Das kennen Sie sicher: Sie lesen einen Text, den ein Fachmann geschrieben hat – sei es ein Wissenschaftler, Rechtsanwalt oder Marketingexperte. Und danach fragen Sie sich, was der Autor eigentlich sagen wollte. Kürzlich passierte mir genau das, als ich neue Laufschuhe benötigte. Im Prospekt eines bekannten Herstellers wurde mir erklärt, wie viel hoch entwickelte Technologie in dem Produkt steckt. Ich verstand kein Wort! Lauter englische Begriffe und geheimnisvolle Abkürzungen. Schließlich entschied ich mich für ein Modell einer anderen Marke. Zugegeben, deren Beschreibungen waren auch nicht viel besser.

Unser Wissen darüber, wie wir Sprache verarbeiten, ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen. Durch die bildgebenden Verfahren können wir das Gehirn beobachten, während wir sprechen, lesen oder zuhören. Dadurch wissen wir zumindest ungefähr, welche Wörter oder Wortgruppen in welcher Region eine Aktivität auslösen. Die Ergebnisse der modernen Hirnforschung belegen klar: Einfache Worte in übersichtlichen Sätzen entfalten in den Köpfen der Menschen die größte Wirkung. Warum formulieren viele Autoren und Texter dann nur so verquer, dass das Gehirn des Lesers sofort aussteigt?

Im Folgenden liste ich fünf Lektionen der Neuroforscher für all jene auf, die verständlich schreiben wollen – gleichgültig ob beruflich oder privat. Dabei gilt grundsätzlich: Immer möglichst anschauliche Wörter verwenden! Denn beim Verarbeiten von Sprache muss unser Gehirn hart arbeiten. Aus den eingehenden akustischen Signalen filtert es die Umgebungsgeräusche heraus und versucht bedeutungstragende Laute voneinander zu unterscheiden – sowie Varianten in der Aussprache zu berücksichtigen. Babys lernen dies bereits zu Beginn ihres Spracherwerbs, denn schließlich spricht die Oma ein bisschen anders als die Mutter, und der Vater hat eine tiefere Stimme als beide.

Das Gehirn muss dann diese Laute als Wörter erkennen, mit bekannten Vorlagen abgleichen und ihre Bedeutung im "mentalen Lexikon" abrufen. Danach gilt es zu bestimmen, welche Funktion der Begriff in einem aus mehreren Worten bestehenden Satz erfüllt und welche Rolle das für die Bedeutung des Gesagten hat. Diese Sprachverarbeitung geschieht im Wernicke-Areal, das sich im hinteren Teil des linken Schläfenlappens befindet.

Lektion 1: Auf das Thema einstimmen

Ein durchschnittlich gebildeter Mensch verfügt über einen Wortschatz zwischen 30 000 und 60 000 Wörtern. Diese Wörter sind in seinem Gehirn gespeichert. Dort sind sie aber nicht alphabetisch sortiert wie im Duden. Vielmehr ähnelt ihre Organisation eher der eines Supermarkts: Dort gibt es eine Abteilung für Putzmittel, eine für Backwaren, ein Kühlregal und so weiter. Nach einer Hirnschädigung, zum Beispiel einem Schlaganfall, können bei Patienten einzelne Regionen ausfallen. Die Betroffenen können zwar noch sprechen, ihnen fehlen aber die Vokabeln für Obstsorten, oder es fallen ihnen die Verben der Bewegung – laufen, rennen, marschieren – nicht mehr ein. Das ist dann, als hätte eine Abteilung des Supermarkts geschlossen.

Im Gehirn sind die Begriffe also nach Bedeutung gruppiert. Unterhält sich jemand mit seinem Nachbarn über Fußball, fallen ihm vermutlich wie von selbst viele Spielernamen und Fachbegriffe ein – er befindet sich bereits in der richtigen Abteilung. Anders ist die Situation, wenn man gerade in ein Gespräch über die neuesten Kinofilme vertieft ist und plötzlich nach einem Fußballspieler gefragt wird. Dann dürfte jeder erst einmal stutzen. In Experimenten hatten selbst begeisterte Fußballfans Schwierigkeiten, auf Anhieb bekannte Spieler zu nennen, wenn sie sich geistig gerade mit etwas ganz anderem beschäftigten. Sie waren eben in einer anderen Abteilung des Supermarkts unterwegs.

