Die Haltbarkeit von Datenträgern bietet dauerhaften Grund zur Sorge. Mancher Musikliebhaber, dessen selbst gebrannte CDs sich nach zehn Jahren nicht mehr abspielen lassen, mag sich nach der Vinylscheibe zurücksehnen. Omas alte Fotos überdauerten Jahrzehnte im Schuhkarton, doch ob sich der USB-Stick mit den Urlaubsbildern noch in 50 Jahren öffnen lässt, ist fraglich. Und kürzlich ist in Großbritannien ein ganz und gar traditionelles Speichermedium sogar zum Politikum geworden, nämlich als es abgeschafft werden sollte: das Pergament.

Die Rede ist vom Beschluss des britischen Oberhauses von Anfang Februar dieses Jahres. Traditionell wird dort die doppelte Urschrift neuer Gesetzestexte – eine für das Parlaments- und die andere für das Nationalarchiv – auf Pergament aus Ziegenhaut gedruckt. Zur Kosteneinsparung sollte künftig nur "gewöhnliches" Papier verwendet werden. 80 000 Pfund pro Jahr würden eingespart, umgerechnet etwas mehr als 100 000 Euro, rechneten die Kritiker vor.

Pergament wird aus Tierhäuten gewonnen, bevorzugt aus denen von Ziegen, Schafen oder Kälbern, und bleibt im Gegensatz zum Leder ungegerbt. Im Englischen wird ein Diplom umgangssprachlich noch als "sheepskin", also Schafshaut bezeichnet, ein Verweis auf die Verwendung dieses Materials für wichtige Dokumente. Hingegen ist unsere Redewendung "Das geht auf keine Kuhhaut" in Bezug auf die Pergamentherstellung nicht ganz exakt, da die Häute ausgewachsener Rinder ungeeignet dafür sind. Das Ausgangsmaterial sollte nämlich möglichst dünn sein, und für die diesbezüglich höchste Qualitätsstufe wurden sogar ungeborene oder neugeborene Tiere gehäutet, was dem Endprodukt die mittelalterlich-lateinische Bezeichnung "pergamentum abortivum" einbrachte.

Gebundene Ausgabe
© Gerald Raab / Staatsbibliothek Bamberg
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Jeweils vier oder fünf Doppelseiten wurden zusammengenäht und übereinandergestapelt, sie bilden die Lagen des Buchs.

Aus der Haut junger, vermutlich zumeist tot geborener Kälber oder Kälberföten wurde das besonders lichtbeständige Vellum gewonnen. Der Begriff kommt vom lateinischen "vitulus", Kalb, beziehungsweise "vitulinum", wörtlich "kälbern" im Sinne von "vom Kalb kommend". Es hat sich im Französischen (wo veau Kalb und vêler kalben bedeutet) in der heute noch gebräuchlichen Bezeichnung Vélin für besonders dünnes Papier erhalten. Auf Grund seines hohen Preises fand das Vellum, der in mittelalterlichen Skriptorien "levior membrana", also zartes Pergament, genannte Schriftträger, nur bei besonders wertvollen Handschriften Verwendung.

Weich und weiß

Statt in eine gerbsäurehaltige Lösung, wie bei der Lederproduktion, wird die Tierhaut bei der Pergamentherstellung zunächst über mehrere Tage in eine Kalklauge eingelegt und dadurch weich gemacht. Danach können auf der Unterseite die letzten Fleischreste und auf der Oberseite die Haare abgeschabt werden. Hierfür wird ein speziell geformtes Messer benutzt, das in Anspielung auf seine mondsichelartig gebogene Klingenform "lunarium" oder "lunellum" genannt wird. Fleisch- und Hautseite lassen sich bei genauem Hinschauen in der Regel selbst noch beim benutzten Pergamentblatt unterscheiden, denn die Oberseite weist die Poren der Haare auf, während die Unterseite glatt und zumeist heller ist. Sie wurde demzufolge auch bei einseitiger Beschriftung bevorzugt. Die Anordnung und Größe der Poren lässt sogar Rückschlüsse auf die Tierart zu, aus der das Pergamentblatt gewonnen worden war.

