Männer bekommen im Schnitt ein höheres Gehalt als Frauen. Das ist unstrittig und hat eine Vielzahl von Ursachen – angefangen bei der geschlechtertypischen Berufswahl über Elternteilzeit bis hin zur Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung von Spitzenpositionen. Welche Rolle dabei die Persönlichkeit eines Menschen spielt, erläutert jetzt ein Team um Peter Jonason von der Western Sydney University in der Fachzeitschrift "Personality and Individual Differences".

Die Psychologen baten mehr als 500 Erwachsene, die in Alter, Geschlecht und Herkunft in etwa die Bevölkerung von Australien repräsentierten, Auskunft über ihre Persönlichkeit, Ansichten und Verhaltensweisen zu geben. Rechneten sie andere Einflussgrößen heraus – die Berufswahl etwa erklärt rund die Hälfte der Gehaltsdifferenz –, so ließen sich zwar lediglich weitere vier Prozent der Unterschiede anhand der Persönlichkeit erklären. Doch wie diese sich auswirkte, war bei Männern und Frauen in charakteristischer Weise verschieden.

Für beide Geschlechter galt zunächst einmal: Je narzisstischer und je extravertierter sie sich einschätzten, desto höher war ihr Einkommen. Bei den Frauen erwiesen sich allerdings noch zwei weitere Merkmale als bedeutsam: Gewissenshaftigkeit zahlte sich positiv aus, neurotische Züge schlugen sich negativ nieder. Für das Gehalt von Männern war es offenkundig nicht von Belang, wie gewissenhaft oder neurotisch sie waren.

Als Nächstes untersuchten die Psychologen, welche der Eigenschaften statistisch gesehen als Ursache der Gehaltsunterschiede in Betracht kam. Demnach profitierten Männer tatsächlich von ausgeprägtem Narzissmus, und Frauen verdienten wegen neurotischer Züge schlechter. Die Charaktermerkmale waren also nicht einfach Begleiterscheinungen des jeweiligen Einkommens.

Die Forscher erklären diese Befunde unter anderem damit, dass die Eigenschaften bestimmte Verhaltensweisen nach sich ziehen, die wiederum dem Einkommen zuträglich oder abträglich sind. So könnten narzisstische Männer stärker nach Ansehen streben. Die Zusammenhänge lassen sich auch mit verbreiteten Rollenbildern von beruflich erfolgreichen Männern und Frauen erklären. Je mehr ein Mann dem Stereotyp des narzisstischen Charismatikers entspricht, desto eher wird er für karrieretauglich befunden. Eine Frau sollte fleißig und auf keinen Fall neurotisch – zickig – sein, wenn sie es nach oben schaffen will.