esomarkt", aber auch in der Parapsychologie finden – Telepathie, Hellsehen, Psychokinese, Präkognition, Prophetie –, werden getriggert durch so genannte Koinzidenzen, also scheinbar sinnvolle Zufälle. Dieses Element des Überzufälligen finden wir in der Religion so nicht. Abgesehen vielleicht vom Kreationismus, der argumentiert: "Eine Evolution kann nicht funktionieren, weil da so viele Zufälle im Spiel sind – da muss eine schöpferische Kraft geholfen haben!" Aber sonst hat das Religiöse mit Zufall so direkt nichts zu tun. Und deswegen haben wir uns auf die Untersuchung des paranormalen Glaubens beschränkt, weil es hier ganz präzise wissenschaftliche Paradigmen gibt, wie man das Denken untersuchen kann.

Aus Gehirn und Geist 12/2012 <br><a href="http://www.spektrum.de/artikel/1064048" target="_blank">Kostenloses Probeheft</a>
© Spektrum AGB
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAus Gehirn und Geist 12/2012
Kostenloses Probeheft

Sind Sie selbst religiös?

Nein, bin ich nicht.

Sie haben schon angedeutet, dass Sie sich vom Gläubigen zum Skeptiker gewandelt haben. Wie kam es dazu?

Ich war früher absolut davon überzeugt, dass es Dinge wie Telepathie oder Hellsehen gibt. Warum, weiß ich nicht. Mich haben aber auch die Argumente der gegnerischen Seite interessiert, die Kontroversen. Hier liegen ja Welten zwischen den Gläubigen auf der einen Seite und den hartgesottenen Skeptikern auf der anderen. Das hab ich schon zu Hause in heißen Diskussionen am Familientisch erlebt, denn meine acht Jahre ältere Schwester hat theoretische Physik studiert und meine paranormalen Vorlieben immer ein bisschen belächelt. Dinge, die nicht ganz klar sind, habe ich besonders gemocht – und ich wollte das aufklären.

Skeptiker wie Sie werden auch Reduktionisten genannt. Kränkt Sie das?

Nein, aber ich sehe mich auch nicht so wahnsinnig reduktionistisch. Ich behaupte ja nicht: "Alles findet nur im Gehirn statt, und die rechte Hemisphäre ist für den Glauben verantwortlich." Ich sehe hier schon die riesige Komplexität – einerseits auf neuronaler Ebene, andererseits auf kultureller. Neben Fragen nach den neuronalen Grundlagen des Glaubens beschäftigt sich meine Arbeitsgruppe viel mit den Schnittstellen zwischen Gehirn und Kultur. Etliche neuropsychologische Experimente, die in Westeuropa durchgeführt wurden, zeigen andere Resultate, wenn sie mit arabischen oder hebräischen Versuchspersonen wiederholt werden. Offensichtlich beeinflusst unsere Kultur – vor allem eben die Schreib- und Leserichtung – auch Verhaltensweisen, die wir bisher rein biologisch oder neurologisch erklärt haben. Da ergeben sich natürlich spannende Kontroversen unter Vertretern der Sozial- und Neurowissenschaften. Ich plädiere also nicht dafür, alles nur mit Hinweis aufs Gehirn zu erklären und Verhalten auf rein neuronale Prozesse zu reduzieren.

Angesichts Ihres Werdegangs könnte man Sie als "Konvertiten" bezeichnen. Die sind oft besonders radikal. Möchten Sie den Aberglauben bekämpfen?

Ich habe durchaus meine kämpferischen Phasen. Zurzeit mache ich zusammen mit dem Schweizer Fernsehen ein Projekt, bei dem wir "Medien" entlarven – also Menschen, die mit angeblich seherischen Fähigkeiten Geld verdienen. Gerade gestern hat es mich auf die Palme gebracht, wie jemand das Unwissen der Leute ausnutzt. Da gehe ich schon auf die Barrikaden. Ich denke, wir können Menschen am besten vor Scharlatanen bewahren, indem wir deren Tricks bloßlegen. Aber im Übrigen ist meine Einstellung zur Gläubigkeit eher offen. Ich glaube, wir brauchen wildes Assoziieren, wir brauchen eine Parapsychologie, die manchmal etwas überschießend schlussfolgert. Wir brauchen sie als eine Art Advocatus Diaboli, um Axiome, die als "letzte Wahrheit" gesehen werden, zu hinterfragen.

Haben Sie schon einmal einen Gläubigen zum Skeptiker bekehrt?

Warnzeichen im Kaffee?
© Spektrum der Wissenschaft / Daniela Leitner
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernWarnzeichen im Kaffee?

Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein Prozess, den ich natürlich nicht genau steuern kann. Aber ich glaube schon, dass ich etliche Studenten oder Doktoranden, die eher esoterisch veranlagt waren, sozusagen bekehrt habe.

Sind Sie für Ihre Überzeugungen auch angefeindet worden?

Ja, sicher. Wer wird das nicht, wenn er eine Meinung vertritt, die nicht von allen geteilt wird? Aber ich kann mich darüber nicht beklagen. Der Physiker Niels Bohr soll einmal wegen eines Hufeisens über seiner Tür von einem Kollegen angeraunzt worden sein: "Glauben Sie etwa daran?" Und Bohr soll geantwortet haben: "Selbstverständlich nicht. Aber ich habe gehört, es soll auch funktionieren, wenn man nicht daran glaubt."

Teilen Sie diese Einschätzung?

Das führt uns in die Gefilde der Placeboforschung – ein spannendes Thema und ebenfalls noch nicht vollständig verstanden: Wie kann ein Placebo helfen, wenn man weiß, dass man nur eine Zuckerpille schluckt? Da ist die Macht des Glaubens wieder sehr präsent.

Die Anekdote zielt auch ein bisschen auf den Zwiespalt, dass selbst Naturwissenschaftler nicht vor einem gewissen Hang zum Aberglauben gefeit sind. Handeln Sie selbst manchmal abergläubisch?

Wenn ich über den Gehsteig laufe, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich denke: "Jetzt muss ich den nächsten Laternenpfahl erreichen, bevor mich das Auto da hinten überholt." Ich glaube natürlich nicht, dass die Welt untergeht, falls ich das nicht schaffe. Aber im Ansatz ist es wie Aberglaube, auch wenn ich das nur spielerisch mache. Ein anderes Beispiel für meinen eigenen Hang zum paranormalen Denken fällt mir nicht ein – da müssten Sie wohl Menschen aus meinem Umfeld befragen. Selbst merkt man so etwas ja oft gar nicht.

Wenn Sie auf Ihre Forschung zur Parapsychologie zurückblicken: Was ist die wichtigste Lehre, die Sie daraus gezogen haben?

Die wichtigste Lehre für mich als Wissenschaftler ist: Wir müssen aufpassen, nicht zu sehr in Axiomen zu denken. Ich habe ja wirklich die Lager gewechselt. Daher finde ich es ganz wichtig, empirische Forschung zu betreiben und dabei nie zu glauben: "Jetzt hab ich das Ultimative herausgefunden. Wir brauchen nur noch ein paar Details, und dann haben wir alles im Griff." Man sollte immer offen sein für alles, was noch kommen kann. Ich halte es für ganz wichtig, meinen Studenten die nötige Offenheit mit auf den Weg zu geben.