Doch bis die bearbeitete Tierhaut in rechteckige Blätter oder Bahnen zerteilt werden kann, wird sie nach einer weiteren Reinigung noch getrocknet und gestrafft, indem man sie in einen Rahmen spannt, danach mit Bimsstein oder einem ähnlich rauen Material glättet und schließlich mit Kreide abpudert, damit die Tinte oder die Malfarben der Illustrationen besser trocknen und haften. Im Mittelalter waren das für die schwarzen Buchstaben eine dunkle Tinte aus Eisensulfat (Vitriol) und Galläpfeln (Eisengallustinte) sowie für Hervorhebungen in roter Schrift eine Tinte aus Mennige (Bleioxid). Bei der Illumination von Prunkhandschriften kam neben pflanzlichen oder mineralischen Farben, deren genaue Rezeptur oftmals Betriebsgeheimnis war, auch Blattgold zur Anwendung. Das Auftragen der Schrift erfolgte mit zugeschnittenen Kielen von Vogelfedern, bevorzugt wurden die äußersten Schwungfedern von Gänsen.

Auch heute noch in Handarbeit

Ein knappes halbes Dutzend Handwerksbetriebe weltweit versteht sich noch auf das aufwändige traditionelle Herstellungsverfahren. Zu ihnen zählt die in der kleinen Ortschaft Newport Pagnell in der Grafschaft Buckinghamshire ansässige Firma William Cowley. Seit 1870 bezieht der britische Staat von ihr sein Pergament. Der Beschluss des Oberhauses, künftig auf Pergament zu verzichten, hätte sie am stärksten getroffen.

Aufspannen und abschaben
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Der Chef der kleinen Firma, Paul Wright, meldete sich denn auch in der öffentlichen Debatte zu Wort. Zum einen zweifelte er den Einsparungseffekt an; seinen Unterlagen zufolge zahle das britische Parlament im Schnitt jährlich nur 47 000 Pfund für das Pergament. Zum anderen aber führte auch er das Haltbarkeitsargument ins Feld. Von der berühmtesten britischen Urkunde, der Magna Carta von 1215, seien immerhin vier originale Exemplare überliefert. "Hätte man die Magna Carta auf Papier geschrieben, wäre sie heute nur noch ein Tütchen Staub", wird Wright in den Medien zitiert. "Und hätten frühere Zivilisationen nicht Pergament benutzt, wüssten wir so gut wie nichts über unsere Vergangenheit".

Ähnlich argumentierte der Abgeordnete James Gray, der Sprecher einer Gruppe von Parlamentariern, die die Umstellung ablehnen: "Pergament hält 5000 Jahre", er kenne aber keine Papierfabrik, die eine längere Haltbarkeitsgarantie als 250 Jahre einräume. Und überhaupt: Die biegsame Floppy Disk der 1990er Jahre liege beispielsweise "jetzt auch schon im Mülleimer der Geschichte".

Schon Anfang November 1999 gab es einen vergleichbaren Vorstoß zur Abschaffung des Pergaments. Eine "seltene Allianz" von Labour-Hinterbänklern und Torie-Abgeordneten, wie es "BBC News" formulierte, schmetterte damals die Initiative mit 121 zu 53 Stimmen, also einer komfortablen Mehrheit ab. Nicht zuletzt mit Verweis auf die Arbeitsplätze, die durch die Einsparung von damals geschätzt 30 000 Pfund per annum verloren gegangen wären.

Widmungsbild im "Wiener Dioskurides"
© Widmungsbild für Anikia Juliana im "Wiener Dioskurides" (um 512), fol 6. verso / public domain
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Nun scheinen sich die Traditionalisten erneut durchgesetzt zu haben. Matthew Hancock, seines Zeichens Cabinet Office Minister, eine Art britischer Kanzleramtschef, hat angekündigt, die Kosten, die aus der fortgesetzten Verwendung von Pergament für Gesetzestexte und Staatsurkunden entstehen, aus dem Etat seines Ministeriums bestreiten zu wollen. "Unsere Gesetze auf Vellum zu überliefern, ist eine jahrtausendealte und erstaunlich kostengünstige Tradition. Während sich die Welt um uns herum ständig ändert, sollten wir einige unserer großen Traditionen bewahren und die Verwendung von Vellum nicht aussterben lassen", sagte er dem "Daily Telegraph".

Erhaltene Pergamente reichen bis in die Spätantike zurück

Doch stimmt das überhaupt? Wie sieht es wirklich mit den Vorteilen von Pergament gegenüber Papier aus, vor allem was die Lebensdauer betrifft? Die Parlamentsakten, die im Public Record Office des britischen Oberhauses vertreten sind und selbstredend auf Pergament geschrieben wurden, reichen immerhin bis ins Jahr 1497 zurück. Doch es gibt noch viel älteres Material.

