Die meisten von uns kennen zumindest einen Menschen, der schon einmal mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hatte. Obgleich solche Lebensphasen verbreitet sind, werden sie in der Regel als ungewöhnlich und sogar als beschämend angesehen. Neue Befunde aus aller Welt, darunter auch unserer Forschungsgruppe, legen jedoch nahe, dass die Mehrheit der Menschen einmal im Leben eine diagnostizierbare psychische Störung entwickeln wird.

Seit Langem ist bekannt, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt ungefähr 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung akut unter einer psychischen Erkrankung leiden. Sie sind psychisch so schwer belastet, dass ihr Privatleben, ihre Leistungen in der Schule oder bei der Arbeit beeinträchtigt sind. Die meisten Betroffenen bekommen keine Therapie.

Schon ab Mitte der 1990er Jahre ließen umfangreiche Studien in den USA vermuten, dass fast jeder Zweite zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben betroffen ist. Diese Untersuchungen umfassten Tausende von Teilnehmern, die in Hinblick auf ihr Alter, ihr Geschlecht, ihre soziale Herkunft und Ethnie repräsentativ für die gesamten USA waren. Allerdings handelte es sich um retrospektive Befragungen, das heißt, sie beruhten auf der Erinnerung der Probanden an Gefühle und Verhaltensweisen, die Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte zurückliegen konnten. Aber unser Gedächtnis ist fehlbar, wie die Forschung zeigt: Wenn man Menschen nach ihrer psychischen Verfassung fragt, machen sie oft wechselnde oder widersprüchliche Angaben. Es ist also fraglich, wie zuverlässig solche retrospektiven Befunde sind. Noch dazu verweigert jeder Dritte, der zu solchen Studien eingeladen wird, seine Teilnahme. Und wie weitere Erhebungen nahelegen, verfügen diese Antwortverweigerer im Schnitt eher über eine schlechtere psychische Gesundheit.

Nur rund jeder Sechste dauerhaft psychisch gesund

Einen anderen Ansatz verfolgt deshalb eine aktuelle Untersuchung von einem von uns (Schaefer), die dieses Jahr im "Journal of Abnormal Psychology" erschien (schon der Name lässt ein überholtes Krankheitsverständnis vermuten). Anstatt die Probanden zu bitten, viele Jahre zurückzudenken, verfolgten wir eine Generation von Neuseeländern aus derselben Stadt von der Geburt bis ins mittlere Lebensalter. Alle paar Jahre suchten wir nach Hinweisen auf eine psychische Erkrankung und stellten fest: Bei solchen regelmäßigen Screenings mit forschungsbasierten Instrumenten steigt der Anteil jener, die zumindest kurzzeitig unter einer psychischen Störung leiden, auf mehr als 80 Prozent. In unserer Kohorte blieben bis ins mittlere Lebensalter nur 17 Prozent verschont. Weil unser Team nicht sicher sein konnte, dass die Teilnehmer in den Jahren zwischen den Screenings gesund geblieben waren, könnte der Anteil sogar noch niedriger liegen.

Anders gesagt: Die Studie zeigt, dass die meisten Menschen wahrscheinlich einmal eine psychische Störung entwickeln. Es ist wahrscheinlicher, als etwa an Diabetes, Herzerkrankungen oder Krebs zu erkranken. Ähnliche Kohortenstudien in der Schweiz und in den USA haben unsere Daten bestätigt.

Einmal krank, immer krank? Stimmt nicht!

Eine landläufige Annahme lautet: Wer einmal psychisch krank wird, bleibt es für den Rest seines Lebens. Laut neuen Befunden trifft das aber auf die verbreitetsten psychischen Beschwerden nicht zu. "Psychische Erkrankungen sind oft von kurzer Dauer oder nicht so schwer wiegend", sagt der Epidemiologe John Horwood, Direktor einer großen Längsschnittstudie in Christchurch, Neuseeland. Auch von seinen Probanden erkrankten fast 85 Prozent bis zur Lebensmitte mindestens einmal an einer psychischen Störung.