Die erste Regel für Autoren lautet daher: Stimme deine Leser auf das Thema ein! Dann sucht das Gehirn an der richtigen Stelle nach verwandten Begriffen und Zusammenhängen und kann das Gelesene schneller einordnen und verarbeiten.

Lektion 2: Konkret formulieren

In einem Supermarkt hängt über den einzelnen Abteilungen meistens ein Schild mit den entsprechenden abstrakten Überbegriffen wie "Milchprodukte", "Putzmittel" oder "Backwaren". In unserem Gehirn hingegen sind diese allgemeinen Etiketten an einer anderen Stelle gespeichert als die konkreten Einzelbegriffe. Das ist, als bekäme man am Eingang des Supermarkts einen Lageplan mit den Überbegriffen. Wer etwas Konkretes sucht, muss erst dorthin laufen. Genauso geht es mit den Worten in unserem Gehirn. Versuchen Sie einmal, sich den abstrakten Begriff "Obst" bildhaft vorzustellen! Es wird Ihnen nicht gelingen. Stattdessen werden Ihnen vermutlich sofort einzelne Früchte einfallen: Äpfel, Birnen, Bananen und so weiter.

Kommunikation und Rhetorik
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Daraus folgt die zweite Lektion für Schreiber: Unser Gehirn weiß es zu schätzen, wenn wir konkret werden. "Großvieheinheit" löst in unserem Gehirn nicht gerade ein neuronales Feuerwerk aus. "Kuh" schon eher. Je anschaulicher wir reden, desto mehr Bereiche des Gehirns werden – auch solche in der rechten Gehirnhälfte, die eigentlich nicht viel mit dem Sprachverstehen zu tun hat, sondern mit Bildern und Emotionen. Deshalb läuft vielen das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an ein "zartes Rindersteak" denken. Lesen sie hingegen "Fleischgericht", passiert nichts.

Lektion 3: Vertraute Wörter verwenden

Angenommen, die Strecke zwischen dem Hamburger Rathausplatz und dem Marienplatz in München entspräche der Stammesgeschichte des sprachbegabten Homo sapiens. Fährt man sie von Nord nach Süd entlang, kommt man bis Augsburg, bevor Menschen zum ersten Mal Sprache in Schriftzeichen gebannt haben. Und erst am Münchner Hauptbahnhof beginnt die allgemeine Alphabetisierung in den europäischen Industriestaaten. Kein Wunder, dass das Gehirn sich in dieser evolutionär gesehen kurzen Zeit noch nicht so recht auf das Lesen eingestellt hat. Um es klar zu sagen: Der Mensch ist nicht fürs Lesen geschaffen. Die Hirnforscher nehmen an, dass dabei Fähigkeiten und Regionen unseres Denkorgans genutzt werden, die ursprünglich für andere Aufgaben vorgesehen waren.

Lesen ist – wie das Verstehen von Sprache – ein sehr komplizierter Vorgang. Zunächst nimmt das Auge Buchstabenfolgen wahr. Es fixiert sie für einen sehr kurzen Moment und springt dann weiter. Diese Sprünge des Auges nennt man Sakkaden. Sobald das Gehirn ein Wort in seiner Bedeutung erfasst hat, springt das Auge zum nächsten weiter. Bei Begriffen, die uns vertraut sind, sind die Sakkaden kürzer, bei unbekannten und langen Wörtern länger. Erscheinen besonders schwierige Ausdrücke und komplizierte Sätze, springt das Auge öfter zurück – was die Sache noch wesentlich mühseliger macht.

Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid

Daraus folgt die dritte Erkenntnis für Schreiber: Wir können Texte mit allgemein bekannten Wörtern schneller und leichter lesen. Noch ein weiteres Argument spricht dafür, in Texten vor allem vertraute Begriffe zu verwenden. Wir erkennen viele Wörter an ihrem Schriftbild, ohne erst zu buchstabieren. Daher verstehen wir einfache Texte auch dann, wenn bei den Wörtern nur der erste und der letzte Buchstabe stimmen, die restlichen aber vertauscht sind. Wie zum Beispiel hier: "Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das Ezniige, was wcthiig ist, ist, dsas der estre und der ltezte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid." Das funktioniert aber nur, wenn wir das Wort als Bild gespeichert haben.