So etwa die um das Jahr 600 in Rom verfassten Anweisungen Papst Gregors I. zur "pastoralen Fürsorge". Sie sind die ältesten erhaltenen Pergamentblattbücher und werden heute unter der Inventarnummer MS 504 in der Stadtbibliothek von Troyes in Nordostfrankreich aufbewahrt – vollständig und in nahezu perfektem Zustand. Noch weiter in die Vergangenheit reichen einige erhaltene spätantike Werke wie der "Wiener Dioskurides", ein pharmakologisch-botanisches Werk von 512 n. Chr., das seit 1997 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt, oder der sogar rund 100 Jahre ältere "Vergilius Vaticanus", in welchem sich auf 76 Blättern mit 50 Miniaturen die Aeneis des Vergil befindet.

"Hätte man die Magna Carta auf Papier geschrieben, wäre sie heute nur noch ein Tütchen Staub" (Paul Wright)

Seit Erfindung der Schrift suchen gerade die Herrschenden nach Wegen, eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen, nicht selten kombiniert mit einem gesunden Ewigkeitsanspruch. Für alle Zeit unverrückbar wurden Erlasse oder Urkunden an den Wänden sakraler oder profaner Bauten angebracht. So ließ Pharao Ramses III. (1187-1156 v. Chr.) – offensichtlich aus der Erkenntnis heraus, dass vor allem sein Namensvetter Ramses II. (1279-1213 v. Chr.) in großem Maßstab Denkmäler seiner Vorgänger usurpiert hatte, indem er einfach deren Namenskartuschen ausmeißeln und durch seine eigenen ersetzen ließ – die Hieroglyphenzeichen in seinem eigenen Totentempel in Medinet Habu sozusagen fälschungssicher gestalten: Bis zu 15 Zentimeter tief mussten die Steinmetze die Schriftzeichen in den Stein graben. Und tatsächlich haben sie sich dort bis heute erhalten.

Bekanntester Datenträger des pharaonischen Ägyptens war jedoch der Papyrus, in einem aufwändigen Verfahren aus den Stängeln der Papyruspflanze gewonnen und entsprechend teuer. Prachtvolle Schriftrollen, bei denen einzelne Papyrusblätter zu langen Streifen verklebt wurden, waren die Ausnahme, so wie beim Totenbuch des Schreibers Ani aus der Zeit um 1300 v. Chr, das es in seinem Ursprungszustand auf 24 Meter Länge brachte – bis es 1888 für einen leichteren Transport ins Londoner British Museum in 37 Stücke zerschnitten wurde. Alltagsnotizen, private Kaufverträge und ähnliche Informationen wurden dagegen entweder auf Keramikscherben oder Kalksteinsplittern, so genannten Ostraka, festgehalten – eine Speichertechnik, die in den Archiven viel Lagerraum verschlang, aber unschlagbar günstig war.

In der internationalen Korrespondenz mit den benachbarten Königreichen des Vorderen Orients verwendeten die Pharaonen übrigens weder Papyrus noch Hieroglyphen, sondern griffen auf die mesopotamische Keilschrift (und die altbabylonische Sprache) zurück, deren Schriftzeichen mittels Griffeln in Tontafeln eingedrückt wurden. Auch dies zwar ein platzintensives, aber relativ fälschungssicheres Speichermedium. Denn bei besonders wichtigen Inhalten wurde die getrocknete Tontafel mit dem Originaltext vollständig mit einer zweiten Lehmschicht ummantelt, auf der der Wortlaut wiederholt wurde. Gab es den Verdacht von Manipulationen am Außentext, wurde unter Zeugen der "Umschlag" aufgebrochen und dessen Aufschrift mit dem Inhalt des inliegenden Dokuments abgeglichen.

