Meterhoch türmen sich Käfige, in ihnen turnen und flattern Vögel aller Couleur, es zwitschert, flötet und piept von allen Seiten: Die Vogelmärkte Javas sind legendär und bei vielen Touristen wegen ihres exotischen Flairs beliebt. Was die wenigsten wissen: Beim größten Teil der Tiere handelt es sich um Wildvögel. "Das Handelsvolumen ist so gewaltig, dass einst häufige Vögel rapide verschwinden", sagt Chris Shepherd, Direktor der südostasiatischen Niederlassung der Artenschutzorganisation Traffic. Traffic veröffentlichte im September einen Bericht, der Experten weltweit alarmierte: 19 036 Vögel zählten Shepherd und Kollegen in drei Tagen auf drei großen Vogelmärkten.

Die Menschen in Indonesien sind begeisterte Vogelfans, das Halten von Vögeln ist Teil ihrer Kultur. In den großen Städten Balis und Javas – Jakarta allein hat elf Millionen Einwohner – besitzt ein Drittel aller Haushalte einen oder mehrere Vögel. Besonders begehrt sind die guten Sänger, mit denen ihre Besitzer an Gesangswettbewerben teilnehmen, die in Indonesien äußerst beliebt sind. Dort tirilieren mehrere Vögel um die Wette, während Richter die Kraft und den Variationsreichtum des Gesangs beurteilen. Lukrativ ist es obendrein: Je nach Wettbewerb locken Preisgelder zwischen 100 und mehreren tausend Euro – hohe Geldsummen, bedenkt man das Durchschnittseinkommen von rund 300 US-Dollar pro Monat.

Bei diesen Papageien auf einem indonesischen Vogelmarkt handelt es sich um geschützte Arten, ihr Verkauf ist verboten. Aber nur in der Theorie: der Handel wird nicht geahndet.
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Bei diesen Papageien auf einem indonesischen Vogelmarkt handelt es sich um geschützte Arten, ihr Verkauf ist verboten. Aber nur in der Theorie: Der Handel wird nicht geahndet.

Das Gesangsrepertoire eines Vogels wird direkt von der Umgebung geprägt, in der er aufwächst. Deswegen stellen Vogelbesitzer ihren Jungvögeln häufig auch Vorsänger an die Seite: Hört ein junger Vogel den Ruf des Vorsängers oft genug, baut er ihn in sein Repertoire ein. Im Trend ist momentan der Ruf der "Grünen Jagdelster" Cissa chinensis – mit direkten negativen Folgen: Der Bestand dieser Vogelart schrumpft. Indonesien steht wegen seiner einzigartigen Vogelwelt schon lange weit oben auf der Liste des internationalen Vogelschutzes. 1719 Arten leben hier – 17 Prozent aller Vogelarten weltweit. 454 Arten sind endemisch, manche kommen nur auf bestimmten Inseln vor, etwa Java-Adler, Bali-Stare oder der bezaubernde Paradiesvogel, der nur auf Papua zu finden ist.

Neue Vorliebe für Singvögel

Die Vorliebe für Singvögel hat sich in Indonesien erst in den vergangenen 30 bis 40 Jahren entwickelt. Zuvor wurden dort vornehmlich Tauben gehalten. Bis zum Jahr 2000 waren Kanarienvögel und chinesische Vogelarten in Mode. Wegen der Vogelgrippe wurden die Importe damals aber verboten, und das Interesse verlagerte sich auf einheimische Singvögel wie etwa die Damadrossel (Zoothera citrina) oder die Schamadrossel (Copsychus malabaricus). "Hört man auf Java heute einen Vogel zwitschern, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er im Käfig sitzt", sagt Roland Wirth, Mitgründer der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz ZGAP, die sich für bedrohte, aber wenig bekannte Tierarten einsetzt und auch in Indonesien aktiv ist.

"Hört man auf Java heute einen Vogel zwitschern, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er im Käfig sitzt" (Roland Wirth)

Um die hohe Nachfrage auf den javanischen Vogelmärkten zu befriedigen, werden die Vögel selbst auf den weit abgelegenen Inseln Indonesiens gefangen. Dabei gilt: Je seltener eine Vogelart, desto höher der Wert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass auch das letzte Exemplar gefangen wird. Vogelfang wird von vielen als Hobby oder Nebenjob praktiziert. Und dank der modernen Technik ist das auch ein leichtes Unterfangen. Statt wie früher zunächst einen Lockvogel besorgen zu müssen, lässt sich der Gesang des Wunschvogels mit dem Handy direkt von der Website Xenocanto herunterladen. Die neugierigen Artgenossen fliegen herbei und flattern direkt ins Netz. "Die Betreiber haben bereits reagiert und den Gesang einiger bedrohter Vögel wegen der Vogelfänger herausgenommen", erläutert Wirth.

Palmöl und Vogelfreunde setzen der Artenvielfalt zu

Dabei ist Vogelfang in Indonesien verboten. Alle einheimischen Vogelarten stehen unter Schutz, und ohne Genehmigung darf niemand Vögel fangen, transportieren oder verkaufen. So weit die Theorie. In der Praxis werden selbst stark bedrohte Arten wie der Bali-Star, von dem noch etwa 100 frei leben, offen zum Verkauf angeboten. "Keiner muss Angst vor Verfolgung haben, da niemand die Gesetze umsetzt. Dahinter stecken Korruption, Gleichgültigkeit, Motivationsmangel. Wenn die Behörden wollten, könnten sie dem illegalen Handel ein Ende bereiten", erklärt Shepherd.