Diese Erkenntnis könnte eine nützliche Botschaft sein. Denn wie der Sozialpsychologe Jason Siegel sagt, verhalten sich Menschen mitfühlender und hilfsbereiter, wenn sie glauben, dass die gesundheitlichen Probleme eines Freundes oder eines Kollegen vorübergehen. Und genau das brauchen Betroffene: Unterstützung. Denn selbst kurzzeitige Beschwerden können im Leben eines Menschen verheerende Schäden anrichten. Um als psychisch krank diagnostiziert zu werden, sagt Horwood, müsse man schon recht strenge Kriterien erfüllen. "Die Störung muss das Leben erheblich beeinträchtigen."

Manchen Menschen mag es so erscheinen, als würden mit solchen Befunden normale menschliche Erfahrungen pathologisiert. Aber viele Interessenvertreter von Betroffenen widersprechen dieser Sichtweise. "Die Zahlen überraschen mich überhaupt nicht", sagt Paul Gionfriddo, Präsident von "Mental Health America", einer nationalen Interessenvertretung von Betroffenen. Die Organisation hält psychische Erkrankungen für verbreitet, aber nicht unbedingt für fortdauernd. Vor drei Jahren brachte Mental Health America ein webbasiertes Instrument heraus, mit dem Menschen eigenständig überprüfen können, ob sie an einer psychischen Erkrankung leiden und womöglich behandlungsbedürftig sind. Seitdem wurde es 1,5 Millionen Mal genutzt, und jeden Tag kommen 3000 Screenings dazu.

Hohe Erkrankungsraten haben auch Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir Krankheiten untersuchen und behandeln sollten, glaubt unter anderem der Betroffenenvertreter Gionfriddo. Sein Sohn erkrankte in der Kindheit unbemerkt an einer Schizophrenie, lebte schließlich auf der Straße und landete im Gefängnis. "Die Gesellschaft würde von einem allgemeinen Screening der psychischen Gesundheit enorm profitieren", sagt Gionfriddo.

Eine US-Taskforce für Prävention empfiehlt derzeit ein solches Screening für jedes Kind ab elf Jahren. Und doch zählt es längst nicht zu den Routineuntersuchungen. "Auch bei Erwachsenen sollte das so üblich sein, wie den Blutdruck messen zu lassen."

Eine robuste Seele zeigt sich schon bei Fünfjährigen

Und noch eine andere Schlussfolgerung liegt nahe: Die Forschung sollte jene Menschen genau untersuchen, die nicht ein einziges Mal in ihrem Leben psychisch erkranken. Ihre psychische Konstitution entspricht offenbar der körperlichen von gesunden 100-Jährigen: Sie trotzt allen Widrigkeiten. Ihre robuste Psyche zu studieren, könnte nützliche Erkenntnisse liefern und damit vielen anderen Menschen helfen.

Wer sind diese außergewöhnlichen Menschen? In unserer neuseeländischen Kohorte fanden wir zwei besondere Merkmale: Erstens waren auch ihre Verwandten selten an einer psychischen Störung erkrankt. Zweitens fanden wir bei ihnen vorteilhafte Persönlichkeitsmerkmale: Schon mit fünf Jahren erlebten sie augenscheinlich weniger negative Gefühle, kamen mit Gleichaltrigen besser zurecht und verfügten über eine größere Selbstkontrolle. Wohlgemerkt waren sie in der Kindheit aber weder reicher noch klüger oder körperlich gesünder als ihre Altersgenossen.

Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Psychische Erkrankungen sind nahezu universell. Die Gesellschaft sollte diese Beschwerden deshalb ebenso betrachten wie gebrochene Knochen, Nierensteine oder Erkältungen: als normales Auf und Ab des menschlichen Lebens. Das würde uns ermöglichen, die nötigen Ressourcen für Screenings, Behandlung und Vorsorge psychischer Erkrankungen bereitzustellen. Und es könnte außerdem helfen, um in schweren Zeiten nachsichtiger mit uns selbst oder mit nahestehenden Betroffenen umzugehen.