Mehr Platz für mehr Text

Trotzdem setzte sich auch in Mesopotamien allmählich, und spätestens ab Beginn des neuassyrischen Reichs im 9. vorchristlichen Jahrhundert, der Gebrauch eines platzsparenderen Speichermediums durch, einhergehend mit der Verbreitung des Aramäischen mit seiner Buchstabenschrift als häufigster Umgangssprache. Im British Museum kann der Besucher heute noch ein Relief betrachten, das einen Hinweis auf die damals herrschende Materialvielfalt gibt. Es stammt aus dem Südwestpalast König Assurbanipals (669-627 v. Chr.) in Ninive und zeigt eine makabre Szene, bei der im Angesicht des Königs die abgeschlagenen Köpfe der Gegner registriert werden. Daneben stehen zwei Schreiber, von denen der eine die traditionelle Tontafel oder vielleicht auch eine Wachstafel mit einem Griffel beschriftet. Sein Kollege hingegen, der zudem anders als die übrigen Assyrer dieser Szene ohne Bart dargestellt ist, was ihn eventuell als Ausländer oder Eunuchen ausweist, hält einen länglichen Schriftträger in seiner Hand. Dieser wellt sich wie ein Blatt Papier nach unten, sein herabhängendes Ende ist etwas eingerollt. Hier wird unverkennbar ein flexibles Material beschriftet, vielleicht eine aus Ägypten importierte Papyrusrolle oder ein Lederstreifen, der nach Gebrauch ebenfalls eingerollt aufbewahrt wurde. Um die Dauerhaftigkeit dieses Speichermediums war es allerdings im verhältnismäßig feuchten Klima Mesopotamiens nicht sonderlich gut bestellt. Aufzeichnungen auf leicht vergänglichen organischen Materialien haben sich dort nicht erhalten, anders als in Ägypten, wo dank der trockenen und warmen Witterung unzählige Papyri die Zeit überdauert haben.

Dass eine neue Schriftform mit einem neuen Schriftträger einhergeht, schildert auch Herodot im 5. Buch seiner "Historien". Seinen Angaben zufolge lernten die griechischen Ionier "bei den Phoinikern die Buchstabenschrift kennen und nahmen sie mit geringen Änderungen von ihnen an und nannten sie auch mit Recht phoinikisch … Auch nennen die Ionier die Bücher seit alters 'Felle', weil sie früher, als sie noch kein Papyrus hatten, auf Ziegen- und Schaffelle schrieben, und auch heutzutage schreiben die Barbaren vielfach noch auf solche Felle."

Tierischer Ursprung
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Und das taten sie aus gutem Grund. Denn neben Papyrus dürfte sorgfältig enthaartes Leder der älteste flexible Schriftträger gewesen sein, der sich bequem aufgerollt aufbewahren ließ. Vor allem aber waren beide Materialien in begrenztem Umfang sogar wiederverwertbar. Wenn man die alten Aufschriften abschabte, ließ sich die kostbare Rolle erneut nutzen, das Pergament mehr noch als der Papyrus. Zahlreiche Pergamente sind solche Palimpseste (von griechisch: palimpsestos, wieder abgekratzt).

Mit naturwissenschaftlichen Methoden ist es mittlerweile in vielen Fällen möglich, auch die getilgten Texte erneut sichtbar zu machen, da mit bloßem Auge nicht mehr sichtbare Tintenmengen in tiefere Schichten des Pergamentblatts durchsickerten und so auch das Abschaben überstanden. Dadurch konnte in der Hauptmoschee der jemenitischen Hauptstadt Sana'a bei Restaurierungsarbeiten ein Konvolut von Koranhandschriften geborgen werden, auf deren Pergamentblättern trotz Tilgung noch Textversionen diverser Suren aus der Zeit vor der Kanonisierung des Koran unter Kalif Othman (644-656) identifiziert werden konnten. Dies war für die Islamwissenschaft insofern eine bedeutende Entdeckung, als Othman nach der Festlegung des verbindlichen Wortlauts und der Abfolge der Suren sämtliche davon abweichenden Koranversionen vernichten ließ, so dass über diese so gut wie nichts bekannt war.

"Und auch heutzutage schreiben die Barbaren vielfach noch auf solche Felle" (Herodot)

Für anders gelagerte naturwissenschaftliche Analysen will man hingegen die Tatsache nutzen, dass Leder und Pergament tierischen Ursprungs sind. In der Mitte des 20. Jahrhunderts sind in elf Höhlen oberhalb von Khirbet Qumran am Toten Meer mehr oder minder gut erhaltene Schriftrollen mit überwiegend religiösem Inhalt geborgen worden. Neben einer Rolle aus Kupferblech und einigen wenigen aus Papyrus bestand der Rest der Funde aus Leder- und Pergamentrollen, die zum Teil in antiken Tonkrügen aufbewahrt worden waren. Der überwiegende Anteil der Texte lag jedoch über die Jahrhunderte ungeschützt auf dem Boden der Höhlen, weswegen die Rollen in oft nur wenige Quadratzentimeter große Fragmente zerfallen sind. Um in diesem Sammelsurium tausender Textfetzen wenigstens zu ermitteln, welche Bruchstücke einst zur selben Rolle gehörten, will man DNA-Analysen einsetzen, da nur die aus derselben Tierhaut gewonnenen Fragmente auch dieselbe Erbsubstanz aufweisen.