Phrasendeutsch wie "Innovationsinvestionsentscheidung" ist in unserem Bildgedächtnis kaum abgelegt. Wir müssen das Wort anders lesen, nämlich indem das Gehirn mühevoll die Schriftzeichen mit gespeicherten Informationen über den Wortklang abgleicht - wozu mehrere Regionen zusammenarbeiten müssen. Was wir dann innerlich hören, sucht unser Gehirn im mentalen Lexikon. Dort finden wir entweder das Wort, oder das Gehirn setzt seine Bedeutung aus ihm bekannten Einzelteilen zusammen. Oder wir denken: "Nie gehört! Was soll das sein?" – wie bei dem Marketing-Blabla über die Laufschuhe.

Lektion 4: Übersichtliche Sätze bauen

"Die Zeugin teilte dem Gericht mit, sie habe den Angeklagten beim Einbruch …" Wenn wir einen Satz hören oder lesen, stellt unser Gehirn eine Hypothese darüber auf, wie er weitergehen könnte. Es könnte ihn in diesem Fall mit "beobachtet " oder "ertappt" beenden. Menschen denken also immer ein Stück voraus. Psycholinguisten sprechen bei dieser vorwegnehmenden Analyse von Satzstrukturen von "Parsing". Die Fähigkeit verbessert das Sprachverständnis – sofern die Hypothesen zutreffen.

Je komplizierter aber die Satzkonstruktionen werden, desto eher läuft das Gehirn Gefahr, eine falsche Annahme über den Ausgang eines Satzes lange Zeit für richtig zu halten; oder der Leser bleibt gänzlich im Ungewissen. Etwa hier: "Die Zeugin teilte dem Gericht mit, sie habe den Angeklagten, der heute hier nicht erschienen ist, weil er durch einen grippalen Infekt, der im Augenblick in der Stadt grassiert, geschwächt ist, …" Auf die Dauer ist das ziemlich anstrengend, und wenn der Leser sich schließlich nicht mehr konzentrieren kann, schaltet er ab. Und verpasst vielleicht den überraschenden Schluss: "… beim Einbruch vor dem Räuber gerettet." Daraus folgt die vierte Erkenntnis für Schreiber: Wer seine Zuhörer und Leser bei der Stange halten will, muss übersichtliche Sätze bauen.

Lektion 5: Bilder erzeugen

Machen Sie jetzt einen kleinen Selbstversuch und lesen Sie bitte zunächst Folgendes: "Da wusch es sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihm den goldenen Schuh reichte. Dann setzte es sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel. Der war wie angegossen. Und als es sich in die Höhe richtete und der König ihm ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: ›Das ist die rechte Braut!‹" (Grimms Märchen: "Aschenputtel").

Und jetzt das: "Arbeitsfreude: von kulturell vermittelten Vorstellungen über den Sinnbezug der Arbeit geformter Begriff. Dient Arbeit der Sicherung der materiellen Existenz, resultiert Arbeitsfreude aus materiellen Entlohnungen; dient Arbeit der individuellen und sozialen Entfaltung, hat Arbeitsfreude eine umfassendere Bedeutung " (Gablers Wirtschaftslexikon). Was spielte sich beim Lesen der beiden Abschnitte jeweils in Ihrem Kopf ab? In der Regel wird die erste Passage eine Fülle von Bildern hervorrufen, die zweite jedoch kaum. Der Hirnforscher Ernst Pöppel von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität unterscheidet entsprechend zwei Arten des Lesens: bildorientiertes und begriffsorientiertes.

Nur Ersteres spricht neben der für Sprachstrukturen zuständigen linken Hirnhälfte auch die rechte an. Das lässt im Leser Bilder und Emotionen entstehen. Die fünfte Erkenntnis für Autoren lautet daher: Wer die Gefühle seiner Leser und Zuhörer ansprechen will, muss bildhaft und anschaulich formulieren.