Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren und einem intelligenten Computeralgorithmus ist es Forschern gelungen, Angsterfahrungen im Gedächtnis von Probanden besonders geschickt wieder zu "überschreiben". Das Team um Hakwan Lau von der Columbia University in New York brachte dafür zunächst 17 Versuchspersonen bei, ein Bild mit einem speziellen Symbol mit einem unangenehmen, aber noch erträglichen Elektroschock in Verbindung zu bringen. Nach einigen Durchläufen reichte schließlich allein der Anblick des Symbols aus, um den Teilnehmern Angst und Stress zu verursachen, was sich etwa in einer Veränderung der Hautleitfähigkeit äußerte.

Während des Versuchs maßen die Forscher die Hirnaktivität der Probanden und fütterten ein Computerprogramm mit den Daten. Dieses lernte mit Hilfe von Mustererkennungsverfahren, spezielle Aktivitätsmuster im visuellen Kortex der Teilnehmer herauszufiltern, die sich immer genau dann zeigten, wenn die Probanden das unheilvolle Symbol erblickten.

Belohnung statt Schock

Diesen neuronalen "Kode" nutzen die Wissenschaftler dann im nächsten Schritt, um ihren Versuchspersonen die antrainierte Angst wieder abzugewöhnen: Sie baten sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen erneut in ihr Labor und ließen sie dieses Mal eine andere Aufgabe im Hirnscanner bewältigen. Doch immer, wenn die Aktivität im visuellen Kortex der Probanden wieder jenem Muster ähnelte, das die Forscher zuvor beim Anblick des Elektroschockbilds herausgefiltert hatten, bekamen die Teilnehmer nun eine Belohnung in Form von Geld überreicht. Die Probanden hatten keinen Schimmer, was genau den Geldsegen auslöste, sie wussten nur, dass es irgendetwas mit ihrer Hirnaktivität zu tun hatte. Wissenschaftler nennen dieses Verfahren auch "decoded neurofeedback".

Drei Tage und unzählige Belohnungen später machten die Forscher mit ihren Versuchspersonen schließlich erneut die Probe aufs Exempel: Sie zeigten ihnen wieder das Symbol, das den unangenehmen Elektroschock ankündigte. Nun brachte der Anblick die Teilnehmer allerdings nicht mehr ins Schwitzen. Und auch die Amygdala, die vereinfacht oft als das "Angstzentrum" im Gehirn bezeichnet wird, blieb stumm. Für Lau und seine Kollegen steht damit fest: Sie hatten es tatsächlich geschafft, die Angsterinnerung der Probanden zu überschreiben, indem sie die spezielle Hirnaktivität, die mit dieser Reaktion einherging, einfach mit einer angenehmen Belohnung verknüpften. Und das noch dazu relativ subtil.

Die Forscher hoffen, dass ein solches Verfahren eines Tages auch die Therapie von Angststörungen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen verbessern könnte. Denn im Gegensatz zur typischen Konfrontationstherapie, bei der die Patienten sich ihrer Angst bewusst stellen müssen, würde der "Umweg" über die Hirnaktivität dies im Prinzip überflüssig machen. Eine "Bibliothek mit Hirnaktivitätskodes" für alle möglichen Dinge, vor denen Menschen sich fürchten – zum Beispiel Spinnen oder Schlangen – könnte das möglich machen, glauben die Forscher. Ob das Verfahren mit solchen "Universalkodes" überhaupt funktioniert, bleibt allerdings noch zu überprüfen.