Not macht erfinderisch

Wie es zur Erfindung des Pergaments gekommen sein soll, erwähnt Plinius im 13. Buch seiner Naturgeschichte und beruft sich dabei auf ein Zitat aus dem heute nahezu komplett verloren gegangenen umfangreichen Werk des römischen Universalgelehrten Marcus Terentius Varro aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Seit hellenistischer Zeit galt die Akademie von Alexandria als das Zentrum der antiken Gelehrsamkeit schlechthin, ein Thinktank der dort in der Nachfolge Alexanders des Großen herrschenden Ptolemäer-Dynastie. Daran hatte auch die berühmte Bibliothek mit ihren angeblich mehr als anderthalb Millionen Schriftrollen aus Papyrus maßgeblichen Anteil.

Fleisch auf Fleisch, Haar auf Haar
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Beim Binden der Lagen wurde darauf geachtet, dass nie Fleisch- und Haarseiten aufeinanderlagen. Pergament wölbt sich zur Fleischseite hin, durch die abwechselnde Anordnung hält sich das Buch zum Teil selbst in Form – Buchspangen taten das Übrige.

Der Überlieferung nach hatte man das explizite Ziel, jedes in der damaligen Welt kursierende Werk zumindest in einer Abschrift zu sammeln. Alle im Hafen von Alexandria lagernden Schiffe sollen durchsucht worden sein, ob sich Texte an Bord befanden. Wurde man fündig, beschlagnahmte man das Dokument für die Dauer des Kopierens. Nun kam im Reich von Pergamon an der kleinasiatischen Westküste der König Eumenes II. (197-159 v. Chr.) auf die Idee, in seiner Hauptstadt ein ganz ähnliches Gelehrtenzentrum einzurichten.

Prompt unterband Ptolemaios VI. (180-145 v. Chr.), der schon ein Ende seiner Vormachtstellung herannahen sah, die Lieferung von Papyrus. Denn über dessen Herstellungsmonopol verfügte sein Reich Ägypten, und ohne das ließ sich keine Bibliothek aufbauen. Unter dem Motto "Not macht erfinderisch" sollen die boykottierten Pergamener als Ersatzmaterial den neuen, fortan nach ihrer Stadt benannten Schriftträger entwickelt haben. Dieser zeichnete sich zudem gegenüber dem konkurrierenden Papyrus durch geringere Dicke, höhere Festigkeit, glattere Oberfläche und hellere Grundfarbe aus.

Allerdings weisen Funde von Pergamentrollen aus der Stadt Dura Europos am mittleren Euphrat im heutigen Syrien nahe der Grenze zum Irak, die schon aus dem ausgehenden 3. Jahrhundert v. Chr. stammen könnten, darauf hin, dass die Nutzung von ungegerbten und dünn geschliffenen Tierhäuten älteren Ursprungs ist. Denn auch die Materialbezeichnung Pergament tritt erst sehr spät in Erscheinung, nämlich erstmals im Preisedikt des römischen Kaisers Diokletian aus dem Jahr 301 n. Chr. Zuvor waren die verarbeiteten Tierhäute unter anderem als "membrana" oder "diphthera" bekannt.

Die 1,5 Millionen Schriftrollen der alexandrinischen Bibliothek, die mehrfach einem Großbrand zum Opfer fiel, beanspruchten immensen Lagerraum, vor allem viel ungenutzten Platz in Gestalt des zylindrischen Hohlraums im Inneren einer jeden Rolle. Die nächste Entwicklungsstufe des Datenkomprimierens lag förmlich auf der Hand: Statt die Schriftträger als lange Bahnen zu fertigen, die aufgerollt wurden, war es deutlich platzsparender, sie in gleich große rechteckige Blätter zu zerschneiden, die übereinandergelegt, an einer Seite miteinander verbunden und zwischen zwei schützenden Einbanddeckeln aufbewahrt wurden. Der Codex, das Buch, war geboren! Und ab jetzt setzte der endgültige Siegeszug des Pergaments in Spätantike und Mittelalter ein, denn Papyrus war auf Grund seiner Dicke und seiner unregelmäßigen Oberfläche für das Bilden von Lagen völlig ungeeignet und verschwand deswegen so gründlich vom Markt, dass das Rezept zu seiner Herstellung im 20. Jahrhundert erst wiederentdeckt werden musste.

