Wer in Baden-Württemberg lebt, sollte derzeit besser nicht den Schuppen im Garten aufräumen: Es droht eine Infektion mit dem sehr unangenehmen Hantavirus, das durch Mäusekot übertragen wird. Das Risiko ist wieder einmal besonders hoch, denn 2017 ist ein "Hantajahr" – ein Jahr, in dem die eigentlich selten bei Menschen auftretende Krankheit plötzlich epidemische Ausmaße annimmt. Über 450 Fälle der meldepflichtigen Krankheit haben die Gesundheitsämter bisher seit Jahresanfang registriert, 20-mal so viele Infektionen wie 2016.

Hantainfektionen beim Menschen zeigen ein ausgeprägt zyklisches Verhalten, alle paar Jahre tritt die eigentlich seltene Krankheit gehäuft auf. 2007, 2010 und 2012 waren ebenfalls "Hantajahre" mit über 1000 Infizierten. Doch neben dem Zyklus zeichnet sich ein Trend ab: Hantainfektionen scheinen in Deutschland seit der Einführung der Meldepflicht langsam zuzunehmen, und zwar auch dann noch, wenn man die drei außergewöhnlichen "Hantajahre" nicht berücksichtigt.

Das Hantavirus verursacht ein hämorrhagisches Fieber – die Symptome ähneln einer Grippe, zusätzlich schädigt der Erreger die Nieren, ein Verlauf, den man als Nephropathia epidemica (NE) bezeichnet. Im Vergleich zu anderen Stämmen des weltweit auftretenden Erregers ist der in Süd- und Westdeutschland verbreitete Hanta-Serotyp Puumala vergleichsweise zurückhaltend: Einige nordamerikanische Hantaviren töten bis zu einem Drittel aller Infizierten.

Liegt es am Klimawandel?

Dass es tatsächlich mehr Hantafälle gibt, ist nicht komplett abwegig – im Gegenteil. In Belgien, das schon seit 1983 Hantainfektionen überwacht, ist der Trend seit etwa dem Beginn des Jahrtausends sichtbar. Der eigentlich als selten betrachtete Erreger sei seit 2005 praktisch epidemisch, schrieb der Epidemiologe Jan Clement vom belgischen Hantavirus-Referenzzentrum schon vor einigen Jahren im "International Journal of Health Geographics". Der Anstieg sei mit einiger Sicherheit nicht allein auf bessere Überwachung zurückzuführen.

Wahrscheinliche Ursache ist für Clement der Klimawandel, und zwar über den gleichen Mechanismus, der bisher die zyklischen Epidemien auslöste. Die alle paar Jahre auftretenden Hantaausbrüche entstehen dadurch, dass Bäume so genannte Mastjahre haben, in denen sie besonders viele Früchte abwerfen. In solchen Mastjahren gehen die Rötelmäuse, die sich von Bucheckern ernähren, besonders wohlgenährt in den Winter und vermehren sich im nächsten Jahr stark. Viele Mäuse, viele Fälle. In weniger fetten Jahren verschwindet die Krankheit fast vollständig.

Tatsächlich ist die Verfügbarkeit von Bucheckern nach einer Analyse eines Teams um Daniela Reil vom Julius-Kühn-Institut der aussagekräftigste Faktor für die Hanta-Häufigkeit im folgenden Jahr. Der Auslöser der Mastjahre sind warme Sommer – und die nehmen zu. Schon 2011 konstatierte zum Beispiel der Waldzustandsbericht des Landes Rheinland-Pfalz "eine gegenüber den früheren Erfahrungen außergewöhnliche Häufung der Fruktifikationsjahre in den letzten Jahrzehnten". Ursache seien demnach die immer häufiger auftretenden warmen Frühsommer. Immer mehr Bäume bilden immer häufiger Früchte, umso besser geht es den Nagern – und immer mehr Menschen infizieren sich mit dem Hantavirus.