Die Vogelmärkte Indonsiens sind legendär und bei vielen Touristen wegen ihres exotischen Flairs beliebt. Was die wenigsten wissen: Beim größten Teil der Tiere handelt es sich um Wildvögel, wie bei diesen Staren.
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Die Vogelmärkte Indonesiens sind bei vielen Touristen wegen ihres exotischen Flairs beliebt. Was aber die wenigsten wissen: Beim größten Teil der Tiere handelt es sich um Wildvögel.

Auch wenn die Zerstörung des Lebensraums – der Tieflandregenwald Indonesiens musste zu weiten Teilen Palmölplantagen weichen – die größte Rolle im Artensterben spielt, beschleunigt die enorme Nachfrage der Vogelfans es zusätzlich. Die Situation hat sich derart zugespitzt, dass Ende September erstmalig ein Songbird-Crisis-Kongress in Singapur abgehalten wurde. Ornithologen und Artenschutzorganisationen wie Traffic haben die 2014 neu gewählte Regierung Indonesiens nun dringend zum Handeln aufgefordert.

"Wenn die Behörden wollten, könnten sie dem illegalen Handel ein Ende bereiten" (Chris Shepherd)

Wie das Vogelparadies zu retten ist, ist dennoch weitgehend unklar. Einen ungewöhnlichen und umstrittenen Ansatz verficht Paul Jepson von der University of Oxford, der sechs Jahre für BirdLife International in Indonesien gearbeitet hat. "Wir können die Vögel nicht retten, ohne die Kultur der Indonesier zu berücksichtigen", betont Jepson. "In Europa halten Millionen Menschen Katzen. Die fressen Vögel. Wenn die Regierung nun ein Gesetz erlassen würde, die das Katzenhalten verbietet, um die Vögel zu schützen – wie erfolgreich wäre das wohl?"

Jepson befürwortet die kommerzielle Zucht und möchte gleichzeitig das Bewusstsein der Bevölkerung für Artenschutz wecken. Die Idee dahinter ist einfach: Werden ausreichend Vögel gezüchtet, müssen keiner mehr gefangen werden. "Es muss eine Verlagerung stattfinden: weg vom Wildvogel hin zum Zuchtvogel. Der muss qualitativ überzeugen und das Ansehen seines Besitzers steigern", so Jepson. Shepherd sieht das anders: "Arten, die man züchtet, werden trotzdem noch gefangen. Denn Vogelfang ist billiger als Vogelzucht. Und wenn man ohnehin nicht bestraft wird – warum sollte man Vögel dann züchten?" Solange der Handel in Indonesien nicht kontrolliert werde, so lange sei die kommerzielle Zucht keine Lösung.

Nachgezüchtete Vögel könnten die Nachfrage anheizen

Der kommerzielle Ansatz ist im Artenschutz generell umstritten. Denn was, wenn nachgezüchtete Tiere die Nachfrage noch anheizen? Egal, ob es sich um Nashörner, Elefanten oder Vögel handelt, immer steht eine Minderheit einem Heer Interessenten gegenüber. So ergeht es gerade dem Schildschnabel (Rhinoplax vigil), einem der größten Hornvögel Indonesiens. Die prachtvollen Tiere tragen ein massives Horn, das sie zur Revierverteidigung nutzen, indem sie Kopf voran gegen ihren Rivalen knallen. In China war das Horn schon immer begehrt, da es sich zum Schnitzen eignet. In den vergangenen zwei Jahren explodierte die Nachfrage aber, und tausende Vögel wurden geschossen.

Bedrohte Vögel wie dieser indonesische Schwarzflügelstar werden in aufwendigen Zuchtprogrammen – in diesem Fall eine Kooperation des Heidelberger Zoos mit dem Cikananga Conservation Breeding Center – gezüchtet und vermehrt, in der Hoffnung, sie eines Tages wieder auswildern zu können.
© Florian Richter, Chikananga Conservation Breeding Center
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Bedrohte Vögel wie dieser indonesische Schwarzflügelstar werden in aufwändigen Zuchtprogrammen – in diesem Fall eine Kooperation des Heidelberger Zoos mit dem Cikananga Conservation Breeding Center – gezüchtet und vermehrt, in der Hoffnung, sie eines Tages wieder auswildern zu können.

Als letzter Ausweg bleibt somit die "Arche-Noah-Zucht": Bedrohte Vögel werden in aufwändigen Zuchtprogrammen gezüchtet und vermehrt, in der Hoffnung, sie eines Tages wieder auswildern zu können. "Wir versuchen die Vögel über die Zeit zu retten", sagt Wirth, der vor acht Jahren zum Beispiel die Zucht des seltenen Schwarzflügelstars mit Hilfe von Geldgebern wie der ZGAP und den Zoos von Chester und Heidelberg initiierte. Das Cikananga Conservation Breeding Center (CCBC) im Westen Javas hatte Erfolg, erlitt 2015 aber einen herben Rückschlag: 152 Stare wurden trotz Sicherheitsmaßnahmen von professionellen Wilderern gestohlen. "Das wirft die Zucht um Jahre zurück", so Wirth.

Dennoch macht dieses Projekt ein wenig Hoffnung: 30 Vögel wurden am Rand des Halimun-Nationalparks bereits ausgewildert. Drei Paare haben sich fest angesiedelt und brüten nun schon im zweiten Jahr. "Am Rand des Nationalparks wird eine Goldmine betrieben. Wir haben das Wachpersonal mit eingebunden und das größte Dorf der Region." Die Dörfler sind stolz auf den hübschen, weißen Vogel – die Älteren erinnern sich, dass er in ihrer Kindheit allgegenwärtig war.