Pergament wurde jetzt bevorzugt zu Doppelseiten (Bifolien) geschnitten, von denen vier (Quaternio) oder fünf (Quinio) zu einer Lage zusammengefasst wurden. Die einzelnen Lagen band man schließlich zu einem Buchblock zusammen, wobei die beiden schützenden Buchdeckel zumeist aus dünnen Holzbrettchen bestanden, die mit plastisch verziertem Leder oder wiederum mit Pergament überzogen waren. Die einzelnen Pergamentseiten wurden in mühseliger Handarbeit vornehmlich in den Skriptorien der Klöster beschriftet und mit Illustrationen versehen und waren dadurch so wertvoll, dass die Klosterbibliothekare die fertigen Bücher an den Lesepulten anketteten.

Chancenlos gegen das Papier

Dies änderte sich erst mit der Erfindung des Mainzers Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, und dem gleichzeitigen Aufkommen eines neuen beschreibbaren Materials in der westlichen Welt: des Papiers. Beides revolutionierte die Geschwindigkeit der Datenspeicherung und der Datenweitergabe. Zwar sind noch ungefähr ein Viertel der 180 überlieferten Exemplare der ersten mit beweglichen Lettern gefertigten Gutenberg-Bibel von 1455 auf Vellum gedruckt worden. Der Siegeszug des Papiers war jedoch nicht mehr aufzuhalten, zumal dieses neue und viel billigere Material die Druckerschwärze wesentlich besser aufnahm als das glatte Pergament.

Viele Schattierungen
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Im alten China hatten die Menschen das Rezept gefunden, wie sich aus zerkleinerten Pflanzenfasern und zerfetzten Textilresten ein beschreibbares Material herstellen ließ. Namentlich der Hofbeamte Cai Lun, der um 100 n. Chr. für die Fertigung von Waffen und Geräten am kaiserlichen Hof tätig war und erstmals die Herstellung von Papier beschrieben hat, gilt als sein Erfinder. Papierfunde reichen in China aber sogar bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. zurück.

Über die Handelswege der Seidenstraße kam zunächst die muslimische Welt mit dem neuen Schreibmaterial in Kontakt. Die Kalifen Harun al-Raschid (786-809), bekannt als Protagonist der Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht", und dessen Sohn und zweiter Nachfolger al-Ma'mum (813-833) aus der Abbassiden-Dynastie machten ihre damalige Hauptstadt Bagdad zum neuen Mittelpunkt der Gelehrtenwelt. Hier sammelte man Schriften aus aller Herren Länder bis hin nach Indien und China und erbat sich Manuskripte sogar vom byzantinischen Kaiser. Das 825 gegründete Bait al-Hikma ("Haus der Weisheit") beherbergte auch Juden und Christen, die im Auftrag der Muslime an der Übersetzung antiker griechischer und römischer Texte ins Arabische und Persische mitwirkten. Ohne diese Sammeltätigkeit wären vermutlich große Teile des antiken Wissens verloren gegangen – und damit ein Wissen, das die mittelalterliche Scholastik ebenso befeuerte wie den Beginn der modernen Wissenschaft in der Renaissance.

Allerdings erweist sich das Massenprodukt Papier – vor allem wenn es aus den vergangenen anderthalb Jahrhunderten stammt – inzwischen als großes Sorgenkind der Bibliothekare und Buchrestauratoren. Es ist zu säurehaltig und zerfrisst sich dadurch ganz von allein. Deutlich weniger Kopfzerbrechen bereitet ihnen darum das Pergament, vorausgesetzt, man lagert es unter optimalen Bedingungen. Als ideal gelten Temperaturen um 20 Grad Celsius und eine konstante Luftfeuchtigkeit von mindestens 40 Prozent. Und dafür zu sorgen, ist eine dankbare Aufgabe für den immer noch faszinierendsten und komplexesten Datenspeicher überhaupt, der bei 36 bis 37 Grad Celsius seine optimale Betriebstemperatur hat: das menschliche Gehirn.

Die Redaktion dankt Gerald Raab von der Staatsbibliothek Bamberg für fachkundige Auskünfte und das bereitgestellte Bildmaterial.