Ssssssss … jetzt summen sie wieder, die kleinen Plagegeister. Doch Vorsicht, wenn das Summen plötzlich aufhört! Sitzt die Mücke schon auf dem Arm und labt sich am frischen Blut? Meist reagieren wir recht schnell: Sobald wir das Stechinsekt auf der Haut spüren, genügt ein kurzer Blick – und wir schlagen zu.

Wie schaffen wir diese koordinierte Reaktion? Offensichtlich gleicht das Gehirn die räumlichen Koordinaten, die wir über das lästige Objekt von unserem Tast- und Sehsinn erhalten, miteinander ab, um so die Muskeln der abwehrenden Hand treffsicher zu steuern. Klingt ziemlich einfach – ist es aber nicht.

Denn die gefühlten und die gesehenen Informationen müssen nicht unbedingt miteinander übereinstimmen. Wie leicht unser Körper zu verwirren ist, zeigt ein kleines Experiment: Man überkreuze seine Arme, greife sich in die Hände und drehe die überkreuzten Hände zurück zum Körper. Wer jetzt aufgefordert wird, einen bestimmten Finger zu bewegen, wird seine Überraschung erleben: Wie verhext rührt sich die gegenüberliegende Gliedmaße.

Ähnliche Überkreuzungsverenkungen mussten auch die Probanden von Elena Azañón und Salvador Soto-Faraco über sich ergehen lassen. Die beiden Psychologen von der Universitat de Barcelona wollten wissen, wie der Mensch mit widersprüchlichen Sinneswahrnehmungen umgeht.

Widersprüchliche Berührung
© Parc Científic de Barcelona / Current Biology
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernWidersprüchliche Berührung
Hierzu legten die Versuchspersonen ihre überkreuzten Arme auf eine dunkle Unterlage und fixierten zunächst einen Lichtpunkt zwischen ihren Händen. An jedem Ringfinger war eine kleine Apparatur befestigt, mit dem die Experimentatoren leichte Berührungsreize entweder an der rechten oder an der linken Hand auslösen konnten. Nach einer kurzen Pause leuchtete dann ein zweiter Lichtpunkt entweder direkt am Ringfinger oder acht Zentimeter darüber auf – abermals zufällig an der rechten oder an der linken Hand. Mit einem Fußpedal sollten die Probanden so schnell wie möglich mitteilen, wo sie den Lichtpunkt – unabhängig von dem zuvor wahrgenommenen Berührungsreiz – gesehen hatten.

Der Trick der Sache: Normalerweise hilft eine an der gleichen Körperseite wahrgenommene Berührung, einen Lichtreiz zu orten. Liegen die Arme jedoch überkreuzt, widersprechen sich die beiden Informationen.

Tatsächlich ließen sich die Versuchspersonen dadurch irritieren: Ihre Reaktionszeiten lagen im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne gekreuzte Arme deutlich höher – allerdings nur, wenn zwischen den beiden Reizen eine Pause von bis zu 60 Millisekunden lag. Ab einer Unterbrechung von 200 Millisekunden unterblieb die verzögerte Reaktion.

Schlussfolgerung: Das Gehirn ortet den Berührungsreiz zunächst anatomisch korrekt – auch wenn die über die Augen wahrgenommene Lage im Raum etwas anderes vorgaukelt.
"Berührungsreize werden zunächst unbewusst in anatomischen Koordinaten lokalisiert"
(Salvador Soto-Faraco)
Erst mit zeitlicher Verzögerung werden auch die bewusst gesehenen Informationen berücksichtigt.

"Als wichtigstes Ergebnis unserer Studie konnten wir bestätigen, dass Berührungsreize zunächst unbewusst in anatomischen Koordinaten lokalisiert werden", erklärt Soto-Faraco. "Sie erreichen jedoch unser Bewusstsein erst, wenn das Gehirn ein Abbild ihres Ursprungs in räumlichen Koordinaten außerhalb des Körpers gewonnen hat."

Die anfängliche Unterdrückung der bewussten Wahrnehmung erleichtert nach Ansicht der Forscher eine schnelle Reaktion auf Berührungsreize – wie etwa durch hungrige Mücken. Störende Reize werden schlicht ausgeblendet.

"Unser Gehirn vermeidet Verwirrungen, die durch die verschiedenen räumlichen Bezugsrahmen auftreten, indem es zunächst unterhalb der Bewusstseinsschwelle arbeitet", erläutert der Forscher weiter. "Vereinfacht gesagt, funktioniert dieses System der räumlichen Umsetzung ähnlich, wie wenn wir hastig ein paar grobe Notizen machen, die wir später ins Reine schreiben, um dann den Entwurf zu zerreißen."