Am 25. April um 14.15 Uhr, so wünschen es sich die Organisatoren des "Tags gegen Lärm", soll Ruhe herrschen – für 15 Sekunden. Einfach mal innehalten, keinen Laut von sich geben, jegliches Geräusch vermeiden. Nicht nur den Ohren, sondern dem ganzen Körper und der Seele eine kurze Erholungspause gönnen. Vielleicht regt dies auch manche dazu an, danach einfach etwas leiser weiterzumachen, so es möglich ist. Und damit sich selbst, aber auch andere zu schonen.

Auf der Autobahn
© Richard Zinken
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAuf der Autobahn
Viel zu oft machen wir uns gar nicht richtig klar, wie viel Krach uns ständig umgibt, im Gegenteil: Wir registrieren ihn eher dann, wenn er fehlt – bei einem Waldspaziergang, auf einer autofreien Insel, beim Blick ins Tal während einer Bergtour. Wir sind daran gewöhnt, ständig beschallt zu werden. Menschen sind dabei unterschiedlich empfindlich; den einen stört das leise Fernsehergeräusch des Nachbarn, der andere schläft in der Einflugschneise oder an der Hauptverkehrsstraße bei offenem Fenster. Doch eines ist sicher: Ständiger Lärm macht krank.

Lärm überall

Laut Daten des Umweltbundesamtes beklagen sich drei Viertel der Bewohner Deutschlands über Belästigung durch zu laute Geräusche. Bei den Verursachern steht Straßenverkehrslärm mit sechzig Prozent ganz oben, gefolgt von den Nachbarn, dem Flugverkehr, Industrie- und Gewerbelärm und zum Schluss dem Schienenverkehr. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass es nicht nur um das Geräusch an sich geht, sondern auch um den Zeitpunkt des Auftretens: Nachts wirken sich Geräusche weit stärker aus als tagsüber, weil das Auge als zusätzlicher Sinn fehlt. Sie verlängern die Einschlafzeit, machen den Schlaf unruhiger und lassen uns auch häufiger kurz aufwachen, ohne dass wir uns morgens daran erinnern. Zudem kommt der Körper in Stress, wie die vermehrte Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol anzeigen. Die Folge: Der Körper kommt nicht mehr zur nötigen Ruhe, wir starten gerädert in den Tag.

Neben Schlafstörungen zieht Lärm noch eine ganze Reihe weiterer negativer Effekte für die Gesundheit nach sich. Nahe liegend natürlich Hörschädigungen: Einzelereignisse mit mehr als 140 Dezibel (A) können ein Knall- oder Explosionstrauma mit Innenohrschwerhörigkeit und Hochtonhörverlust hervorrufen. Der Zusatz (A) kennzeichnet dabei, dass der Schalldruckpegel nicht als objektive Messgröße verwendet wird, sondern auf einer Skala beruht, welche die unterschiedliche Empfindlichkeit des menschlichen Ohrs hinsichtlich der Frequenzen berücksichtigt.

Doch reichen auch schon mittlere Schallpegel, um das Ohr zu schädigen – wenn der Lärm von Dauer ist, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Geschätzt fünf Millionen Arbeitnehmer sind im Beruf längerfristig mehr als 85 dB(A) ausgesetzt. Nicht umsonst ist Lärmschwerhörigkeit die häufigste anerkannte Berufskrankheit, die bei etwa 5500 Betroffenen jährlich attestiert wird. Ab 80 dB(A) muss der Arbeitgeber daher für geeigneten Gehörschutz sorgen, ab 85 dB(A) müssen ihn die Arbeitnehmer auch tragen.

Junge Ohren in Gefahr

Sorgen bereitet Forschern aber auch die zunehmenden Hörbeeinträchtigung bei Kindern durch zu lautes Spielzeug oder Feuerwerkskörper sowie bei Jugendlichen durch zu laute Musik über Kopfhörer, in Diskos und bei Konzerten – bereits bei jedem vierten Jugendlichen, so schätzt die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft, ist das Hörvermögen durch Lärm geschädigt. Hier soll ein Projekt des Bundesverbandes deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe mit Unterstützung des baden-württembergischen Sozialministeriums Abhilfe schaffen: Sie haben einen DJ-Führerschein entwickelt. In einem sechsstündigen Seminar lernen DJs physiologische, akustische und auch haftungsrechtliche Grundlagen, um die Wirkung lauter Musik besser zu erfassen. Man erhoffe sich davon einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Musiklautstärke in Diskotheken. Das Interesse bislang ist groß: Schon über 1600 DJ-Führerscheine wurden ausgestellt.

