Andrea Wulf, britische Historikerin mit deutschen Wurzeln, erkundet in diesem Buch das Leben und Werk des Naturforschers Alexander von Humboldt. Mit ihren zahlreichen Fernsehauftritten auf ihrer Promotour – von Kulturzeit bis Markus Lanz – hat sie nicht zu viel versprochen. Denn genauso leidenschaftlich und unterhaltsam, wie sie über ihr Thema spricht, schreibt sie auch. Sie hat tausende Briefe, Tage- und Notizbücher gesichtet und sich so eine solide Expertise erarbeitet. Indem sie in die Handlung ihres Buchs geschickt Gedanken, Gefühle und Anekdoten einbaut, entwickelt sie einen fast prosahaften Stil und bereitet Humboldts spannendes Leben so zu einem Pageturner auf.

In seinen frühen Jahren arbeitete der Naturforscher als Bergbauingenieur, wobei er seine Liebe für Geologie und Botanik entdeckte, unentwegt Proben sammelte, Messungen vornahm und die Arbeitsbedingungen der Bergleute zu verbessern suchte. Über den Tod der strengen Mutter waren beide Brüder nicht besonders betrübt, und das Erbe ermöglichte Humboldt, endlich die lang geplante Südamerika-Expedition anzutreten. In fünf Jahren auf dem für Europäer exotischen Kontinent sammelte er, teils unter Lebensgefahr, zehntausende Pflanzen- und Tierproben und dokumentierte eine Vielzahl geologischer, meteorologischer und astronomischer Beobachtungen. Hunderte Skizzen brachte er in dieser Zeit zu Papier.

Sein daraus hervorgehendes Werk über eine Geografie der Pflanzen gilt als erstes Ökologie-Buch überhaupt und enthält sein berühmtes Naturgemälde, einen farbigen Querschnitt des ecuadorianischen Vulkans Chimborazo, der die Natur als Einheit aus vielfältigen Beziehungen und Zusammenhängen darstellt. Bei seiner Rückkehr nach Paris, wo Humboldt 20 Jahre bleiben sollte, wurde er triumphal als Star empfangen, und seine Bücher avancierten zu Bestsellern.

Von Amerika bis Russland

Ein großes Verdienst des Buchs ist es, dass es sich nicht auf den Naturforscher beschränkt, sondern zugleich plastische Sittengemälde malt, wie Humboldt sie empfunden und in seinen Briefen beschrieben hat: vom "autoritären und spießigen" Preußen, dem "wissenschaftsfreudigen" Paris unter Napoleon, dem von Spanien beherrschten Südamerika in Zeiten des Sklavenhandels, den USA kurz nach ihrer Gründung und dem "totalitären" Russland unter Zar Nikolaj I. Dorthin führte Humboldts letzte Expedition, weil er von den Engländern keine Erlaubnis für die gewünschte Indienreise erhielt. Am Kaspischen Meer feierte er seinen 60. Geburtstag mit dem späteren Großvater von Lenin, einem Apotheker. Überhaupt führt Wulf lustvoll das Who's Who des 19. Jahrhunderts vor. So war Humboldt unter anderem mit Goethe, US-Präsident Thomas Jefferson und dem späteren südamerikanischen Revolutionär Simón Bolívar befreundet.

Humboldt ließ sich auf keine wissenschaftliche Disziplin festlegen. An der Natur interessierte ihn einfach alles. Sein Charakter war schillernd; von sich, seinem Wissen und seinen Talenten durchaus überzeugt, hielt er stundenlange Monologe und ließ dabei kaum Raum für Zwischenfragen. Er war ein grandioser Alleinunterhalter und Bestsellerautor, hasste aber offizielle Pflichtveranstaltungen. Junge Forschungsreisende förderte er großzügig, konnte selbst aber schlecht mit Geld umgehen und hatte sein Erbe schon bald für Reisen aufgebraucht. Im Alter musste er sich regelmäßig Geld von seinem Diener leihen. Verführungsversuchen von Verehrerinnen erwehrte er sich standhaft mit der Begründung, er sei nur in die Wissenschaft verliebt, hatte allerdings oft wechselnde beste Freunde an seiner Seite. Er stand im Dienste Kaiser Wilhelm Friedrichs IV., hegte jedoch offene Sympathien für liberale Reformen und war ein strikter Gegner der Sklaverei.

Darwins Inspirator

Humboldts Werke lieferten entscheidende Impulse für Ökologie und Naturforschung. Um diese immanente Bedeutung zu unterstreichen, widmet die Autorin wichtigen "Humboldt-Jüngern" eigene ausführliche Kapitel. Namentlich dem Naturforscher Charles Darwin, der durch die Lektüre von Humboldts Schriften erst zu seinen Reisen inspiriert wurde; dem Zoologen, Illustrator und glühenden Verfechter der Evolutionstheorie Ernst Haeckel; dem Naturschriftsteller Henry David Thoreau, dessen "Walden" als Antwort auf Humboldts "Kosmos" gelesen werden kann; sowie dem autodidaktischen Naturforscher und Autor John Muir, der als Großvater der US-amerikanischen Naturschutzbewegung gilt.

Gerade in Zeiten der bachelor- und masterorientierten Scheuklappenwissenschaften und eines US-Präsidenten, der den Klimawandel als Erfindung der Chinesen bezeichnet, ist es nützlich und wichtig, sich des interdisziplinär und nachhaltig denkenden Universalgelehrten Alexander von Humboldt zu erinnern. Wenn es auf so kurzweilige Art geschieht wie in diesem Buch, dann umso besser.