Das Problem mit den Daten

Diese mutmaßliche Klima-Connection auch zu belegen, ist jedoch schwierig. Unklar ist dabei sogar, ob der Anstieg der Fallzahlen real ist. Die Daten aus Frankreich und Belgien legen zwar nahe, dass es auch in Deutschland eine ähnliche Entwicklung gibt. Doch die Erklärung für den Trend könnte auch viel prosaischer sein, sagt der Epidemiologe Mirko Faber, Hantaexperte am Robert Koch-Institut (RKI): "Wir hatten in den letzten zehn Jahren ja drei große Ausbruchsjahre, in denen das Thema sehr stark in den Medien vertreten war. Dadurch hat sich in der Bevölkerung und bei Ärzten das Wissen um die Krankheit vermehrt."

So würden schlicht mehr Verdachtsfälle erkannt, was die höheren Zahlen erklären könne, teilt der Forscher mit. "Dass Hanta häufiger diagnostiziert wird, spielt mit Sicherheit eine große Rolle." Genau wisse man das aber nicht, weil man nur Daten über einen recht kurzen Zeitraum habe und sehr viele weitere Einflussfaktoren eine Rolle spielen: "Es ist schwer zu quantifizieren, welchen Effekt die größere Aufmerksamkeit hat und ob es tatsächlich eine reale Zunahme der Fallzahlen gibt."

Ein Ast mit leeren Bucheckernhüllen dran.
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernBucheckern
Der entscheidende Schnittpunkt zwischen Klimawandel und Hantaausbrüchen in Südwestdeutschland sind die Mastjahre der Buchen: Jene Jahre, in denen die Bäume statt Blättern und Zweigen vor allem Früchte produzieren. Für die Pflanze ist das sehr aufwändig, deswegen passiert das normalerweise nur alle paar Jahre. Mit dem Klimawandel werden Mastjahre häufiger – und damit auch die das Hantavirus übertragenden Mäuse.

Computermodelle der wechselhaften Viererbeziehung zwischen Baum, Maus, Mensch und Virus bringen ebenfalls keine Klarheit, wie schon vor einiger Zeit eine Arbeitsgruppe um Jens Jacob vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) feststellte. Das Team erforschte in den Jahren von 2009 bis 2012 die Beziehung zwischen Hantainfektionen und Klimawandel bis ins Jahr 2060 mit Hilfe von Computersimulationen, konnte jedoch keinen klimabedingten Anstieg nachweisen – auch hier, weil wichtige Daten fehlen.

Mehr Hanta in Zukunft?

Doch auch wenn die bisherigen Daten den Effekt noch nicht zeigen, die meisten Fachleute halten einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Hantainfektionen und Klimawandel für wahrscheinlich. In einem Übersichtsartikel in "Zoonoses and Public Health" kam 2015 eine Arbeitsgruppe um Barbara Schumann von der Umeå Universitet in Schweden zu dem Schluss, dass höhere Temperaturen wohl NE durch Hantainfektionen begünstigen; eine Arbeitsgruppe aus Frankreich kam 2016 zu einem ähnlichen Ergebnis.

Die Mehrzahl der Arbeitsgruppen vermutet deswegen, dass Hantainfektionen in Zukunft tendenziell zunehmen: Auf das Drei- bis Vierfache könnten die Infektionszahlen in "Hantajahren" durch die Erwärmung ansteigen, rechnete 2014 eine Arbeitsgruppe um Christian Imholt vom Julius-Kühn-Institut vor – das wären etwa 10 000 Infizierte.

Zumindest aber scheint bisher keine Gefahr zu bestehen, dass sich der Erreger weiterverbreitet oder gar aggressivere Hantaviren aus anderen Regionen nach Europa kommen. Die Mäuse seien standorttreu, und damit auch die Viren, so Mirko Faber vom RKI. Molekularbiologische Befunde zeigten, dass die Hantaviren selbst in benachbarten Regionen genetisch unterschiedlich sind, das spreche für wenig Bewegung. "Eine flächenmäßige Ausbreitung des Hantavirus, wie es manchmal in Medienberichten suggeriert wird, sehen wir eher nicht."