Doch nicht nur in der Freizeit, auch in der Schule beeinträchtigt Lärm Kinder und Jugendliche. Nicht selten werden in Klassenzimmern Pegel von 60 bis 85 dB(A) gemessen – damit sind nicht nur der sprachliche Austausch gestört, auch die Fähigkeit zu verständnisvollem Lesen verringert sich bereits ab 50 dB(A) – also bei normaler Gesprächslautstärke –, und selbst "moderate Hintergrundgeräusche" verschlecherten die Leistungen um bis zu ein Viertel. Wie eine Studie an 2800 Dritt- und Viertklässlern zeigte, lassen Lernfähigkeit und Gedächtnis drastisch nach, wenn der Unterricht ständig durch Fluglärm unterbrochen wird. Dazu kommen Probleme im sozialen Verhalten, Stress und der Konzentrationsfähigkeit.

Amerikanische Forscher warnen sogar vor noch früheren Schwierigkeiten: Kleinkinder von 13 Monaten taten sich erheblich schwerer, das Sprechen zu erlernen, wenn sie in einer geräuschvollen Umgebung betreut wurden. Aber natürlich kämpfen auch Erwachsene bei zu viel Lärm mit der Konzentration. Bei anspruchsvoller geistiger Belastung und hohen Anforderungen an die sprachliche Verständigung sollten 40 dB(A) im Büro nicht überschritten werden – das ist weniger als Zimmerlautstärke.

Ganzer Körper in Mitleidenschaft

Lärm schädigt auch Herz und Kreislauf, wie inzwischen etliche Studien zeigen. Eine Literaturstudie des Umweltbundesamtes stellte fest, dass das Herzinfarktrisiko bei Männern um dreißig Prozent zunimmt, wenn sie in Wohngebieten leben, in denen der Straßenverkehrslärm tagsüber 65 dB(A) im Mittel übersteigt. Damit ließen sich etwa 4000 Herzinfarkte auf Straßenlärm zurückführen, so das Umweltbundesamt. Und Menschen, die nachts vor ihrem Schlafzimmer im Mittel 55 dB(A) oder mehr erleben mussten, waren fast doppelt so häufig in Behandlung wegen Bluthochdruck wie Vergleichspersonen aus ruhigeren Wohngebieten. Nicht vergessen darf man auch, dass der Straßenverkehr neben Lärm auch Abgase produziert. Eine Studie zu Bronchitis bei Kindern erbrachte beispielsweise, dass Lärm die Häufigkeit der Krankheit weiter steigert, womöglich durch Stressreaktionen. Hier besteht allerdings noch Untersuchungsbedarf.

Darüber hinaus wurde andauernder Fluglärm mit Depressionen, Migräne oder auch Asthma in Verbindung gebracht. Bewohner im Umfeld eines Flughafens mit Nachtflugbetrieb suchen häufiger den Arzt auf und benötigen mehr Medikamente – zur Senkung des Blutdrucks, gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tranquilizer zur Beruhigung und Antidepressiva.

Wo bleibt die Trendwende?

Die Daten sprechen also für sich, und doch klagt Andreas Troge, Chef des Umweltbundesamtes: "Noch herrscht zu viel Ruhe um den Lärm." Es sei höchste Zeit für eine Trendwende, denn es müsse dringend mehr dafür getan werden, die Menschen und ihre Gesundheit davor zu schützen. Hierzu soll die EU-Umgebungslärmrichtlinie beitragen. Im ersten Schritt wird bis Ende Juni 2007 die Lärmbelastung der Bevölkerung in Ballungsräumen und an Hauptverkehrsadern erfasst. Im folgenden Jahr sollen dann unter Mitwirkung der Öffentlichkeit nationale Aktionspläne gegen Lärm entstehen. Man erhoffe sich dadurch auch eine breite politische Diskussion über Lärmwirkungen.

