Eigentlich hätte Joachim Burger es gleich wissen müssen. Für die heftigen Bauchschmerzen seines zehnjährigen Sohnes war nicht ein Leistenbruch verantwortlich, wie er zuerst annahm, sondern eine Laktoseintoleranz. "Auf einmal war es aus mit der Milch, obwohl der Junge vorher jeden Tag einen Liter davon getrunken hatte", sagt Burger. Als Leiter der Arbeitsgruppe Paläogenetik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz beschäftigt sich der Anthropologe auch beruflich mit dem Thema. Im internationalen Projekt "LeCHE" erforscht er mit anderen Wissenschaftlern das Phänomen der Laktasepersistenz. Dabei geht es um die vor rund 8000 Jahren innerhalb der europäischen Bevölkerung zum ersten Mal aufgetretene Genvariante, die es auch Erwachsenen ermöglicht, Milchzucker zu verdauen.

Brot und Käse
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Für viele Menschen sind Brot und Käse eine Delikatesse – und für manche eine Heimsuchung, weil sie von Laktoseintoleranz oder Zöliakie geplagt werden: Sie vertragen den Milchzucker oder das Gluten aus dem Getreide nicht. Wie viele Personen allerdings tatsächlich von den Unverträglichkeiten betroffen sind, weiß man nicht.

Bei etwa 15 bis 35 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ist das jedoch nicht der Fall – sie sind (wie die Mehrheit der Weltbevölkerung) laktoseintolerant. Je nachdem, wie hoch die Restfunktion des Verdauungsenzyms noch ist, können Milchprodukte mehr oder weniger vertragen werden. Der Sohn von Joachim Burger trinkt jetzt laktosefreie Milch, die zwar geschmacklich etwas gewöhnungsbedürftig sei, ihm aber gut bekomme, sagt Burger.

Wer im Supermarkt heute nach laktosefreien Produkten sucht, wird schnell fündig. Auch glutenfreie und andere "Frei-von"-Lebensmittel werden dem "ernährungssensiblen" Kunden angepriesen. "Für Menschen, die darauf angewiesen sind, sind diese Produkte ein Segen, für die Normalverbraucher aber überflüssig", sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) [3].

Oft unnötige Einschränkungen

Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung wurden in Deutschland im letzten Jahr mit mehr als 100 000 Tonnen dreimal so viele laktosefreie Produkte verkauft wie noch im Jahr 2008. "80 Prozent der Käufer haben allerdings keine Laktoseintoleranz", sagt Restemeyer. Wenn Menschen sich jedoch ohne Grund gewisser Nahrungsmittel enthalten, wird ihr Speiseplan unnötig stark eingeschränkt. "Wer beispielsweise einfach auf sämtliche Milchprodukte verzichtet, ohne dass eine Laktoseintoleranz nachgewiesen ist, riskiert womöglich eine Unterversorgung mit Kalzium", gibt die Ökotrophologin von der DGE zu bedenken. Auf der sicheren Seite sei, wer bei einem Verdacht den Arzt aufsuche, der mit Blut- und/oder Atemtests feststellen könne, ob eine Laktoseintoleranz vorliegt.

Ein Facharzt, auf den man dann treffen könnte, ist Martin Raithel vom Universitätsklinikum Erlangen. Der Gastroenterologe und Endoskopiker untersuchte in den letzten Jahren viele Patienten mit Magen- und Darmspiegelung und beobachtet eine Zunahme von Nahrungsmittelunverträglichkeiten ganz allgemein. Dafür gebe es mindestens drei Gründe: "Die Diagnostik ist besser, die Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema Unverträglichkeiten gestiegen, und außerdem gibt es allerhand Exotisches auf dem Markt zu kaufen", sagt Raithel. Früher wären leichte Unverträglichkeiten eher toleriert worden. "Wenn heute etwas nicht stimmt und es im Darm grummelt, begibt sich der Betroffene auch auf die Suche nach der Ursache", sagt Raithel. Für den Patienten mit einem Reizdarm und Durchfällen sei es wichtig, eine ordentliche Diagnostik durchzuführen und zunächst einmal andere Erkrankungen auszuschließen, die für die Symptome verantwortlich sein könnten.

Laktase-Enzym
© Curry, A.: The milk revolution. In: Nature 500, S. 20-22, 2013; Karte: Leonardi, M. et al.: The evolution of lactase persistence in Europe. In: International Dairy Journal 22, S. 88-97, 2012
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Nur ein Drittel der Menschheit kann auch im Erwachsenenalter Milchzucker mit dem Enzym Laktase verdauen. In Europa liegt die Zahl weitaus höher (dunkelblau) als andernorts.

Mit einem Atemtest ließe sich eine Laktoseintoleranz sicher nachweisen, wenn der Test pathologisch ausfällt und gleichzeitig Beschwerden auftreten. "Etwas anders sieht es bei Unverträglichkeiten gegenüber Histamin, Salicylsäure oder Sulfiten aus. Die Diagnose ist schwierig, weil es aktuell keine schnell verfügbaren Routinetests gibt", sagt Raithel. Unter ärztlicher Aufsicht könnten aber ein Provokationstest gemacht werden, bei dem der Betroffene dem verdächtigten Stoff direkt ausgesetzt und die Reaktion des Körpers darauf beobachtet würde. Sicher diagnostizieren lässt sich zudem die Zöliakie, bei der das Gluten aus Weizen, Gerste und Roggen im Verdauungstrakt eine Immunantwort gegen körpereigene Darmzellen in Gang bringt – Durchfälle, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust sind die Folge.

