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Verhaltenstherapie: Goldstandard – aber nicht für alle

Menschen mit Migrationshintergrund profitieren mitunter weniger stark von einer kognitiven Verhaltenstherapie. Ein Grund dafür könnten Vorurteile sein – auf beiden Seiten.
Nahaufnahme der gefalteten Hände eines Schwarzen Mannes
Menschen, die einen Migrationshintergrund haben oder einer ethnischen Minderheit angehören, profitieren davon, wenn Therapieprotokolle an sie angepasst werden. (Symbolbild)

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt als Behandlung der ersten Wahl für eine Reihe psychischer Probleme. Das scheint aber nicht unbedingt für Patienten zu gelten, die einen Migrationshintergrund haben oder einer ethnischen Minderheit angehören. Darauf weist eine Forschungsgruppe um Stanley Huey von der University of Southern California in einer Übersichtsarbeit hin.

Zwar sei die KVT bei Minderheiten wie Afroamerikanern und Menschen asiatischer Abstammung grundsätzlich wirksam, so die Fachleute. Es gebe jedoch Hinweise darauf, dass weiße Patienten von einer Therapie stärker profitieren. Zudem fehle es an ausreichender Evidenz für die Wirksamkeit der KVT bei Patienten mit Migrationshintergrund, die an bestimmten Störungsbildern wie Autismus-Spektrum-Störungen, bipolarer Störung oder Essstörungen leiden.

Ein Grund für die schlechtere Wirksamkeit scheinen kulturell bedingte Vorurteile gegenüber Psychotherapie zu sein. Angehörige ethnischer Minderheiten nehmen seltener eine Therapie in Anspruch, auch wenn man ihren sozioökonomischen Status berücksichtigt. Studien zeigen, dass sie weniger an die Wirksamkeit der Behandlung glauben und sich tendenziell lieber auf ihr soziales Netz aus Familie, Freunden und spirituellen oder religiösen Führern verlassen.

Werden KVT-Protokolle entsprechend angepasst, kann das zu besseren Ergebnissen führen. Das zeigte etwa ein Rauchentwöhnungsprogramm in den USA, das bei schwarzen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfolgreicher verlief, wenn spezifisch für sie relevante Themen integriert wurden – etwa das historisch bedingt geringere Vertrauen von Afroamerikanern in das US-Medizinsystem, Stressoren wie Diskriminierung oder der Einfluss der Nachbarschaft auf das eigene Verhalten. Chinesisch-amerikanische Patienten mit Depression profitierten davon, wenn in der Therapie auf Unterschiede zwischen dem westlichen Krankheitsmodell und dem der traditionellen chinesischen Medizin eingegangen wurde, Stigmatisierung und somatische Aspekte einer Depression besprochen sowie kulturell relevante Metaphern und Weisheiten integriert wurden.

Viele Untersuchungen legen außerdem nahe, dass weiße Therapeuten Vorurteile gegen Angehörige ethnischer Minderheiten hegen. Vier von fünf Psychotherapiepatienten mit Migrationshintergrund berichten, sich während der Behandlung zumindest subtil diskriminiert gefühlt zu haben. Auch dass Schwarze in den USA überproportional häufig eine Schizophreniediagnose erhalten, aber seltener die einer Depression, dürfte auf Stereotype zurückgehen. Ein größere Zahl an Therapeuten, die selbst einen Migrationshintergrund haben oder in kultureller Sensibilität trainiert werden, könnte dabei helfen, Ungleichheiten in der Versorgung von psychischen Leiden zu bekämpfen, schlussfolgern die Autoren.

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