Die Lärmbelästigung zu erfassen, ist auch Ziel des europäischen Forschungsnetzwerks "Silence". Mit Hilfe eines Online-Fragebogens möchten die Wissenschaftler erfahren, wie lärmempfindlich Menschen in verschiedenen Alltagssituationen sind, wie sie den Verkehrslärm in ihrem Wohnumfeld erleben und welches die am stärksten belästigende Lärmquelle ist, erklärt Projektleiterin Barbara Griefahn vom Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund.

Und wie sieht es schon heute mit technischen Maßnahmen aus? Zwar gibt es schallschluckenden Asphalt, und Autos wie Lkw sind heute deutlich leiser als vor Jahren.
Noch herrscht zu viel Ruhe um den Lärm"
(Andreas Troge)
Doch die allgemeine Verkehrszunahme macht solche Errungenschaften wieder wett. Dazu kommt, dass gesetzliche Vorgaben zur Lärmbegrenzung nur bei neuen Straßenbauprojekten gelten, nicht aber bei schon bestehenden Verkehrswegen. Hier können Anwohner höchstens Zuschüsse für Schallschutzfenster beantragen.

Ähnlich beim Schienenverkehr: Auch hier treten Immissionsgrenzwerte nur bei neuen Strecken in Kraft. Bei neu zugelassenen Schienenfahrzeugen gibt es inzwischen aber EU-Lärmgrenzwerte, und auch Verkehrsflugzeuge dürfen von der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation vorgegebene Werte nicht mehr überschreiten. Besonders leise Flieger dürfen übrigens trotz Nachtflugverbot starten und landen – hier erhofft man sich einen Anreiz, dass Fluglinien ältere, laute Flugzeuge durch neue ersetzen.

Jeder ist gefragt

Hinsichtlich Lärm in der Schule kann beispielsweise in Klassenzimmern darauf geachtet werden, dass die Raumakustik verbessert wird. Interessant ist hier die Nachhallzeit, die laut DIN 18041 im Mittel nicht länger als eine halbe Sekunde betragen sollte. Und im sonstigen täglichen Miteinander bleibt vor allem eins: Jeder sollte selbst versuchen, so leise wie möglich zu sein.

Dazu zählen schon einfache Maßnahmen, wie Rasenmähen oder ähnliche laute Aktivitäten wirklich nur auf Werktage zu beschränken, die Stereoanlage oder den Fernseher auf Zimmerlautstärke zu lassen, beim Autofahren möglichst früh hochzuschalten (das spart auch Sprit), Trittschalldämmung in der Wohnung zu verlegen und bei Sommerfesten nicht nur die Nachbarn vorher zu informieren, sondern auch im Lauf des Abends ein bisschen auf den Lärmpegel zu achten – oder sie am besten gleich mit einzuladen. Letztendlich profitieren alle von jedem individuellen Beitrag.

Wie schön wäre es daher, wenn die zentrale Aktion des "Tags gegen Lärm" – der 2007 übrigens 10. Geburtstag feiert – nicht auf taube Ohren stieße, sondern wirklich um 14.15 Uhr für 15 Sekunden Ruhe herrschte. Eine Viertelminute Stille. Erholung für Leib und Seele. Machen Sie mit: Pscht!


Wussten Sie schon?

  • Die objektive Messgröße für Schall ist der Schalldruckpegel, meist angegeben in Dezibel (dB). Da das menschliche Ohr nicht für alle Frequenzen gleich empfindlich ist, wurde der Beurteilungspegel dB(A) eingeführt, der die Unterschiede berücksichtigt.
  • Umgebungsgeräusche weitab von Straßen und Städten liegen bei 20 bis 30 dB(A), eine normale Unterhaltung bei 50 bis 60 dB(A), Presslufthammer, Musikanlagen in Diskos, Konzerte bei bis zu 120 dB(A) und damit bereits an der Schmerzgrenze. Oberhalb davon herrscht akute Verletzungsgefahr.
  • Männer und Jungen sind von Hörschäden deutlich häufiger betroffen als Frauen und Mädchen, wahrscheinlich durch eine größere Exposition im Beruf oder auch Musikvorlieben, und zu wenig gesundheitsbewusstem, "männlichem" Umfang mit Lärm auch in der Freizeit.
  • Experten rechnen damit, dass bei zehn Prozent der Jugendlichen innerhalb von zehn Jahren ein durch Musik bedingter Hörverlust zu erwarten ist, wenn sich die Hörgewohnheiten nicht ändern.