Zöliakie betrifft nur sehr wenige

In den USA und Europa sind etwa 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung von der Zöliakie betroffen; in Deutschland liegen die Zahlen sogar noch etwas niedriger. Laut Walburga Dietrich vom Universitätsklinikum Erlangen leidet bei uns etwa einer von 270 an der durch das Gluten ausgelösten Erkrankung. Die Diagnose "Zöliakie" hat in den letzten Jahren zwar zugenommen, aber lange nicht so stark wie der Markt für glutenfreie Produkte. In den USA ist der Verkauf regelrecht explodiert, im letzten Jahr gaben 30 Prozent der erwachsenen US-Bürger an, Gluten auf ihrem Speiseplan zu reduzieren, wenn nicht gar komplett darauf zu verzichten.

Zöliakie – Mechanismus
© Kirk Woellert, NSF
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Immer mehr Menschen glauben, eine Fülle an Symptomen wie etwa Migräne, Herz-, Darm- oder Gelenkprobleme hingen mit dem Gluten zusammen und verzichten daher auf die Getreideprodukte. Doch die Lage ist wissenschaftlich unklar. "Neben der autoimmunbedingten Zöliakie existiert offenbar eine weitere Form der Glutenunverträglichkeit – die Glutensensitivität, Glutenempfindlichkeit oder wissenschaftlich genauer: nicht-Zöliakie-assoziierte Glutensensitivität", drückt es Alexander Ströhle vom Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung an der Leibniz-Universität Hannover daher recht vorsichtig aus.

Bei der Glutenempfindlichkeit etwa reagieren die Betroffenen nach dem Genuss von getreidehaltigen Produkten mit allerlei Beschwerden. In den Gewebeproben des Dünndarms zeigen sich aber keine Schäden, und der Bluttest weist keine typischen Antikörper nach, wie sie bei der Zöliakie auftreten. Unter glutenfreier Ernährung tritt eine Verbesserung der Beschwerden auf. Etwa sechs Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung sollen davon betroffen sein, für Deutschland gibt es bisher jedoch keine Angaben. Die Forschung auf dem Gebiet der Glutenempfindlichkeit gleiche zurzeit der Geschichte von den Blinden und dem Elefanten, wird Sheila Crowe von der University of California in einem Beitrag von "Scientific American" zitiert: Drei Blinde werden zu einem Elefanten geführt; jeder beschreibt das Tier anders, weil der eine nur den Rüssel, der andere die Beine und der Dritte den Schwanz abtastet.

Die Kräfte des Marktes

Übertragen auf die Glutenproblematik könnte das beudeten: Hinter dem großen Unbekannten "Glutenempfindlichkeit" stecken womöglich mehrere Leiden, die nicht nur durch das Gluten, sondern auch von verschiedenen anderen Molekülen aus dem Getreide ausgelöst werden. Verdächtige Kandidaten sind etwa die "Amylase-Trypsin-Inhibitoren", kurz ATIs. Gluten und ATIs sind im Getreideprotein eng miteinander verbunden. ATIs schützen die Pflanzen vor Schädlingen. Da in der Zucht besonders Wert auf eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen geachtet wird, enthalten die modernen Hochleistungsgetreide besonders viel davon, und das könnte ein Grund dafür sein, warum auch die Glutenempfindlichkeit in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Bevor die Forschung hier jedoch eindeutige Zusammenhänge nachweisen kann, gibt es viel Raum für Spekulation und Intuition. In Gesprächen mit 31 Personen, die sich glutenfrei ernähren, obwohl sie nicht an einer Zöliakie leiden, gewann Lauren Moore von der University of Kansas einige aufschlussreiche Erkenntnisse: Eine Mutter wird zitiert, deren Chiropraktiker empfahl, wegen der Magenprobleme ihres Sohnes in der Familie auf Gluten zu verzichten. Schon nach drei Tagen fühlte sie sich so gut wie zuvor lange nicht. Ihre Magenprobleme und auch die Konzentration verbesserten sich, ebenso ihre Angstzustände, unter denen sie lange gelitten hatte. Eine 44-Jährige machte im Interview das wachsende Misstrauen gegenüber dem Medizinbetrieb für den Aufwind der glutenfreien Ernährung verantwortlich. Sie ist der Ansicht, Gluten könne Diabetes und Bluthochdruck auslösen, wofür es Medikamente gäbe. Davon profitiere der Medizinbetrieb, nicht aber von der Glutenintoleranz, weil hier keine Medikamente, sondern nur eine Ernährungsumstellung helfen könnte.

Nutznießer vom gestörten Vertrauen zu den Ärzten ist in der Tat die Nahrungsmittelindustrie. Glutenfreie Produkte sind oft viel teuerer als herkömmliche Nahrungsmittel. Der Markt für glutenfreie Produkte wird sich in den USA bis zum Jahr 2017 auf geschätzte 6,6, Milliarden Dollar ausweiten – das wäre eine Verfünffachung verglichen mit 2011. "Wohin wird uns der zweifelhafte 'Frei-von'-Weg eines Tages führen", fragt der schottische Arzt Des Spence in einem Kommentar im "British Medical Journal". Gegenwärtig würden die Kräfte des Marktes das Thema "Nahrungsmittelunverträglichkeiten" mehr beeinflussen als die Medizin selbst – was stets eine schlechte Medizin bedeute.